Seelsorge auf dem S-21-Gelände

„Die Arbeiter können mir ihr Herz ausschütten“

Um zu verstehen, was das Besondere an Peter Maile und seiner Arbeit ist, begleitet man den Seelsorger am besten bei einem seiner vielen Baustellenbesuche. Oben in Hohenstadt, wo später einmal die Züge die Albhochfläche und damit den höchsten Punkt der Neubaustrecke erreichen werden. Am Tunnelportal in Ulm, im Filstal oder unten im Stuttgarter Talkessel, wo gerade der neue Hauptbahnhof von Stuttgart 21 gebaut wird. Kaum ein Arbeiter, der grußlos an ihm vorübergeht. Manch einer hält ein kurzes Schwätzchen, wenn es die Zeit erlaubt. Andere winken aus der Ferne, rufen Hallo. Viele reichen ihm im Vorbeigehen die Hand, umarmen ihn schnell, ihren Peter, der immer Zeit für sie hat, sich so viel davon nimmt, wie notwendig ist.

© Joachim E. Roettgers GRAFFITI

Die anfängliche Skepsis ist gewichen

Es ist ein herzlicher Empfang auf ausnahmslos allen Baustellen, selbstverständlich ist ein solche Begrüßung aber keinesfalls. „Anfangs waren sehr viele Arbeiter und auch die Projektverantwortlichen skeptisch, was ein Kirchenmann wohl auf einer Baustelle zu suchen hat“, erzählt Maile. Aller Anfang ist schwer. Um Zugang zu finden zu den vielen Menschen unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Religionen hat der Seelsorger ihnen das Kostbarste geschenkt, was er geben kann: seine Zeit. „Das wird zurecht als große Wertschätzung empfunden“, sagt er.  Dazu sei es wichtig, glaubwürdig zu sein, die Menschen und ihre Anliegen ernst zu nehmen und schnurstracks auf sie zuzugehen. Seit er das Projekt als Diakon begleite, habe er damit gute Erfahrungen gemacht, so Maile.

Kirche in der Welt der Tunnelbauer

Er steht an diesem Vormittag vor einer der frisch betonierten Kelchstützen des neuen Bahnhofs, auf seiner lila Schutzweste trägt er in grünen Buchstaben seine Bestimmung: „Betriebsseelsorger“. Auch hier kennen ihn die meisten Arbeiter und grüßen ihn freundlich, sie wissen, dass er nur ihretwegen hier ist. Doch auch Maile selbst empfindet seine Arbeit als Bereicherung für sich und die seinen, wie er sagt: „Wenn die Kirche die Welt der Tunnelbauer nicht kennengelernt hätte, würde ihr viel fehlen“, betont er. „Sie wüsste nichts von den Sorgen und Nöten, von der Hoffnung und Freude der Mineure.“

Die Stelle ist bundesweit einzigartig

Seit 2012 ist der Diakon als Betriebsseelsorger für alle Baustellen des Bahnprojekts Stuttgart Ulm im Stadtgebiet Stuttgart und entlang der Neubaustrecke zuständig. Ein Job, bei dem man sich nichts abschauen kann: Die Stelle ist bundesweit die erste ihrer Art, nirgendwo sonst wird ein Bauprojekt von einem eigenen Seelsorger begleitet. Entsprechend groß ist der Bekanntheitsgrad von Peter Maile zwischenzeitlich. Kaum eine Zeitung oder ein Fernsehsender, der den Kirchenmann mit lila Warnweste und weißem Bauhelm nicht schon vorgestellt hat – vom Nachrichtenmagazin Spiegel bis zur Bild-Zeitung, von Regio-TV bis zur ARD. „Das mediale Interesse an meiner Arbeit ist unverändert hoch“, erzählt er.

Träger der Projektstelle, die zwischenzeitlich nicht nur in Deutschland als Vorbild für künftige Großbaustellen gilt, sind das Katholische Stadtdekanat Stuttgart, die Diözese Rottenburg-Stuttgart sowie das Dekanat Esslingen-Nürtingen. Konzipiert wurde sie aus dem Wissen heraus, dass viele der Mineure, Schweißer, Baggerfahrer und anderen Facharbeiter über Monate und Jahre fern der Heimat in Containerdörfern leben. In Peter Maile finden all diese Menschen nun einen Ansprechpartner, der sich ihre Probleme und Sorgen anhört. Das kann eine Beziehungskrise sein, ein Trauerfall, mit dem sie zurechtkommen müssen oder einfach nur Heimweh. Und auch die sprachlichen Barrieren und kulturellen Unterschiede sind nicht immer leicht zu verarbeiten. „Es ist wichtig, dass die Menschen ihr Herz ausschütten und darüber reden können, was sie bedrückt“, betont Maile.

Peter Maile setzt sich für eine würdige Arbeit ein

Ein verlässlicher Ansprechpartner zu sein hat für den Seelsorger oberste Priorität, die Menschen zusammenzubringen sieht er aber genauso als seine Aufgabe an. Seine Grillfeste, die der Diakon gerne ausrichtet, sind zwischenzeitlich schon legendär. „Auf einer Baustelle sind Arbeiter vieler verschiedener Firmen beschäftigt. Wenn sie sich kennenlernen, dann reden sie auch miteinander und verstehen sich besser“, sagt er. Gleichzeitig geht es dem Betriebsseelsorger aber auch darum, für eine würdige und gute Arbeit einzutreten, wie er sagt. Wird der tarifliche Lohn bezahlt, wie sind die Unterkünfte, welche Freizeitmöglichkeiten gibt es, droht ein Lagerkoller? „Auf einer Baustelle hat man mit vielen Fragen und der ganzen Bandbreite an Sorgen und Nöten zu tun, die das Leben zu bieten hat“, sagt er.

