Adventsserie (3)

An Heiligabend tanzt die ganze Familie bevor es in den Gottesdienst geht

Die muttersprachlichen Gemeinden in Stuttgart sind für viele Menschen eine wichtige Gemeinschaft – in der sie ihre religiöse Herkunft leben und ihre Traditionen pflegen. Für Familie Kraft, deren Wurzeln nach El Salvador und ins Remstal reichen, sind Advent und Weihnachten vor allem eines: eine fröhliche Zeit, in der sich zentralamerikanische und deutsche Bräuche mischen. Ein wichtiger Bestandteil des Heiligabends ist neben dem Abendessen mit Freunden und dem Gottesdienst denn auch der Anruf bei der Familie in El Salvador, die in großer Zahl im elterlichen Haus in San Salvador versammelt ist.

Die Krippe steht schon seit Mitte November in der Wohnung der Krafts in der Ortsmitte von Fellbach-Öffingen und sie hat beeindruckende Ausmaße. Die Figuren sind war handlich klein, aber dafür von großer Zahl. Zu finden sind nicht nur Maria und Josef, das Jesuskind, Ochs und Esel, sondern eine ganze Hochzeitsgesellschaft samt Braut, Bräutigam, Gästen und Musikern. Wer sich Zeit nimmt, die 70 Figuren anzuschauen, findet weitere lustige Details: die Papaya-Verkäuferin, Chapulin Colorado, mindestens einen zentralamerikanischen Superhelden, bekannte Politiker aus El Salvador und einen Menschen, der die Hose halb heruntergezogen hat, um an einen Baum zu pinkeln. Das pralle Leben, versammelt auf ein paar Regalmetern in einer adventlich geschmückten Wohnung in der Region Stuttgart. „In El Salvador hat jede Familie eine große Krippe mit hübschen Details“, erzählt Morena Mercado de Kraft. Sie erinnert sich noch gut an ihre Großmutter, die jedes Jahr drei große Tische zusammengestellt hat, um alle Figuren unterzubringen, die sie im Laufe der Jahrzehnte gesammelt hat. „Wenn ich in El Salvador bin, suche ich auch immer nach neuen Figuren“, sagt die 39-Jährige.

Nach neun Jahren in El Salvador zieht die Familie nach Fellbach

Morena und Arne Kraft leben seit fünf Jahren in Fellbach, der Heimat des 38 Jahre alten Marketingleiters. Zuvor hat das Ehepaar gemeinsam neun Jahre lang in San Salvador verbracht, wo der achtjährige Sohn Santiago geboren ist. Seine beiden jüngeren Geschwister Maximilian und Maya kamen in Deutschland zur Welt. „Das Leben in El Salvador mit Kindern erschien uns zu gefährlich, deshalb sind wir nach Deutschland gezogen“, sagt Arne Kraft. Die Kriminalitätsrate in dem kleinen zentralamerikanischen Land ist hoch, Gewalt unter Jugendlichen auf der Straße keine Seltenheit.

Das Jesuskind liegt auf einem Kissen im Wohnzimmer

Bei dem achtjährige Santiago sind die Erinnerungen an die Weihnachtszeit in El Salvador schon verblasst, aber eins hat er noch deutlich vor Augen: die vielen Jesuskinder, die in einer Krippe oder einfach auf Kissen liegend, überall im Haus der Großeltern zu finden sind. Wie viele der salvadorianischen Bräuche ist auch das Jesuskind auf einem Kissen mit nach Fellbach gekommen: dort liegt es jetzt auf einem Hocker mitten im Wohnzimmer. In El Salvador sind nicht nur die Krippen und die Jesuskinder schon im November in den Häusern zu finden, sondern üppig geschmückte Plastik-Weihnachtsbäume. Den freilich sucht man bei Familie Kraft vergeblich: „Ein Weihnachtsbaum aus Plastik, das geht nicht“, sagt Arne Kraft, der mit der Nordmanntanne die Tradition seiner Eltern weiterführt, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Der Baum steht viel länger. „Beim ersten Baumverkauf in Fellbach sind wir da und suchen uns einen aus, der dann bis Ende Januar stehen bleibt.“

