Andreas Marquardt in Vaihingen

„Der Pfarrer ist für die Gemeinde da, und nicht umgekehrt“

In den vergangenen 18 Jahren hat Andreas Marquardt viel bewegt in den Fildergemeinden Bernhausen, Filderstadt und Bonlanden. Nun beginnt eine neue Ära für den 54-jährigen Pfarrer, der künftig die Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Vaihingen mit ihren fünf Kirchengemeinden und 11 000 Katholiken leiten wird. Offiziell eingeführt wird er in einem Investiturgottesdienst am Sonntag, 20. Oktober, um 15 Uhr in der Kirche Zur Heiligen Familie in Dürrlewang. „Ich freue mich sehr auf diese neue Aufgabe und auf die Menschen, denen ich hier begegnen werde“, sagt Marquardt.

Pfarrer Andreas Marquardt leitet künftig die Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Vaihingen.

Vielleicht ist es ein Zufall gewesen, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls hatte noch ein Oberstufenschüler gefehlt, damals am Borromäum in Ellwangen, damit der Leistungskurs Religion zustande kommt. Nachdem ihn der Rektor persönlich gefragt hatte, ob das nicht was für ihn wäre, hatte sich Andreas Marquardt spontan dafür entschieden - und damit womöglich seinen weiteren Weg vorbestimmt. „Es war eine prägende Zeit, die mich als jungen Menschen natürlich beeinflusst hat“, sagt er.

„Einen Ort wechselt man nicht wie ein Hemd“

Andreas Marquardt sitzt an diesem sonnigen Herbsttag auf der Terrasse seines neuen Zuhauses, neben ihm liegt Joschi, sein treuer Wegbegleiter. Dem Hund, einem Deutschen Pinscher mit reichlich Bewegungsdrang, gefällt das neue Domizil mit dem Garten schon ausnehmend gut. Und auch Pfarrer Andreas Marquardt hat sich schon ein wenig eingelebt, wie er sagt. Ganz leicht fällt das nicht nach intensiven 18 Jahren, in denen er auf den Fildern Wurzeln geschlagen hat. Zunächst als Pfarrer in Bernhausen im Dekanat Esslingen-Nürtingen, anschließend in der Seelsorgeeinheit Filderstadt mit den Gemeinden Bernhausen, Bonlanden und der Kroatischen Gemeinde Filderstadt. „Es war eine schöne Zeit und eine emotionale Verabschiedung mit vielen bewegenden Momenten und Überraschungen“, erzählt Marquardt, der in seiner alten Gemeinde nicht nur bei den regelmäßigen Kirchgängern beliebt war. „Einen Ort wechselt man nicht wie ein Hemd“, sagt er.

Mit großem Spaß Theologie studiert

Wenn dem so wäre, dann würden schon viele Hemden im Schrank von Andreas Marquardt hängen. Geboren in Ehingen an der Donau als ältestes von drei Geschwistern, aufgewachsen in Nagold, in Ellwangen das bischöfliche Gymnasialkonvikt Borromäum und in Rottenburg das bischöfliche Studienheim Martinihaus besucht, damals auch bekannt unter dem Namen „Geck“, weshalb er einer der Gecken war. Das sind die Stationen seiner Jugend. Später studierte Andreas Marquardt in Tübingen und am Jesuitenkolleg in Innsbruck Theologie, Pfarrer zu werden sei damals aber nicht sein primärer Antrieb gewesen, sagt er. Vielmehr habe ihn Theologie als solches interessiert, die Vielschichtigkeit des Denkens, die verschiedenen Ansätze und philosophischen Betrachtungen, die Diskussionen über Ethik und Werte, die er mit anderen geführt hat. „Es hat viel Spaß gemacht, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt er.