„Gott sei dank, dass du wieder da bist.“ Diesen Satz bekommt Maile bei seinen Besuchen auf den Baustellen immer wieder zu hören, was ihm Kraft gibt, ihn freut und für seine ambitionierte Aufgabe motiviert. Er hat sich von Beginn an vorgenommen, alle zwei Wochen jede der Baustellen zwischen Stuttgart und Ulm zu besuchen, ein zeitintensives Vorhaben. Dazu hält der Diakon auch noch in jenen Gemeinden Gottesdienste, auf deren Gebiet sich Baustellen befinden. In Wangen und Hedelfingen etwa, aber auch in Kirchheim oder Weilheim im Albvorland. Oft würden hinterher Menschen zu ihm kommen, die eine Arbeit suchen, erzählt Maile, der in solchen Fällen die Ansprechpartner der betreffenden Firmen vermittelt.

„Also bin ich hingefahren und habe die beiden getraut“

Immer wieder wird der Diakon nach besonders bewegenden Begegnungen gefragt, von denen es tatsächlich viele gibt. Einer der Arbeiter, ein Vermesser, hat ihn gebeten, ob er ihn trauen kann. Er würde nur dann seine Natascha heiraten, habe er gesagt, wenn er die kirchliche Trauung im Wienerwald übernehme. „Also bin ich hingefahren und habe die beiden getraut“, erzählt Maile. Zwischenzeitlich erwarten die beiden Nachwuchs und Peter Maile wird auch ihr Kind taufen, was immer wieder vorkomme. Auf Bitten der Mineure hat er auch schon Häuser in deren österreichischer Heimat gesegnet und Gedenkgottesdienste für Angehörige gehalten.

Seine besondere Gabe ist, sich jedes Gesicht zu merken, jeden Vornamen, jede Geschichte, die hinter dem Menschen steht. Die Präsenz der Seelsorge ‎sei nicht mehr wegzudenken von den Baustellen, findet Maile, der von seiner Weihe zum Diakon Heizungsbauer gelernt hat, das Leben eines Handwerkers auf Achse also bestens kennt. Dass er auch auf den Baustellen ganz vorne an der Tunnelwand mit angepackt hat, um zu spüren, wie sich die Arbeit eines Mineurs anfühlt, hat ihm viel Respekt und Anerkennung auf den Baustellen verschafft. „Eine solche Arbeit kann man nicht machen, ohne glaubwürdig zu sein“, sagt er.

Nach dem Tod eines Freundes zum Glauben gefunden

Zum Glauben gekommen ist Peter Maile in jungen Jahren, nachdem ein guter Freund von ihm tödlich verunglückt war. Er spürte damals in sich, dass er etwas machen will, bei dem er Glauben und Beruf zusammenbringen kann. Als eines von fünf Kindern ist er vor allem mit Arbeit aufgewachsen, in einem kleinen Dorf auf der Ostalb, in dem die Eltern eine Schreinerei hatten und eine Landwirtschaft. „Wenn andere ins Freibad gegangen sind, habe ich bei der Heuernte geholfen“, erzählt er. Über den zweiten Bildungsweg erfüllte er sich dann seinen Wunsch, einen sozialen Weg einzuschlagen. Er machte eine Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher, arbeitete in der Marienpflege, machte dann noch eine Altenpflegerlehre, bevor er im Jahr 1996 zum Diakon geweiht wurde. Zwischenzeitlich wohnt er seit vielen Jahren mit seiner Familie in Esslingen, wo er vor seiner heutigen Stelle mit einem  „bunten Strauß an Arbeiten“ zu tun hatte, wie er sagt. Von der Hospizarbeit über Wohnungslosenhilfe bis zur Kinder- und Jugendarbeit.

„Auf die Uhr schauen darf man dabei nicht“

Erfahrungen mit der Betriebsseelsorge hat Maile für seine neue Mission zudem auch mitgebracht, er war bei Karstadt in Esslingen, bei Metabo in Nürtingen, beim Industriekonzern Thyssenkrupp und beim Göppinger Spielzeughersteller Märklin, dessen Betriebsschließung er begleitet hat. Dem Bahnprojekt Stuttgart 21, davon geht er fest aus, wird er bis zum Ende erhalten bleiben, bis die letzte Containerunterkunft abgebaut und der letzte Arbeiter abgereist ist. Bis dahin ist der Kirchenmann auch weiterhin mit seiner lila Warnweste und dem weißen Helm unterwegs, um seine weit verteilte Baustellen-Gemeinde zu besuchen. „Auf die Uhr schauen darf man dabei nicht“, sagt Maile, bevor er sich verabschiedet. Die Zeit drängt. Er muss heute noch nach Denkendorf, einen Arbeiter verabschieden, der heute seinen letzten Tag auf der Baustelle hat. Auf dem Weg zum Ausgang hört der Seelsorger dann noch einen jener Sätze, die ihn bei seiner Arbeit antreiben: „Schön Peter, dass du heute wieder da warst.“

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