An Heiligabend sind in El Salvador die Häuser offen

Morena Mercado de Kraft genießt den Advent in Deutschland, sie mag es, über die Weihnachtsmärkte zu bummeln, die es in El Salvador nicht gibt. Sie mag die Gottesdienste in der spanischsprachigen Gemeinde in St. Fidelis im Stuttgarter Westen, wo sie viele liebgewonnene Menschen trifft. An den Feiertagen selbst aber verspürt sie dann doch die  Sehnsucht nach den fröhlichen Feiern und den offenen Häusern ihrer alten Heimat am Pazifik. „An Heiligabend besuchen sich Nachbarn, Verwandte, Bekannte den ganzen Tag über. Alle Häuser sind offen und jedem Besucher wird ein kleines Geschenk überreicht“, erzählt sie. Abends kommt dann die ganze Familie im elterlichen Haus zusammen, es wird gegessen, geredet, viel gelacht – und irgendwann dann auch zusammen „La Bala“ getanzt. „Mit Weihnachten hat das Lied nichts zu tun, aber es ist Brauch, an Heiligabend und bei Hochzeiten darauf zu tanzen und zu singen“, sagt die studierte Marketingfrau. Zu „La Bala“ gehört es, zu hüpfen, die Arme zu schwingen  und Küsschen zu verteilen – eben das zu tun, was der Text vorgibt. „Alle machen mit, die Kinder genauso wie die Großeltern“, sagt Arne Kraft, der sich an die eher ernsten Heiligabende in seiner Familie erinnert. „In El Salvador wird viel weniger Wert auf Äußerlichkeiten gelegt, da muss die Serviette nicht richtig gefaltet sein, sondern da tut es auch an Heiligabend mal ein Pappteller.“ Und an Mitternacht gehen dann alle gemeinsam zur Christmette in die Kirche.

Die Familie tanzt auf „La Bala“

La Bala tanzen werden die Krafts an diesem Heiligabend nicht, aber sie werden Freunde zu Gast haben und sie werden zusammen in den Gottesdienst gehen. Auf den Tisch kommt an Heiligabend vielleicht Tamales, in Bananenblätter eingewickeltes Fleisch mit Gemüse, vielleicht aber auch Truthahn oder Ente. „In den ersten Jahren in El Salvador tat ich mich schwer mit Tamales, ich musste immer die dreifache Menge Weißbrot dazu essen, inzwischen habe ich das Nationalgericht lieb gewonnen“, sagt Arne Kraft. Nach dem Abendessen, wenn die Kinder im Bett sind, wird Morena Mercado de Kraft ihre Familie anrufen, alle werden da sein, ein paar tausend Kilometer entfernt in dem kleinen Land am Pazifik. „Als Kind war das schönste an Weihnachten immer der erste Weihnachtsfeiertag, an dem wir alle zusammen an den Strand gefahren sind, um dort den Tag zu verbringen.“ 

Rezept Tamale

Zutaten

3 Hähnchenkeulen
500 ml Gemüsebrühe
800 g Maiskörner aus der Dose
1 Zwiebel
3 Knoblauchzehen
2 Tomaten
2 EL Butterschmalz
60 g gefüllte grüne Oliven
Salz und Cayennepfeffer
4 Bananenblätter

Zubereitung

1. Hähnchenkeulen waschen und in der Brühe bei niedriger Temperatur zugedeckt ca. 25 Minuten garen. Abkühlen lassen und das Fleisch von den Knochen zupfen. Den Mais pürieren. Zwiebeln und Knoblauch schälen und würfeln. Die Tomaten waschen und hacken. 

2. Schmalz erhitzen, Zwiebel und Knoblauch glasig anbraten. Maispüree, Tomaten, Hühnerfleisch und 100 ml der Hühnerbrühe hinzufügen. Bei niedriger Temperatur unter häufigem Rühren dicklich einkochen lassen. Die Oliven dazugeben, mit Salz und Cayennepfeffer abschmecken. 

3. Die Bananenblätter mit kochendem Wasser überbrühen, abtropfen lassen und nebeneinander auf der Arbeitsfläche auslegen. Die Maismasse auf den Blättern verteilen, Blätter einschlagen. Mit Küchengarn zusammenbinden. Im Dämpfeinsatz eines Kochtopfes ca. 40 Minuten garen. 

Tipp: Anstelle der Bananenblätter kann auch Alufolie verwendet werden.

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