Chörle erhält Auszeichnung

Die Menschen nicht sang- und klanglos bestatten

Die Sängerinnen und Sänger des Chörle wollen den Toten einen würdigen Abschied bereiten. Sie singen bei Trauerfeiern von Menschen, die keine Angehörigen mehr haben und einer christlichen Konfession angehören. Ende Januar ist das Chörle mit dem Bürgerpreis der Bürgerstiftung ausgezeichnet worden. „Die Toten würdig zu bestatten, ist ein Werk der Barmherzigkeit“, sagt Manfred Scherer, einer der beiden Chorsprecher. Gegründet hat das Chörle die Sabine Ostmann im Juni 2010. Inzwischen gehören dem Chörle rund 60 überwiegend katholische und evangelische Sängerinnen und Sänger an.

Wenn das Chörle zu einer Trauerfeier gerufen wird, geht Manfred Scherer in seinen Garten und schaut, was gerade blüht. „Für einen kleinen Strauß reicht es immer.“ Eine Sängerkollegin sammelt Blumen, Äste und Blätter am Wegesrand und windet unterwegs einen kleinen Kranz. „Alle bringen eine Kleinigkeit mit und geben sie dem Toten mit auf den Weg“, erzählt Manfred Scherer. Gerufen wird das Chörle bei Verstorbenen, die einer christlichen Konfession angehören, aber keine Angehörigen mehr haben. „Wir möchten nicht, dass die Menschen sang- und klanglos bestattet werden“, sagt Scherer.

Niemand soll sang- und klanglos bestattet werden

Deshalb hat sich vor neun Jahren auf Initiative der Organistin Sabine Ostmann eine Gruppe von überwiegend evangelischen und katholischen Christen zusammengetan. Die Gruppe hat ein breites Repertoire an Liedern, die sie bei den Trauerfeiern singen. Es ist bis heute ein loser Zusammenschluss von rund 60 vorwiegend älteren Frauen und Männern aus Stuttgart. Wird die Chorsprecherin Sabine Ostmann über eine anstehende angeordnete Bestattung informiert, schickt sie den Mitgliedern eine kurze Information und schlägt auch gleich zur Jahreszeit und Konfession passende Lieder vor. „Niemand muss sich an- oder abmelden. Wer kommen kann, der kommt einfach und das sind immer um die 20 Sängerinnen und Sänger. Damit ist immer eine ansehnliche Gemeinde versammelt, die Abschied nimmt“, erzählt Manfred Scherer. Informiert wird das Chörle in der Regel über die Pfarrämter, die wiederum von der Stadt von der angeordneten Bestattung erfahren. Die Trauerfeiern finden meist in der oberen Feierhalle auf dem Pragfriedhof statt.

Von den Verstorbenen ist meist nicht viel bekannt

Die versammelten Sänger wissen meist nicht viel über den Verstorbenen, bekannt sind oft nur der Name sowie die Geburts- und Sterbedaten. „Wir sind betroffen und nachdenklich, weil kein Angehöriger und kein Freund da ist. Was wir tun können, ist dem Menschen noch einmal unseren Segen zusprechen, adieu zu sagen und für ihn zu singen und zu beten“, sagt Manfred Scherer. Nur manchmal sind noch ein oder zwei Menschen mit auf dem Friedhof, etwa wenn der Verstorbene in einem Heim gelebt hat. „Auch wenn wir den Menschen nicht gekannt haben, entwickelt sich zwischen unserer kleinen Gemeinde und dem Verstorbenen doch eine Beziehung. Man macht sich auch über das wenige, was man weiß, seine Gedanken“, so Scherer.

Das Chörle wird nur noch selten gerufen

Für dieses besondere Engagement ist das Chörle jetzt mit dem Bürgerpreis ausgezeichnet worden. Die Sängerinnen und Sänger freuen sich über diese Anerkennung, allerdings ist ihre Freude getrübt. „Seit zwei Jahren stellen wir fest, dass wir immer seltener informiert werden“, erklärt Manfred Scherer. Im Jahr 2013, als der Cannstatter Katholik zum Chörle dazugestoßen ist, ist die Gruppe in der Regel zu zwei bis drei Trauerfeiern in der Woche gerufen worden, jetzt kommt oft monatelang kein Anruf mehr. Die letzte Trauerfeier, bei der sie dabei waren, fand im Juli vergangenen Jahres statt. Woran das liegt, können sich die Ehrenamtlichen nicht erklären. Auch die Gespräche mit dem Bestattungsdienst der Stadt haben bisher keine Erklärung gebracht und auch nicht dazu geführt, dass das Chörle wieder zuverlässiger über die angeordneten Bestattungen informiert wird. „Es gibt einige von uns die sagen, viel lieber als der Preis wäre uns, dass wir wieder gerufen werden“, so Scherer.

Das Chörle hat in den vergangenen Jahren auch Anfragen bekommen, ob sie nicht bei Trauerfeiern mit Angehörigen singen möchten, die Antwort aber war ein klares Nein: „Wir singen nicht, um eine Trauerfeier zu verschönern. Wir singen, um allen Menschen zu einem würdigen Abschied zu verhelfen“, sagt Manfred Scherer. Er hat sich die Namen von allen Verstorbenen aufgeschrieben, die er mit dem Chörle begleitet hat. Beim Gottesdienst an Allerseelen, bei dem aller Verstorbenen gedacht wird, hat er die Namen bei sich und gedenkt noch einmal in Stille jeder und jedem einsam Verstorbenen.

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