Kirchenmusik

Ein Domkapellmeister mit Sinn fürs Weltliche

Christian Weiherer kommt aus einem tief katholischen Dorf in der Oberpfalz. Er brennt für Bach, Mahler und Bruckner, aber manchmal muss es dann doch Loungemusik sein. Wichtig ist für den 45-Jährigen vor allem eins: Musik müsse emotional sein und die Menschen berühren.

Wenn Christian Weiherer aus seiner Kindheit in dem bayrischen, gut katholischen Dorf Bernhardswald in der Oberpfalz erzählt, werden die Szenen von damals lebendig. Man sieht den kleinen Christian, wie er sich in der Kirchenbank umdreht, den Hals nach oben reckt, kaum dass der Chor zu singen beginnt. „Meine Eltern waren beide im Chor, ich konnte mich kaum halten und habe vor Freude mitgeklatscht.“ Die mahnenden Blicke aus den benachbarten Bänken hat der Junge einfach übersehen. Mit fünf Jahren hat Christian Weiherer selbst im Kinderchor zu singen begonnen, zusätzlich lernte der musikalische Junge Klavier. Als Anfang der 1980er Jahre an Fronleichnam der Organist der Gemeinde ausfiel, fragte der Pfarrer den Elfjährigen, ob er einspringen könne. Christian Weiherer kann sich noch genau an dieses erste Mal an der Kirchenorgel im Gottesdienst vor großem Publikum erinnern: „Das war einfach umwerfend, ein erhebendes Gefühl.“ Er spielte eine Fuge von Bach, beeindruckte den Pfarrer und die Gemeinde und war danach regelmäßig an der Kirchenorgel seiner Gemeinde zu hören.

Musik muss emotional sein

Viele Jahre und ein Studium in katholischer Kirchenmusik in Detmold und Regensburg später, ist Christian Weiherer noch genauso begeisterungsfähig wie der Junge in der Kirchenbank seiner Kindheit. Wenn der 45-Jährige über Musik redet, ist er nicht zu bremsen.  Dabei gilt seine Leidenschaft keineswegs nur der geistlichen Musik: „Musik ist entweder gut und emotional oder sie taugt nicht. Das gilt für geistliche und für weltliche Musik gleichermaßen.“  Wichtig sei, dass die Musik „eine innere Form von Ekstase“ bei den Zuhörern entstehen lasse, Musik müsse berühren. „In einer Messe kann mich auch die Jupiter-Sinfonie von Mozart umhauen“, sagt Weiherer.

Schon auf seiner vorhergehenden Stelle als leitender Kirchenmusiker der Gemeinde St. Josef in Memmingen und als Dekanatskirchenmusiker für das Dekanat Memmingen, hat er in den Gottesdiensten immer wieder auch weltliche Stücke eingebaut. Schließlich sei auch nicht alle geistliche Musik wirklich inspiriert und spirituell, „da ist vieles im Auftrag und unter finanziellem Zwang entstanden“, sagt der Domkapellmeister. Auch in Stuttgart mischt der Kirchenmusiker immer wieder Geistliches und Weltliches, zum Beispiel bei der Aufführung des Kinderkreuzzuges (Children’s Crusade) von Benjamin Britten mit einem Text von Bertold Brecht und viel Barockmusik. Lieber anecken als weichspülen, ist das Motto des umtriebigen 45-Jährigen, der Preisträger bei verschiedenen Musikwettbewerben war und zudem Stipendiat des Deutschen Musikrates. Wichtig ist dem Domkapellmeister immer ein hohes Aufführungsniveau, in der Qualität dürfe es keinen Unterschied zwischen Liturgie und Konzert geben.

Die Hunde kommen zur Chorprobe mit

Zu seiner Beweglichkeit zwischen den Musikwelten passt, dass er sich während des Studiums lange Zeit nicht entscheiden konnte, welchen Weg er einschlagen sollte. „Ich war Tag und Nacht an der Musikhochschule, weil mich alles interessierte.“ Den Ausschlag gegeben haben die Messordinarien, auf die Christian Weiherer nicht verzichten wollte. Die Liebe zur Musik will der 45-Jährige auch den Sängerinnen und Sängern der Mädchenkantorei, der Schola Gregoriana und dem Domchor weitergeben, die alle unter seiner Leitung stehen. Ein Motto oder ein festes Ziel gibt er den mehr als 300 Sängern nicht vor. „Im Miteinander entstehen die meisten Ideen und Vorhaben. Man spürt, ob das Feeling im Raum nach Mozart oder nach einem anderen Komponisten ist.“ Zu den Chorproben bringt Christian Weiherer seine zwei Hunde mit, wenn niemand etwas dagegen hat. „Das geht natürlich nur, wenn niemand auf Hundehaare allergisch ist oder zu viel Angst vor den Tieren hat.“

Manchmal muss es Elektro- oder Loungemusik sein

Noch hat ihn keiner seiner Sänger gefragt, welchen Komponisten er auf die einsame Insel mitnehmen würde. Der Domkapellmeister tut sich mit einer Antwort ohnehin schwer. Nach einigem Zögern nennt er Bach, fügt aber gleich hinzu, dass es Phasen gegeben habe, in denen Mahler sein Leben war oder Bruckner oder eine bestimmte Klangfarbe in der Musik eines bestimmten Landes. Aber womit er vor allem die jungen Sängerinnen und Sänger immer wieder verblüfft, ist eine andere Feststellung: Er brenne zwar für Bach, aber es gebe auch Momente, da ziehe er Elektro- und Lounge-Musik allem anderen vor.

Kennen Sie unseren Newsletter?

Wir informieren Sie gerne über unsere aktuellen Themen. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.

ANMELDEN