KGR-Wahl

Aufkreuzen und mitgestalten

Kirche – das ist auch Demokratie, nicht nur Hierarchie. Am 22. März 2020 wählt die Diözese Rottenburg-Stuttgart in ihren 1123 Gemeinden die Kirchengemeinde- und Pastoralräte. 123 000 Wahlberechtigte sind im Dekanat Stuttgart aufgerufen, ihre Kirchengemeindeleitung zu bestimmen. Und der Kirchengemeinderat hat etwas zu sagen: Er ist Pastoralrat, Katholikenrat und Kirchensteuerrat. Als Pastoralrat prägt er das Leben der Kirchengemeinde, als Katholikenrat vertritt er alle Mitglieder und als Kirchensteuerrat entscheidet er über den Haushalt.

Der Kirchengemeinderat ist vergleichbar mit dem Gemeinderat der Kommunen. Und in der neuen Kirchengemeindeordnung vom 1. März 2019 ist der Kirchengemeinderat sogar noch weiter gestärkt worden: Er ist das Leitungsgremium der Kirchengemeinde. Alle wichtigen Belange einer Gemeinde müssen dort beraten und beschlossen werden. Gottesdienstzeiten, Firmkonzepte oder der Haushalt: Der Kirchengemeinderat entscheidet mit dem Pfarrer zusammen, was in der Gemeinde geschieht.

42 Kirchengemeinden, 12 Gesamtkirchengemeinden, 18 muttersprachliche Gemeinden und die Gesamtkirchengemeinde Stuttgart wählen im März ihre neue Vertretung. Grundsätzlich hat der Kirchengemeinderat in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mehr zu sagen als die Pfarrgemeinderäte in den anderen Diözesen, dadurch dass er ist Pastoralrat, Katholikenrat und Kirchensteuerrat zugleich ist. Er legt die Rahmenbedingungen für pastorales Handeln fest, vertritt die Interessen der Katholiken und bestimmt über die Finanzen. Im Rahmen der Gesamtkirchengemeinde haben die Kirchengemeinden in Stuttgart allerdings finanzielle Kompetenzen an die übergeordnete Ebene abgegeben.

Portrait einer Kirchengemeinderätin

„Nur wer drin bleibt, kann verändern“

Im März werden auch in Stuttgart neue Kirchengemeindräte gewählt. Magda Dentler aus Bad Cannstatt erzählt, warum die Gremienarbeit Vergnügen bereiten und frauenbewegt sein kann. Das Portrait einer Kirchengemeinderätin, die seit 34 Jahren dabei ist.

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Zeichen und Werkzeug des Heils

Eine Kirchengemeinde ist aber nicht nur eine Organisation, sie soll vielmehr „Zeichen und Werkzeug des Heilswirken Gottes in Jesus Christus“ sein, heißt es in der Kirchengemeindeordnung. Die Kirchengemeinde solle dazu beitragen, dass Menschen wieder zum Leben finden und einander helfen, zum Leben zu kommen. Und dazu sind aufgrund der Taufe alle Gläubigen berufen. Deshalb dürfen alle Katholiken ab 18 Jahren für den Kirchengemeinderat kandidieren und ab 16 Jahren den Kirchengemeinderat (KGR) wählen. Die Mitglieder einer Gemeinde für Katholiken anderer Muttersprache wählen zusätzlich zum örtlichen Kirchengemeinderat einen Pastoralrat, der sich um ihre Belange kümmert und der beratendes Stimmrecht innehat.

Die Geschichte des Kirchengemeinderates

Als der evangelische König Staat und Kirche trennte 

Die Ursprünge der demokratischen Verfassung der katholischen Kirchengemeinde liegen im 19. Jahrhundert. Ausgerechnet dem evangelischen König verdanken es die Katholiken in der Diözese-Rottenburg-Stuttgart, dass sie einen Kirchengemeinderat wählen, der nicht nur über pastorale, sondern auch finanzielle Belange entscheidet.

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Leitung ist Teamaufgabe

Betont wird in der Kirchengemeindeordnung, dass Pfarrer und Kirchengemeinderat gemeinsam und kooperativ die Gemeinde leiten. Der bisherige 2. Vorsitzende heißt daher nun "Gewählter Vorsitzender", der auf Augenhöhe mit dem Pfarrer den Vorsitz des Rates hat. Da auch zwei Stellvertreter benannt werden können, ist die Leitungsaufgabe zur Teamaufgabe geworden. Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes freut sich daher über jeden Katholiken, der bereit ist, sich in die Leitung der Kirchengemeinde einzubringen. „Die Kirche muss sich um das kümmern, was den Menschen tatsächlich wichtig ist und dazu brauchen wir engagierte Laien, die ihre Lebensperspektiven in die Gemeindeleitung einbringen“, sagt er.

