Glauben

Die ganze Welt im Kirchenfenster

In Zeiten, in denen viel über Umnutzung von Kirchen diskutiert wird, aber wenig über Neubauten, entsteht auf dem Memberg in Bad Cannstatt eine neue Kirche. Am ersten Advent wird St. Peter eingeweiht werden – der derzeit einzige Kirchenneubau in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In Bad Cannstatt sind nicht nur Handwerker und Bauarbeiter am Werk, sondern auch die Landauer Künstlerin Madeleine Dietz.

Die beiden ersten Werke von Madeleine Dietz sind bereits auf der Baustelle in Bad Cannstatt zu sehen: zwei mundgeblasene, farbenfrohe, leuchtende Kirchenfenster. Altar, Ambo und Taufbecken, geschaffen aus Erde und Walzstahl, werden im Herbst folgen. Noch lagern diese in der Werkstatt der 65-Jährigen in der Pfalz, um den letzten Feinschliff zu bekommen.

Jetzt aber steht Madeleine Dietz vor ihrem Glasfenster im Erdgeschoss der Baustelle auf dem Memberg und holt weite Landschaften in den noch kargen und mit Gerüsten zugestellten Kirchenraum. Während um sie herum die Handwerker zwischen den blanken Betonwänden arbeiten, erzählt die Künstlerin von Dünen, Wüste und Pflanzen. „Bei meinen Afrikareisen habe ich gesehen, was Dürre ist und was es bedeutet, wenn Erde wieder fruchtbar wird.“ Die Landauer Künstlerin will die ganze Welt in ihre Kirchenfenster holen, das Leben in seiner ganzen Vielfalt von Freude und Schmerz, von Licht und Schatten.

Das mundgeblasene Glas ist uneben und wellig

Dafür hat sie zwei große Glasfenster geschaffen: das eine mit fünf Metern Breite im Erdgeschoss, das andere fast 13 Meter breit hoch über dem Altarraum. Das untere in eher gedämpften, erdigen Farben, das andere hoffnungsfroh strahlend mit einem weithin sichtbaren gelben Kreuz in der Mitte. „Es ist das tollste überhaupt, als Christ daran zu glauben, dass es nach dem Tod weitergeht. Das ist die Botschaft, die auch aus meinen Fenstern strahlt“, sagt Madeleine Dietz. „Die Morgenröte, das Erscheinen des Lichts nach finsterer Nacht ist in vielen Kirchenliedern und literarischen Werken das wiederkehrende Symbol für die Auferstehung Christi. Ich möchte dieses Motiv in meiner Kunst weiterführen", so die Katholikin, die sich in ihrer Arbeit auf Kunst für Kirchen spezialisiert hat. In den vergangenen Jahren hat sie nach ihren Vorstellungen ein Dutzend Innenräume von Kirchen in Deutschland gestaltet. Eine davon ist St. Antonius in Stuttgart-Kaltental.

Madeleine Dietz hat viel Erfahrung mit dem Gestalten liturgischer Gegenstände, Kirchenfenster aber hat sie zum ersten Mal entworfen. Zunächst auf Papier, dann hat sie Tage in der Glashütte Lamberts in Waldsassen verbracht, nach den passenden Farben gesucht, zugeschaut, wie die Glasbläser das Echt-Antik-Glas wachsen ließen, wie die farbigen Scheiben zusammengeklebt wurden. „Die Oberfläche der mundgeblasenen Gläser ist nicht glatt, sondern uneben und wellig. Die Glasfenster wirken dadurch lebendig“, erzählt die 65-jährige Katholikin. Bei ihrem Besuch auf der Baustelle in Bad Cannstatt schaut sie sich nicht nur die eingebauten Kirchenfenster an, sondern auch den Ort, an dem im Herbst der Altar gesetzt wird. 

Im Ofen werden die Tonplatten für den Altar gebrannt

Noch steht der fast fertige Altar für die neue Kirche in Dietzens Werkstatt in Landau. Sie hat ihn aus Erdplatten und schwarzem Walzstahl geschaffen, ihre Markenzeichen seit vielen Jahrzehnten. Die Tonplatten hat sie in ihrem Ofen gebrannt, aus Erden, die sie sich von vielen Orten auf der Welt hat kommen lassen. Es sind die Brenntemperatur und die Beschaffenheit der Erden, die beeinflussen, welche Farben die Tonplatten bekommen, ob sie Risse haben oder eine glatte Oberfläche. „Es ist die Erde, die für das Leben in allen Facetten steht", erklärt Madeleine Dietz.

Pfarrer Martin Kneer ist gespannt auf Altar, Ambo und Taufbecken und freut sich schon jetzt über die farbenfrohen Kirchenfenster: „Mit den Fenstern wird ein Stück Schöpfung in den Raum geholt. Die Farbigkeit wird die Atmosphäre in der Kirche je nach Sonnenstand verändern. Das macht den Raum schon jetzt sehr lebendig." Auch Manfred Wörle, der zweite Vorsitzende der Kirchengemeinde St. Peter, ist froh über die Entscheidung, Kunst in den neuen Kirchenraum zu holen: „Das Lichtspiel ist schon jetzt eine Bereicherung." Die künsterlische Gestaltung der neuen Kirche wird allein über Spenden finanziert.

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