Bilanz aus Stuttgarter Sicht

"Die Stuttgarter Kirche hat sich authentisch und innovativ präsentiert"

Nach fünf Tagen geht an diesem Sonntag der Katholikentag zu Ende. Zeit also auch für eine Bilanz aus Sicht der Stuttgarter Stadtkirche, die sich mit vielen Ideen und viel Engagement in die Großveranstaltung eingebracht hat. Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes ist überzeugt: "Wir haben gezeigt, dass wir spirituell, sozial, kulturell und politisch auf der Höhe der Zeit und auf dem richtigen Weg sind." Er plädiert dafür, das Konzept Katholikentag zu überdenken und ihn künftig bescheidener, fokusierter und handhabbarer zu gestalten.

Der Katholikentag ist vorbei. Wie ist sieht die Bilanz aus Stuttgarter Sicht aus?

Ich bin mit dem Verlauf des Katholikentages hoch zufrieden. Natürlich hätten wir uns noch mehr Besucherinnen und Besucher gewünscht. Aber vor zwei Monaten war noch nicht einmal sicher, ob es einen Katholikentag geben kann. In diesen Tagen habe ich unendlich viele Menschen getroffen, wiedergesehen und kennengelernt und unzählige Gespräche geführt. Das war sehr intensiv. Spürbar war, dass die Begegnung nach der Corona-Depression allen so gut getan hat.
Sehr beeindruckt und dankbar bin ich, wie viele Ehrenamtliche und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Kirche, ganz besonders der Stadtkirche von Stuttgart, sich engagiert haben. Ihnen allen danke ich sehr! Die Katholische Kirche in Stuttgart hat sich authentisch und ganz stark präsentiert, das wurde mir immer wieder bestätigt. Wir haben gezeigt, dass wir spirituell, sozial, kulturell und politisch auf der Höhe der Zeit und auf dem richtigen Weg sind. "Es wäre schön, wenn Kirche überall so wäre", das war das größte Kompliment, das mir gemacht wurde. Ich freue mich, wenn wir den vielen Gästen etwas mitgeben konnten für ihr Leben und ihren Glauben. Und ich bin überzeugt, dass der Katholikentag auch uns neue Horizonte eröffnet hat und ganz viele neue Netzwerke und Beziehungen entstanden sind.

Der Katholikentag hat die politisch und kirchlich relevanten Themen vielfach und auf unterschiedlichste Weise beleuchtet. Was davon wird bleiben?

Wir sind derzeit alle tief verunsichert durch Corona, durch den Krieg in der Ukraine und die Weltlage - und als Christen auch durch die Lage in der Kirche. Vertraute Sicherheiten sind infrage gestellt. Es gibt einen Haufen Probleme und keine einfachen Lösungen. Der Glaube an Gott ist ja auch kein billiges Beruhigungsmittel oder einfaches Heilmittel für alle Probleme. Der Katholikentag hat dies deutlich gemacht, nach innen und nach außen. Gläubige Menschen sind nicht naiv oder glauben sich die Welt schön. Sondern es sind Menschen, die sich interessieren und engagieren für diese Welt: vor Ort und weltweit in vielen Projekten und Netzwerken. Dabei wurde das Motto "leben teilen" eindrucksvoll bestätigt. Wir haben nicht die einfache Lösung. Niemand hat sie. Aber wir wissen: Wir werden überhaupt nur zu Lösungen kommen, wenn wir uns zusammensetzen und auseinander setzen. Der Katholikentag bestätigt die alte Regel: Was auch immer das Problem ist: Gemeinschaft und Kommunikation ist die Lösung!

Es waren viel weniger Menschen beim Katholikentag in Stuttgart als erwartet. Ist dieses Format grundsätzlich noch zukunftsfähig?

Nicht nur nach Corona, sondern grundsätzlich muss das Format überdacht werden. Wenn die Appelle zu einem bescheideneren Lebensstil nicht nur moralistisches Geschwätz gewesen sein sollen, gilt auch für den Katholikentag der Zukunft, bescheidener, fokusierter und handhabbarer zu werden. In vier Tagen 1500 Veranstaltungen: das ist einfach ein durchgedrehtes Programm, das niemand mehr wahrnehmen kann, und natürlich auch eine kirchliche Bedeutsamkeitsinszenierung. Aber ist sie noch realistisch? Unzählige Buden und Zelte der allerabwegigsten Gruppen in der Kirche, 10 Millionen Euro Aufwand für 27.000 Besucher, das kann man niemandem mehr vermitteln, das ist nicht angemessen und das wird auch ökonomisch nicht mehr gehen. Da dürfte weniger mehr sein. So dankbar ich für den Katholikentag in Stuttgart bin, da muss grundsätzlich diskutiert werden. Ich finde zum Beispiel den Vorschlag sehr charmant, Katholikentag und Evangelischen Kirchentag zu verbinden und grundsätzlich Ökumenische Kirchentage zu feiern.

Was war Ihr Highlight während des Katholikentags?

Die unzähligen Begegnungen. Ich habe wirklich alle paar Meter jemanden getroffen oder bin angesprochen worden, um ein paar Worte zu wechseln. Natürlich waren die Veranstaltungen - meine eigenen wie die Podiumsdiskussion zu Antisemitismus oder das Gesprächskonzert zu Beyond, aber auch solche, die ich einfach besucht habe - eindrücklich. Die großen Gottesdienste haben mich berührt. Aber am stärksten waren diese Momente von Begegnung, und zu sehen, wie Menschen sich dadurch in all den Irritationen und Belastungen stärken und ermutigen.

Was kann die Stadtkirche aus dem Katholikentag mitnehmen?

Ganz viel Bestätigung und Zuspruch von außen. Das war ja auch spannend für uns, ob der Stuttgarter Weg des Aufbruchs und der Erneuerung, Stichwort Sprituelles Zentrum Station S, St. Maria als und vieles mehr, gut aufgenommen werden würde. Und das war so. Genau die innovativen Ansätze unserer Kirche in Stuttgart, die lebendigen und wirksamen Projekte und Aktivitäten, sozial, geistlich, kulturell wurden sehr gut angenommen. Die katholische Kirche in Stuttgart hat sich sehr gut präsentiert. Und sie sollte die Resonanzen und Feedbacks gut aufnehmen, die sie in diesen Tagen bekommen hat. Das ist eine große Ermutigung. Die Leute haben die Nase voll von Amtskirchengehabe und pastoralem Geschwurbel. Aber sie sind froh, wo sie Kirche als relevant und hilfreich erleben. Genau das ist unsere Linie, die wir auch gegen Widerstände in den vergangenen Jahren erarbeitet haben, und die wir nun um so beharrlicher weiterverfolgen werden.

Und umgekehrt: Was kann der Katholikentag aus Stuttgart mitnehmen?

Ich bin mir nicht immer sicher gewesen, ob die große Katholikentagsorganisation an den Erfahrungen und der Situation der Kirche am Ort allzu großes Interesse hatte. Oft wurde ich ja als "Gastgeber" eingeführt, was ich aber gar nicht war, vielmehr war ich sogar nur "Gast" in der Katholikentagsleitung. Gastgeber ist unsere Diözese und das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Es war mir und uns wichtig, aber auch nicht nur Austragungsort zu sein und Quartiers- und Ehrenamtsgesteller. Da hat mir die Optik der Katholikentagsorganisation nicht immer gefallen. Ich denke aber, die Organisatoren werden sehr genau die Veranstaltung hier auswerten und daraus die hoffentlich richtigen Schlüsse ziehen.

 

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