Kita in Zeiten von Corona

Distanz halten, wo Nähe wichtig ist

Seit Ende Mai besuchen wieder deutlich mehr Kinder eine der 65 katholischen Kitas in Stuttgart. Für die Eltern ist es eine Erleichterung, ihre Kinder sicher betreut zu wissen, die Erzieherinnen sind froh um ein wenig Normalität und die Kinder freuen sich darüber, mit anderen Kindern spielen zu können. Ein Besuch in der Kindertagesstätte Salvator in Giebel, zeigt, dass im Moment vieles anders läuft als sonst, angefangen beim häufigen Händewaschen bis hin zur strikten Trennung der Gruppen. Erlaubt ist seit inzwischen eine Rückkehr bis maximal zur Hälfte der normalen Gruppengröße, wenn die personellen und räumlichen Voraussetzungen es zulassen.

© Julian Rettig/Lichtgut

Morgens um 7.30 Uhr bildet sich eine kleine Schlange vor der Kindertagesstätte Salvator in Giebel. Die meisten Eltern bringen ihre Kinder um diese Zeit in die Kita. Alle achten darauf, ausreichend Abstand zu halten. In Corona-Zeiten wird immer nur eine Familie eingelassen, um kleine Menschenansammlungen in der Garderobe zu vermeiden. Die erste Tat aller Kinder in der Einrichtung: gründlich Hände waschen, meist noch mit Mama oder Papa und dabei zweimal alle meine Entchen singen. Danach beginnt der Kita-Tag in Salvator, der aufgrund von Abstandsregeln und Hygienevorschriften deutlich anders ist als sonst. Seit der Öffnung des reduzierten Regelbetriebs dürfen wieder 30 Mädchen und Jungen in die Einrichtung kommen. „Eigentlich sind wir darauf ausgerichtet, Beziehung zu ermöglichen, jetzt müssen wir Distanz halten“, sagt Michaela Obermüller, die die Einrichtung seit vielen Jahren leitet.

Beim Essen sitzen die Kinder 1,5 Meter auseinander

In Corona-Zeiten müssen sich die Kinder nicht nur sehr viel öfter die Hände waschen als sonst, sondern auch strikt in ihren Gruppen bleiben. Ein offenes Konzept, wie es auch in der Kita Salvator gelebt wird, ist im Moment nicht möglich. „Für uns Erzieherinnen ist das ein Schritt zurück in längst vergangene pädagogische Zeiten“, sagt Michaela Obermüller. Selbst den Garten nutzen die verschiedenen Gruppen derzeit nicht gemeinsam. Da die Außenfläche der Kita nicht ausreicht, um sich gruppenweise aus dem Weg zu gehen, nutzt die Einrichtung neuerdings den Pfarrgarten mit. „Auf diese Weise hat jede Gruppe einen klar abgegrenzten Außenbereich“, sagt Michaela Obermüller. Der Infektionsschutz ist allgegenwärtig, deshalb haben die Erzieherinnen in den Räumen viele Spielsachen weggeräumt, die die Kinder gerne in den Mund nehmen oder die zum engen Zusammenspiel verleiten. Die Puppenküche zum Beispiel und auch die Verkleidungskiste sind bis auf Weiteres eingelagert. Warmes Essen gibt es im Moment keines, die Kinder bringen ihr Vesper mit und essen dann mit Abstand von 1,5 Meter voneinander entfernt. „Die Kinder haben sich schnell daran gewöhnt. Sie freuen sich, überhaupt wieder miteinander spielen zu können“, sagt die 54-Jährige. 

Kinder freuen sich, wieder mit anderen zusammen zu sein

Auch die Eltern sind froh darüber, ihre Kinder wieder bringen zu können. Die Konstrukteurin Salhida Mustija zum Beispiel kommt mit ihrer anderthalbjährigen Tochter Sereya und ihrem fast vierjährigen Sohn Rayan seit einigen Tagen wieder in die katholische Kita. „Es war schwierig von zuhause aus zu arbeiten, mit Auftraggebern zu telefonieren und zugleich nach beiden Kindern zu schauen. Jetzt gehe ich wieder ins Büro und die Kinder haben ihren festen Ablauf in der Kita.“ Selbst die Kleine, die erst seit November überhaupt in die Kita geht, hat sich nach der Corona-Kita-Zwangspause schnell wieder eingelebt. Der Große freilich vermisst seine beiden besten Freunde, die in der Notbetreuung  nicht kommen konnten, freut sich auf der anderen Seite aber auch darüber, dass die Erzieherinnen mehr Zeit für die einzelnen Kinder haben. „Einen Tag lang waren nur mein Sohn und eine Erzieherin in der Gruppe, so viel Aufmerksamkeit, das fand er klasse.“

