Abschied Pfarrer Kneer

„Das ist kein Job, das ist auch nach 50 Jahren noch Berufung“

Bei 70 Jahren liegt das offizielle Renteneintrittsalter katholischer Priester. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart arbeiten etwa 30 Prozent der Pfarrer länger. So ausdauernd wie Martin Kneer, der leitende Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Neckar, sind nur wenige. Im August wird er 75 Jahre alt, Ende Juli verabschiedet er sich dann doch in den Ruhestand. Ganz aufhören aber möchte er nicht. Martin Kneer zieht in die Nähe des Caritas-Seniorenheim St. Monika in Neugereut, „wo ich mithelfe, wenn ich gebraucht werde.“ In St. Peter wird am Sonnntag, 28. Juli, um 11.15 Uhr Abschiedsgottesdienst gefeiert.

Pfarrer Martin Kneer verabschiedet sich Ende Juli 2019 in den Ruhestand.

Warum er Priester geworden ist? Es war des Geist des humanistischen Gymnasiums in Ulm, das Charisma des Religionslehrers und die Begeisterung für den Arbeitskreis Glaubensfragen. „In den Pausen haben wir mit einer Getränkedose im Klassenzimmer Fußball gespielt oder auf der Fensterbank sitzend über Sartre diskutiert“, erinnert sich Martin Kneer. Nach 50 Jahren als Priester diskutiert der 74-Jährige immer noch gerne über Glaubensfragen, freut sich, wenn er ein Kind taufen darf und ein Stück Weges mit einer Familie gehen kann und schätzt das „gottesdienstliche Tun“. „Das ist kein Job, das ist für mich bis heute Berufung“, stellt Kneer fest.

Der Beruf hat sich gewandelt

Geblieben ist ihm die Freude an den Menschen, der Liturgie und den Texten, auch wenn sich in dem halben Jahrhundert das Berufsbild des Pfarrers deutlich gewandelt hat: vom Seelsorger einer Gemeinde hin zum Leiter einer Gesamtkirchengemeinde mit einer immer größeren Aufgabenfülle. „In den 1970er Jahren habe ich noch erlebt, dass das Pfarrbüro von der Haushälterin mit betreut worden ist. Heute haben wir eine hochprofessionelle kirchliche Verwaltung, die die Gemeinden unterstützt. Aber wir haben auf der anderen Seite immer weniger pastorale Mitarbeiter.“

Martin Kneer wollte St. Peter einweihen und erleben

Seit 19 Jahren ist Martin Kneer Pfarrer der Liebfrauengemeinde, seit 2018 leitender Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart- Neckar mit 13 500 Katholiken, drei Gemeinden und 52 Kindergartengruppen. Er hat die Renovierung der Liebfrauenkirche mit geplant und begleitet und zuletzt die Verantwortung für ein noch viel größeres Projekt getragen: den Abriss der alten Kirche St. Peter und den Neubau von Kirche, Kita und Gemeindezentrum auf dem Memberg. St. Peter war für ihn der Grund, seinen Ruhestand hinauszuschieben. „Ich wollte bei der Einweihung dabei sein und auch noch erleben, wie sich Kirche und Gemeindezentrum mit Leben füllen.“ Geweiht wurde die Kirche St. Peter im vergangenen Advent, gefüllt hat sie sich längst. „Wir haben auf dem Memberg einen Ort der Begegnung geschaffen. Wenn ich dort Gottesdienst halte, treffe ich die Kita-Eltern.“ Auch die behinderten Menschen vom benachbarten Heim St. Damiano sind oft in Gemeindezentrum und Kirche zu Gast und die Gemeinde umgekehrt in St. Damiano. Der Weg zum neuen St. Peter freilich war steinig: „Für die Gemeinde war es schwer, Abschied von ihrer alten Kirche zu nehmen. Es war für viele ein Prozess, bis sie den Neubau und die Zusammenarbeit mit der Behinderteneinrichtung St. Damiano als große Chance begreifen konnten.“

Von Shitstorm überrollt

Der Neubau St. Peter war längst nicht die einzige Herausforderung in den 50 Jahren Priestersein. Im Jahr 2013 wurde Martin Kneer vom Shitstorm eines rechtsextremen Blogs überrollt, als er in der Adventszeit einem Cannstatter Gymnasium die Kirche für eine multireligiöse Feier öffnete. Kneer erhielt hunderte von Hassmails, ihm wurde Verrat am eigenen Glauben und Verwässerung der eigenen Überzeugungen vorgeworfen. Noch heute ist der Katholik erstaunt darüber, wie „stark die Toleranzschwelle unter den Christen gesunken ist.“ Dabei ist es dem 74-Jährigen wichtig, für seinen Glauben einzustehen: „Die christliche Botschaft mit ihrer 2000 Jahre alten Tradition hat eine Menge an Lebensweisheit zu bieten. Dafür sollten wir selbstbewusst einstehen.“ Das Problem in Zeiten fortschreitender Säkularisierung sei nur: Viele Menschen könnten diesen Schatz gar nicht mehr annehmen, wenn er von der katholischen Kirche oder von einer Kirche überhaupt komme. „Die Menschen suchen nach Spiritualität, Einkehr und Stille, die sie bei uns finden. Aber sie möchten, dass ein anderes Etikett draufsteht.“

In den Gemeinden immer mit dem Rad unterwegs

Mit seinem Abschied zieht Martin Kneer vom Pfarrhaus in die Nachbarschaft des Seniorenheimes St. Monika nach Neugereut um. In dem Pflegeheim wird er weiter Gottesdienste halten, als Seelsorger da sein und auch die indischen Schwestern unterstützen. Sein goldenes Priesterjubiläum feiert Martin Kneer einmal, seinen Abschied von der Gesamtkirchengemeinde zweimal: am Sonntag, 21. Juli, in Leibfrauen und am 28. Juli in St. Peter. Geschenke möchte er keine, stattdessen freut er sich über Spenden für die Arbeit der Jesuiten in Syrien für Geflüchtete dort. Flüchtlingshilfe ist für den Priester eine Selbstverständlichkeit, sie gebietet sich für ihn aus dem Glauben heraus. Genauso wie ein verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt und den Ressourcen. Deshalb legt der 74-Jährige bis heute die meisten Wegstrecken in seiner Gesamtkirchengemeinde mit dem Fahrrad zurück. Martin Kneer ist ein katholisches Urgestein, mit seinen Ansichten aber trifft er den Nerv der Zeit. Die Botschaft der Fridays for Future ist für ihn Jahrhunderte alt: die Schöpfung bewahren. Und fragt man Martin Kneer nach der Zukunft der Kirche in Stuttgart, antwortet er mit Zuversicht. „Der liebende Gott steht zu seiner Schar.“

Abschiedsgottesdienste und goldenes Priesterjubiläum

An diesem Sonntag, 21. Juli, um 10 Uhr ist Abschiedsgottesdienst in der Liebfrauenkirche und Feier des Priesterjubiläums. Im Anschluss ist Gelegenheit zur geselligen Begegnung auf dem Kirchplatz. Bereits am Samstag, 20. Juli, lädt die Gemeinde von 13 bis 20 Uhr zur Hocketse rund um den Kirchturm Liebfrauen.

Der Abschiedsgottesdienst in St. Peter in der Winterbacher Straße wird am Sonntag, 28. Juli, um 11.15 Uhr gefeiert. Im Anschluss gibt es einen Stehempfang im Zentrum St. Peter.   

 

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