Spüren, welchen Bedarf es in den Gemeinden gibt

Lange her, aber längst nicht vergessen. 1997 wurde Andreas Marquardt in Schorndorf zum Priester geweiht, zuvor hatte er als Diakon in Leutkirch gearbeitet. Seine Vikarszeit führte ihn dann nach Aalen und Rottweil, bevor er 2001 seine erste Pfarrei in Bernhausen übernahm. Mit der Leitung der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Vaihingen beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt, eine neue Aufgabe, der er sich in freudiger Erwartung stellen wird, wie er sagt. Zu seinem Einzugsgebiet gehören die Gemeinden Christus König und Maximilian Kolbe in Vaihingen, die Gemeinde Zur Heiligen Familie im Stadtteil Dürrlewang, zu der auch das Pfarrhaus gehört, die Gemeinde Maria Königin des Friedens in Büsnau sowie die italienische Kirchengemeinde Cristo Re, die ihre Gottesdienste in der Vaihinger Christkönigskirche im Herzen Vaihingens hält. Rund 11 000 Mitglieder zählt die Gesamtkirchengemeinde, allesamt Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Bedürfnissen, Vorstellungen und Interessen. Wichtig sei, so Marquardt, sich in das bestehende Gebilde einzufügen, zunächst zu spüren, welchen Bedarf es gibt und was die Menschen wollen. „Der Pfarrer ist für die Gemeinde da, nicht umgekehrt.“

„Wir müssen sensibel sein für die Themen der Menschen“ 

Von all seinen bisherigen Stationen hat er so manche Einsicht mitgenommen, geprägt habe ihn zuletzt insbesondere der KiamO-Prozess in Filderstadt, bei dem auch gefragt worden ist, wie Kirche heutzutage wahrgenommen wird. Als Ergebnis der Umfrage sei unter anderem herausgekommen, dass viele Menschen sehr wohl in die Kirche kommen würden, wenn dort ihre Themen eine Rolle spielen würden, so Marquardt: „Das bedeutet doch, dass wir sensibel dafür sein müssen, welche Themen das sind, um sie aufzugreifen.“ 

Feines Gespür für Menschen und Situationen

Er selbst ist offen für Vieles. Er sei wohl eher der lockere Typ, sagt er über sich selbst. Andere Wege zu gehen, Althergebrachtes mit Neuem zu kombinieren, nicht immer nur streng dem Ritus zu folgen entspricht seiner Wesensart. Was ihn ausmacht, ist insbesondere das gute Einfühlungsvermögen, sein feines Gespür für Menschen und Situationen. In allen Gemeinden, in denen er bisher war, hat er noch Freunde und Bekannte, zu denen er Kontakt hält. In Filderstadt sowieso, aber auch beispielsweise in Aalen, wo er demnächst eine Tauffeier für das Kind eines ehemaligen Ministranten hält. Nach Rottweil zieht es ihn ohnehin jedes Jahr zur Fasnet, die es ihm angetan hat seit seiner Zeit als Vikar.

Beim Laufen mit dem Hund kommen Gedanken in Bewegung

Ansonsten liest er gerne in seiner Freizeit, am liebsten Schwedenkrimis der Marke Henning Mankell, Håkan Nesser oder Stieg Larsson, die er nach der ersten Seite nicht mehr aus der Hand legen kann. Daher gönnt er sich dieses Vergnügen nur zur Urlaubszeit, die er praktischerweise meistens am Ort des Geschehens verbringt, in Schweden. Diesen Sommer war er vier Wochen bei Freunden in Småland. „Ich bin schon seit vielen Jahren ein großer Skandinavien-Fan“, sagt Marquardt, der selber Schwedisch spricht. Er ist gerne draußen in der Natur, wandert viel, zusammen mit seinem treuen Begleiter Joschi. Von seinem Pfarrhaus in Dürrlewang aus sind sie in wenigen Minuten im Wald, was beiden gut gefällt. Beim Laufen kommen dann oft auch die Gedanken in Bewegung, Andreas Marquardt hat noch immer Spaß am vielschichtigen Denken und philosophischen Betrachtungen. „Glaube und Leben sind nichts Getrenntes“, sagt er zum Abschied: „Glaube und Leben gehören unbedingt zusammen. Das muss man vorleben.“

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