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Foto: H. Schiller

Predigt des Stadtdekans zum 5jährigen Jubiläum des Hopiz St. Martin

Die Fülle der Zeit und die Nähe Gottes
22. Januar 2012 (Mk 1,14-20)

"Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe." Das ist die Message, mit der Jesus in die Öffentlichkeit tritt. Er nennt sie "sein Evangelium", seine "gute Nachricht". Wenn die Kirche an den ersten Sonntagen des Jahreskreises auf den Anfang des Wirkens Jesu schaut, scheinen diese Worte wie ausgewählt für den Anlass unseres heutigen Festes. Die ersten Worte Jesu sind die Überschrift über seine ganze Mission, und sie können auch wie eine Überschrift über der Arbeit im Hospiz St. Martin stehen. Wo die Zeit sich erfüllt, ist Gott nahe; und wo Gottes Wirklichkeit nahe kommt, da erfüllt sich Zeit.

Was heißt: Erfüllung der Zeit, der Lebenszeit eines Menschen? Was bedeutet Nähe des Reiches Gottes? Wenn wir hören, eines Menschen Zeit sei erfüllt, klingt das für uns nach: dieses Menschen Zeit ist vorbei, abgelaufen. Die Zeit ist um. Tatsächlich leben wir mit einer endlichen Lebenszeit. Die Philosophen der Antike formulierten deshalb: "morimur dum vivimus" – "wir sterben solange, ja sobald wir leben". Welchen Wert sollte das Leben haben, wenn wir doch von der ersten Sekunde an zum Tod verurteilt sind?, grübelten manche. Martin Heidegger, einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts, begriff die ganze Existenz als ein "Vorlaufen-zum-Tode". Doch bedeutete dies für ihn nicht niederschmetternde Vergeblichkeit, sondern Auftrag, in dieser endlichen Existenz sein Dasein zu verwirklichen.

Wenn wir in den biblischen Text schauen, klingt dort ein Verständnis von Zeit an, das nichts mit ablaufender, verrinnender Zeit zu tun hat. "Die Zeit ist erfüllt" lässt anklingen, dass etwas in seiner Fülle und Reife angekommen ist. Und im griechischen Original ist, auch das ist bemerkenswert, nicht von der physikalischen Zeit – "chronos" – die Rede, die stetig und unaufhaltsam dahinfließt wie die Zeit der Uhren, sondern von "kairos" – das ist die Zeit mit Bedeutung: die rechte Zeit, der richtige Moment, Zeit mit Sinn. Wo Menschen Jesus begegnen, erfüllt sich Zeit, da ist es gute, rechte Zeit.

Mit großer Dankbarkeit blicken wir auf die ersten fünf Jahre unseres Hospizes St. Martin zurück. Wir denken an viele Menschen, junge und alte, die ihr Leben hier beschlossen haben oder hier begleitet werden durften, an die Angehörigen und Freunde unserer Gäste, an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Angebote, an die Spenderinnen und Spender, an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Schwestern, die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die Angestellten und Ehrenamtlichen, die hier für sterbende Menschen da waren und sind. Wir sind heute verbunden mit der Kirchengemeinde Mariä Himmelfahrt in Degerloch und mit allen, mit denen wir in Stuttgart im Bereich der Begleitung Schwerkranker und Sterbender partnerschaftlich zusammenarbeiten. Im Namen der Katholischen Kirche in Stuttgart möchte ich ihnen allen, namentlich auch Frau Dr. Angelika Daiker und dem Geschäftsführer Herrn Hiller, "Vergelt's Gott!" sagen.

