Fastenprojekt in St. Georg

Ein Kunstwerk gestaltet aus 2600 Bitten

2600 Bitten sind zusammengekommen. Alle hat die Stuttgarter Künstlerin muche in das Kunstwerk eingearbeitet, das während der gesamten Fastenzeit in der Kirche St. Georg (Heilbronner Straße 135) zu sehen ist. Die sieben auf sieben Meter große Installation zeigt ein großes rotes Herz und ein Kreuz. Das Kunstwerk mit dem Titel „Zeichen unseres Glaubens“ hängt vor dem großen Altarmosaik. In der Mitte scheint der Jesus des Mosaiks durch. „Kirche lebt von der Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist auch in das Kunstwerk eingeflossen, das überhaupt nur entstehen konnte, weil sich viele Menschen beteiligt haben“, sagt muche. Die Kirche ist täglich (außer montags) von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Stuttgarter Künstlerin muche vor einem ihrer Bilder.

Die Grundlage des Kunstwerkes sind 2600 Faltkarten, gestaltet in vier verschiedenen Grau- und vier verschiedenen Rottönen. Die Karten lagen zwischen dem ersten Advent und Mariä Lichtmess in drei Stuttgarter Innenstadtkirchen aus – mit der Aufforderung, auf die Karten ganz persönliche Bitten, ein Gebet oder Dankesworte zu schreiben oder zu malen. Damit es für jeden ein persönliches Anliegen vor Gott bleiben konnte, waren farblich passende Klebepunkte beigelegt, mit denen jeder seine Karte versiegeln konnte. Bis vor wenigen Tagen noch kamen graue und rote Karten zurück, die meisten aus Stuttgart und der Region, einige wenige sogar aus Paris. „Am Schluss sind noch viele Menschen bei mir zuhause vorbeigekommen, um ihre Bitten abzugeben und noch Teil des Kunstwerkes zu werden“, erzählt die 45 Jahre alte muche, die von dem enormen Rücklauf überwältigt ist. 

Künsterin nimmt jede Karte in die Hand

Die Karten sind wie Mosaiksteine, aus denen das Kunstwerk zusammengesetzt ist. Die Stuttgarter Künstlerin hat in mühevoller Kleinarbeit, die meiste Zeit auf den Knien und selbst überrascht von den Dimensionen, eine Karte nach der anderen in vorher selbst zusammengenietete Fototaschen eingesteckt. „Es war mir wichtig, jede Karte einmal in die Hand zu nehmen und sie an den passenden Platz zu bringen. Die Arbeit an dem Kunstwerk war für mich an manchen Tagen wie ein Gebet, an anderen wie eine Meditation“, erzählt muche. Geöffnet hat sie die Karten freilich nicht. Diese bleiben auch weiterhin verschlossen, bis sie im nächsten Frühjahr dem Osterfeuer als dem Symbol der Erneuerung und des Lichts übergeben werden.

In der Fastenzeit wird das Altarbild verdeckt

Jetzt aber sind die Karten erst einmal Teil des Werks, das seit dem ersten Fastensonntag in der Kirche St. Georg zu sehen ist. Die fast hundert Kilogramm schwere Installation verdeckt das Mosaik im Chorraum der Kirche. „Es ist eine gute katholische Tradition, dass wir in der Passionswoche bis zum Karfreitag die Kreuze und Andachtsbilder in unseren Kirchen verhüllen. Unserem inneren und äußeren Auge sind sie als Zeichen der Erlösung und als Zeichen des Lebens für einen kurzen Moment lang entzogen“, erklärt Michael Heil, stellvertretender Stadtdekan und Pfarrer von St. Georg. Verhüllt wird das Altarmosaik in St. Georg nicht nur in der Karwoche, sondern die gesamte Fastenzeit über. Mit einem wesentlichen Unterschied: In der Mitte des Werks scheint der erhöhte Jesus als der österliche Christus hindurch. „Auf diese Weise bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack auf Ostern - auch wenn uns der Blick auf die Erlösung als Ganzes verwehrt ist“, sagt Michael Heil.

Ein Geschenk an die Gemeinde

Die Künstlerin muche hat das Werk der Gemeinde geschenkt, als Zeichen ihres Glaubens. „Nachdem in Deutschland immer mehr christliche Gotteshäuser entweiht oder auch abgerissen werden und jedes Jahr hunderttausende Menschen aus der Kirche austreten, etwa weil sie Steuern sparen möchten, wollte ich ein deutliches Zeichen dagegen setzen.“ Die Stuttgarter Künstlerin ist eng mit St. Georg verbunden und sieht ihren Glauben als wichtige Orientierung im Leben. „Der Glaube war zu allen Zeiten ein wesentlicher Grund für künstlerisches Schaffen.“

Entsprechend viele theologische Symbole und Anklänge finden sich in dem Kunstwerk. Schon die Faltkarten sind mit fünf Klebepunkten gestaltet, die an die Wundmale Christi erinnern sollen. Das rote Mosaik-Herz steht für die unendliche Liebe Gottes und Jesu für die Menschen. Das blutende Herz für das furchtbare Leiden Christi am Kreuz. Die griechischen Buchstaben Alpha und Omega für den Anfang und das Ende in Gott. Und schließlich die 2600 Karten als Symbol für die Gemeinschaft im Glauben. Die Künstlerin freut sich über die vielen positiven Reaktionen auf das Werk. „Die ganze Mühe hat sich gelohnt, da ich viele wunderbare Momente erleben durfte.“ Sie erzählt von der Begegnung mit einer Frau am Eingang der Domkirche St. Eberhard: „Erst hat die Frau mich abgewimmelt und gesagt, für so etwas habe sie keine Zeit. Am Ende des Abends kam sie mit zehn ausgefüllten Karten wieder, hat mich umarmt und sich bei mir bedankt, weil sie sich alle Sorgen von der Seele schreiben konnte“, erzählt muche.

Öffnungszeiten der Kirche

Vom 10. März an ist die Installation täglich außer montags von 9 bis 18 Uhr in der Kirche St. Georg (Heilbronner Straße 133) zu sehen. Abgehängt wird es im Osternachtgottesdienst am Sonntag, 21. April, um 6 Uhr. Danach wird die Stuttgarter Künstlerin die Karten nach und nach wieder aus den Hüllen holen, um sie dann ungeöffnet bis zum Osterfeuer im nächsten Jahr aufzubewahren. „Dann schließt sich der Kreis“, so muche.        

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