Viele Eltern warten darauf, ihre Kinder wieder bringen zu können

Erleichtert ist auch die Polizistin Melanie Holzwardt darüber, wieder einen geregelten beruflichen und privaten Alltag zu haben. „Mein Sohn Rafael kommt gern. Er merkt, dass manches anders ist als sonst, aber ihm gefällt es, mit anderen Kindern zusammen zu sein“, erzählt die 28-Jährige. Andere Eltern wie Kerstin Schober mussten bis zur Öffnung auf den reduzierten Regelbetrieb warten. „Ich bin zwar Polizistin, aber mein Mann ist im Homeoffice, deshalb hatten wir rein über die Notbetreuung keinen Anspruch. Für meine ältere Tochter Marie war das schwierig, weil sie vor der Einschulung unbedingt noch mal in die Kita gehen wollte.“ Marie gehört zu den Vorschulkindern, den Großen in der Kita. „Sie freut sich seit Jahren darauf, zu den Maxikindern zu gehören und jetzt ist sie ein Maxi und durfte  nicht in die Kita. Das war für Marie nicht so einfach“, erzählt Kerstin Schober. Andere Eltern warten immer noch darauf, ihre Kinder wieder bringen zu dürfen.

Erzieherinnen tragen in der Kita keine Masken

Vor der Erweiterung auf den reduzierten Regelbetrieb hatten die Erzieherinnen In der Kindertagesstätte in Giebel alle Hände voll zu tun. Alle Räume mussten vermessen werden, um zu schauen, wie viel Kinder mit entsprechendem Abstand unterzubringen sind, Dienstpläne wurden erstellt, die Putzdienste erhöht. Türkliniken, Schalter und Fensterflächen werden mehrmals am Tag desinfiziert. Die Eltern sind angehalten, Schutzmasken zu tragen, wenn sie ihre Kinder bringen. In Salvator haben die Erzieherinnen eigens Masken genäht, die in einem Korb am Eingang für die Eltern bereit stehen. Die Erzieherinnen selbst tragen in der Einrichtung keinen Mund- und Nasenschutz. „Wir haben es im Team diskutiert, uns aber bisher einvernehmlich dagegen entschieden, weil die Kinder unsere Mimik schlechter wahrnehmen können und die Sprache undeutlicher wird. Auch schafft die Maske Distanz“, erklärt Michaela Obermüller. Die Einrichtungsleiterin erzählt von einer Situation, in der ein Krippenkind zu weinen anfing, weil die Bezugserzieherin eine Maske getragen hatte. Michaela Obermüller aber macht auch deutlich: „Wir werden die Entscheidung im Team sicher immer wieder überprüfen müssen. Ich möchte nicht ausschließen, dass wir irgendwann auf das Tragen von Masken umstellen.“ Grundsätzlich ist es im Moment allen Erzieherinnen freigestellt, ob sie aus Gründen des Infektionsschutzes bei der Arbeit mit den Kindern Masken tragen oder nicht.

„Wir wären gerne für alle da"

Die Erzieherinnen in Giebel freuen sich darüber, wieder mehr Kinder in der Kita betreuen zu dürfen. Sie bedauern aber auch, dass noch immer die Hälfte der Kinder zuhause bleiben müssen. „Wir sehen ja, wie schwierig es für die Eltern ist, ihre Kinder zuhause zu betreuen und dann noch ihrer Arbeit nachzugehen. Wir wären gerne wieder für alle da“, sagt Michaela Obermüller. Zusammen mit dem Team aus zwölf Erzieherinnen haben sie in all den Wochen immer Kontakt zu den Familien gehalten, an Ostern mit einem kleinen Nest, am Muttertag mit einem Familienpaket, zwischendurch mit Anrufen und Nachfragen. „Es war uns wichtig, den Kontakt zu den Familien zu halten, unsere Hilfe und Unterstützung anzubieten und immer wieder unsere Anerkennung zum Ausdruck zu bringen für das, was sie im Moment leisten", sagt die Einrichtungsleiterin. 

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