Bereits 1995 hatte der ambulante Hospizdienst seine Arbeit aufgenommen. Der Bedarf an ambulanter und stationärer Begleitung Sterbender und Trauernder hat seitdem, gerade auch in der großstädtischen Gesellschaft, weiter zugenommen. Jeder der acht stationären Hospizplätze wird ebenso gebraucht wie die ambulanten Betreuungsangebote, nun auch im Kinder- und Jugendhospizdienst. Herzlich danke ich auch allen, die sich um die Hospizstiftung verdient gemacht haben, den großherzigen Stifterinnen und Stiftern, dem Krankenpflegeverein Mariä Himmelfahrt, den Mitgliedern von Vorstand und Beirat. Dass die Gattin unseres Ministerpräsidenten, Frau Gerlinde Kretschmann, die Schirmherrschaft für unser Benefizkonzert in diesem Jahr übernommen hat, freut uns sehr, und ich sage dafür von Herzen Danke. Das ist ein wunderbarer Auftakt unseres Jubiläumsjahres.

Die Zeit hat sich erfüllt, sie ist zu ihrer Erfüllung gelangt. Das Reich Gottes ist nahe. Wenn wir diese Botschaft heute hören und das Bestehen unseres Hospizes St. Martin feiern, ermutigt uns Jesus, menschliche Lebenszeit nicht nur als endliche und verrinnende Zeit zu verstehen, sondern als Zeit, die von Gott her voll werden und sich erfüllen darf. Es geht nicht abwärts, sondern aufwärts. Als Christen glauben wir, dass wir ein Ziel haben, nicht nur ein Ende. Und wir glauben, dass wir an diesem Ziel, das wir aus der Ferne erahnen und spüren können, an das wir durch Christus und in ihm glauben können, dass wir an diesem Ziel jenseits unserer physischen Existenz Fülle und Erfüllung erleben werden. Wir glauben, dass uns, wenn es Zeit ist, nicht Leere, sondern höchste Lebensfülle erwartet. Man mag bei einem Menschen die Fülle der Lebenszeit in den Jahren blühenden Lebens, größter Erfolge, bester Gesundheit usw. ansetzen. Und das Ende der Zeit, das Ablaufen der Zeit dann mit dem Verblühen und Absterben. Vielleicht ist es doch aber so, dass unsere Zeit sich da erfüllt, wo sie scheinbar und nach weltlichen und irdischen Maßstäben am Ende zu sein scheint. Dass die Zeit sich erfüllt, wo die Herrschaft und Wirklichkeit Gottes nahe gekommen ist. "Das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes ist nahe gekommen."

Sind Sterbende dem Himmelreich näher; deshalb, weil ihre Zeit bald zuende ist?  Nicht unbedingt, man kann auch ganz allein und fern von Gott sterben. Und doch kann die letzte Zeit des Lebens in einer oft ganz berührenden Weise eine Zeit sein, in der vieles unwichtig wird, was vorher wichtig war, in der die Frage nach dem Woher und Wohin sich stellt und nach dem Sinn unserer Existenz – nach dem, was ein Leben und unsere Sehnsucht nach Leben letztlich erfüllt. Wo Menschen so fragen, auch anklagen, auch verzweifelt sind, aber auch offen und berührbar sind für das Geheimnis, das wir Gott nennen: da ist die Wirklichkeit Gottes tatsächlich ganz nahe. Und da wo Menschen ihren Nächsten im Sterben nicht alleine lassen, sondern beistehen, da ist die Wirklichkeit Gottes ganz nahe.

Als katholische Kirche sind wir für Schwerkranke, für Sterbende, für Trauernde da. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der das Sterben zum Leben gehört und gehören darf, in der das Trauern zum Leben gehört und das Trösten, in der Menschen nicht auf Fitness und ihren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt reduziert werden und in Krankheit und Sterben nur mehr stören, sondern die sich gerade darin als humane Gesellschaft erweist, dass sie den ganzen Menschen achtet und wertschätzt, vom ersten bis zum letzten Augenblick seines irdischen Lebens und die ihm deshalb nicht zum Sterben hilft, sondern die ihm beim Sterben beisteht und nicht alleine lässt. Das tun wir hier im Hospiz St. Martin, aus tiefer katholischer und christlicher Überzeugung, und in großer Offenheit für alle Menschen, gleich welcher Religion oder Konfession. Und das ist das Evangelium, die frohe Botschaft: Wo wir das tun, da kommt das Reich Gottes ganz nahe, und erfüllt sich Zeit.


 
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