Gedenken an Eugen Bolz

Für Humanität und Demokratie eintreten

Vor 75 Jahren ist der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz von den Nationalsozialisten hingerichtet worden. In einem Gottesdienst haben Stadtdekan Christian Hermes und Ministerpräsident Winfried Kretschmann an den mutigen Christen und aufrechten Politiker Eugen Bolz erinnert. Bolz gehörte zur Gemeinde St. Eberhard. Daran erinnert bis heute eine Büste in der Kirche.

© Max Kovalenko/Lichtgut

„Eugen Bolz wird für immer ehrlos (...) mit dem Tode bestraft.“ Mit diesen Worten aus dem Urteil der Natonalsozialisten eröffnete Stadtdekan Christian Hermes den Gedenkgottesdienst für den früheren württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz in der Domkirche St. Eberhard. Drei Tage vor Weihnachten 1944 hatte der Volksgerichtshof unter dem Vorsitz des Schreckensrichters Roland Freisler das Urteil über den langjährigen Abgeordneten in Reichstag und Landtag und württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz gesprochen.

Zynismus im Handeln radikaler Parteien nehmen zu

In seiner Predigt erinnerte Stadtdekan Christian Hermes an den Staatsmann und Widerstandkämpfer Bolz: „Viele haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gefragt, wie 1933 möglich war und, mit Blick auf Eugen Bolz, wie ein geachteter und erfahrener Politiker in kurzer Zeit zum Objekt von Hass und Spott werden konnte, wie sich viele willig den neuen Machthabern anschlossen und andere verängstigt verstummten.“ Inzwischen sei die Gesellschaft dafür sensibilisiert, wie Hassparolen und Hetze, auch erleichtert durch neue soziale Medien, den Ton verändern könnten und mutige Menschen angefeindet oder sogar angegriffen würden und manche verunsichert schwiegen. „Weltweit und hierzulande erleben wir, wie Zynismus, Manipulation, Populismus und Verrohung in sozialen Medien, aber auch im Handeln politischer Verantwortungsträger und radikaler Parteien zunehmen.“ Hermes erinnerte an die 1300 politisch motivierten Straftagen gegen Amts- und Mandatsträger im vergangenen Jahr: Beleidigungen, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen, Morddrohungen, darunter auch die Ermordung des Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Sommer und zuletzt vor einigen Tagen Schüsse auf das Bürgerbüro des Landtagsabgeordneten Dr. Diaby in Halle. „Umso mehr ist es von größter Bedeutung, dass wir alle uns zur Demokratie bekennen und sie verankern in Herz und Hirn und Handeln. Dass wir den Anfängen wehrenund für unsere christlichen und demokratischen Überzeugungen einstehen.“

Den Mut haben, Hass zu widersprechen und Farbe zu bekennen

Das Gedenken an Eugen Bolz lebendig zu halten sei für Kirche und Staat gleichermaßen wichtig, so Stadtdekan Hermes weiter: „Für die Kirche, weil Glaube nichts mit frommer Entweltlichung zu tun hat, sondern damit, aus dem Geist des Evangeliums Verantwortung zu übernehmen; für die Bürgergemeinschaft und den Staat, weil mehr denn je deutlich ist, dass Gesellschaft und Politik Werteorientierung brauchen, ob in Fragen der Gerechtigkeit, eines friedlichen Zusammenlebens oder der Bewahrung der Schöpfung.“ Das Gedenken an Eugen Bolz solle Mut machen, Hass zu widersprechen und Farbe zu bekennen für Demokratie und Menschenrechte, Humanität und christliche Verantwortung, so Stadtdekan Hermes.

Jede Erinnerung an Eugen Bolz sollte ausgelöscht werden

Nach dem Gottesdienst erinnerte Ministerpräsident Winfried Kretschmann an die Aufrichtigkeit und den Mut von Eugen Bolz. „Heute vor 75 Jahren wurde Eugen Bolz durch die Nationalsozialisten hingerichtet. Jede Erinnerung an ihn sollte ausgelöscht werden. Und heute kommen wir zusammen, um genau dies nicht zuzulassen. Stattdessen gedenken wir eines aufrechten Menschen und überzeugten Parlamentariers, der sich in seinem Handeln von Vernunft, Moral und seinem Gewissen leiten ließ“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Bolz sei zu Verständigung und Kompromissen bereit, aber um klare Worte nie verlegen gewesen, so Kretschmann. „Eugen Bolz hat sich als Zentrumspolitiker und als württembergischer Justiz- und Innenminister mit den Feinden der Republik angelegt. Er hat uns gezeigt, was es heißt, unerschrocken für Freiheit, Menschenwürde und Recht einzustehen.“ Für den gläubigen Christen Bolz sei der Freiheitsgedanke in seinem Wirken stets zentral gewesen. „Persönliche Freiheit, aber auch Freiheit in Gesellschaft und Politik war für Eugen Bolz ein hohes Gut. Er war ein Verfechter der Grundrechte, der Verfassungsordnung und des Rechtsstaates“, betonte Ministerpräsident Kretschmann.

Ministerpräsident und Stadtdekan legen Kranz nieder

Auch wenn die heutige Zeit nicht mit den späten Jahren der Weimarer Republik vergleichbar sei, so bleibe Eugen Bolz weiterhin ein Vorbild. „Denn auch heute wird unsere Demokratie von innen und außen angegriffen. Deshalb braucht es wieder Menschen, die für unsere Grundrechte einstehen. Menschen, die sich leidenschaftlich für unsere Ordnung einsetzen und sie gegen die neuen Feinde der offenen Gesellschaft verteidigen – selbst wenn sie dadurch Hass und Anfeindungen ausgesetzt werden“, so Kretschmann. Nach dem Gedenkgottesdienst in der Domkirche St. Eberhard legten Ministerpräsident Kretschmann und Stadtdekan Hermes einen Kranz am Denkmal für Eugen Bolz nieder.

Zur Person des Christen und Staatsmannes Eugen Bolz

Der 1881 in Rottenburg geborene Zentrumspolitiker Bolz war von 1928 bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 württembergischer Staatspräsident. 1941 gelangte er zum Widerstandskreis Carl Friedrich Goerdelers. Nach dem missglückten Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 wurde Bolz vom Volksgerichtshof zum
Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee enthauptet. 2015 wurde für ihn ein Seligsprechungsverfahren durch den Rottenburger Bischof Gebhard Fürst eröffnet.

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