Wer sich für die Aufgabe des Kirchengemeinderats interessiert, muss nicht warten, bis er gefragt wird. Alle volljährigen Mitglieder einer Kirchengemeinde können sich bis 2. Februar an den Wahlausschuss, an einen Kirchengemeinderat, an den Pfarrer oder das Pfarrbüro wenden, um ihre Bereitschaft zur Kandidatur zu signalisieren. Insgesamt dürfen in dem Gremium auch zwei Fünftel der Mitglieder aus anderen Kirchengemeinden stammen. Kandidierende, die nicht gewählt wurden, können auch als beratende Teilnehmer hinzugerufen werden, die Vorsitzende der Sachausschüsse sind ebenfalls als beratende Mitglieder berufen. Insgesamt sollten zwei Vertreter der Jugend im Gremium sitzen. Daher heißt es, einfach aufkreuzen und mitmachen. Wen die Kirche begeistert, aber auch wer sich an ihr reibt, kann im KGR das kirchliche Leben vor Ort gestalten.

Die Zahl der Kirchengemeinderäte bestimmt sich nach der Zahl der Kirchengemeindemitglieder: Bis 1200 Katholiken sind es vier Kirchengemeinderäte, zwischen 1201 und 2500 Katholiken sechs Mitglieder, zwischen 2501 und 4000 sind es acht, zwischen 4001 und 6000 sind es zehn und bei mehr als 6000 Katholiken sind es zwölf Kirchengemeinderätinnen und –räte.

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WIE SIEHTS AUS

KIRCHE AM ORT

Vier Fragen an vier Räte

Was bewegt Menschen, sich in der Kirche zu engagieren, ihre Zeit in Gremien zu verbringen und das Gemeindeleben mitzugestalten? Drei Frauen und ein Mann beantworten stellvertretend für die vielen Kirchengemeinderäte vier Fragen, die sich neue Kandidatinnen und Kandidaten stellen könnten. Eines zeigt sich dabei klar: Alle sind mit dem Herzen dabei und bringen ihre je eigenen Talente ein.

„Wir brauchen unterschiedliche Blickwinkel“

Elisabeth Schick-Ebert (52), Unternehmensberaterin und Kirchengemeinderätin in Maximilian Kolbe

Man kann eine Menge bewegen, denn man gestaltet das Gemeindeleben aktiv mit. Man kann Gruppen ins Leben rufen, neue Formate gründen, Gottesdienst-Formen anpassen oder eine Vortragsreihe mit tollen Referenten konzipieren. Auch die Diskussion im KGR ist wichtig. Schließlich geht es darum, was mit der Kirchengemeinde passiert.

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„Da konnte ich mich gut einbringen“

Sabine Andrä, 45 Jahre, Juristin und Kirchengemeinderätin in in St. Theresia (Weilimdorf)

Alle grundlegenden Entscheidungen werden im KGR getroffen. Mir ist zum Beispiel sehr stark im Gedächtnis, dass wir den gesamten Gottesdienstplan, sowohl für die gewöhnlichen Sonntage und die Werktage, als auch für die Festtage neu aufstellen und mit den Gottesdienstplänen der anderen Kirchen der Gesamtkirchengemeinde abstimmen musste. Der Gottesdienstplan prägt eine Gemeinde sehr stark. Da konnte ich mich gut einbringen, zumal ich auch Vorsitzende des Vorstands unseres Kirchenchors bin und so die Wünsche des Chors berücksichtigt werden konnten. Ich denke, wir haben letztendlich eine gute Lösung gefunden, auch wenn immer der eine oder andere unzufrieden sein wird.

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„Jeder bringt auch sein persönliches Netzwerk mit“

Matthias Feist, 51 Jahre, Betriebswirt und System-Integrator und Kirchengemeinderat in St. Elisabeth

Als ich vor 19 Jahren neu in den Kirchengemeinderat kam, musste ich mich erst mal in dem Gremium zurecht finden. Aber es war von Anfang an so, dass man eigene Vorschläge einbringen konnte und die eigene Meinung erwünscht war. Beim Haushalt fällt das am Anfang etwas schwer, aber in Punkto Gemeindeleben kann man gut neue Ideen und Formen vorschlagen. Aktuell haben wir das neue Gemeindehaus auf der Agenda und überlegen, wie wir es mit Leben füllen können.

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„Mein Herz hängt an der Kirche“

Miriam Stenzel, 44, Pharmazeutisch-Technische Assistentin (PTA) und Kirchengemeinderätin in der Heilige Familie in Rohr

Natürlich steht das Ganze mit dem leitenden Pfarrer vor Ort. Aber bei uns ist es eine sehr gute Zusammenarbeit. Ich mache zum Beispiel Familienarbeit in der Gesamtkirchengemeinde und da stand mir unser Pfarrer mit Rat und Tat zur Seite. Also wenn der Pfarrer auch etwas bewegen will, dann kann etwas daraus werden.

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