Verteilung der Öle

Hubertus Maier hütet die heiligen Öle seit 32 Jahren

Die Karwoche ist die arbeitsreichste Woche jedes Mesners. Und die Woche mit einem ganz besonderen Ritual, das alle Mesnerinnen und Mesner zusammenführt und eher im Stillen stattfindet: die Verteilung der heiligen Öle am Dienstag, 16. April. Zuerst wird um 15 Uhr Andacht gefeiert, danach werden die Öle für alle 42 Stuttgarter Gemeinden abgefüllt. Seit 32 Jahren mit seinen polierten Gefäßen dabei ist Hubertus Maier aus der Herz-Jesu-Gemeinde im Stuttgarter Osten. Der 62-Jährige schätzt die Karwoche nicht nur, weil er viele Kollegen sieht, sondern weil für ihn in dieser Woche der Glaube körperlich erfahrbar ist.

Die Gefäße für die heiligen Öle hat Hubertus Maier vor 32 Jahren von seinem Vorgänger übernommen.

Hubertus Maier hat die Kännchen aus dem Tresor geholt und auf dem großen Tisch in der Sakristei der Herz-Jesu-Kirche im Stuttgarter Osten aufgestellt. Der 62-Jährige hat die Gefäße vor 32 Jahren von seinem Vorgänger in Herz Jesu geerbt, schon damals waren sie in ein mit Samt ausgekleidetes Kästchen gebettet. Drei Jahrzehnte schon hat Maier die Kännchen gut gepflegt und in Ehren gehalten, schon allein ihres Inhaltes wegen. Sie enthalten die geweihten Öle, die jeder Priester verwendet, um Menschen in wichtigen Lebensabschnitten zu salben. Da ist das Chrisamöl, mit dem der Pfarrer bei Taufen ein Kreuz auf die Stirn der Kinder zeichnet. Im anderen Kännchen findet sich das Krankenöl, das auf die Innenfläche der Hand aufgetragen wird, wenn Menschen vor einer schweren Operation stehen oder schwer erkrankt sind und schließlich das Katechumenenöl, das in Vorbereitung auf die Erwachsenentaufe verwendet wird.

Früher wurden Könige gesalbt, heute jeder Christ bei der Taufe

20 bis 30 Milliliter der heiligen Öle hat Hubertus Maier in der vergangenen Karwoche in St. Eberhard abgeholt, übrig sind in allen drei Kännchen nur mehr wenige Milliliter. Am Dienstag der Karwoche wird Hubertus Maier nach St. Eberhard fahren, sich nach dem Gottesdienst in die Schlange der Stuttgarter Mesner einreihen und seine drei geputzten und polierten Kännchen wieder auffüllen lassen. „Ein besonderer Moment“, wie Maier bis heute findet. In früheren Zeiten wurden Könige, Priester und Propheten gesalbt, heute jeder Mensch schon bei seiner Taufe. Die Symbolik berührt den erfahrenen Mesner bis heute zutiefst: Durch die Salbung wird Jesus Christus, der Gesalbte, gegenwärtig. Nach der Verteilung der Öle wird Hubertus Maier mit seinen Kolleginnen und Kollegen bei Hefezopf und Kaffee noch eine Weile zusammensitzen.

Öle werden von Rottenburg aus im Bistum verteilt

Reichen müssen die heiligen Öle bis zur Karwoche im nächsten Jahr. „Mir ist in den 32 Jahren nur einmal das Chrisamöl ausgegangen, glücklicherweise kurz vor der Karwoche“, erzählt Maier. Das war nach einem Pfarrerwechsel im Stuttgarter Osten: „Die Priester gehen ganz unterschiedlich mit den Ölen um. Die einen verwenden nur kleinste Mengen, die anderen wollen die liturgische Handlung mit dem Öl spürbar machen.“ Maier weiß, wie sehr die Salbung die Menschen berühren kann, er erlebt es jedes Jahr in den  Krankensalbungsgottesdiensten in Herz Jesu und St. Nikolaus: „Wenn der Pfarrer mit dem Öl ein Kreuz auf die Handfläche malt, ein Gebet spricht und die Hand auf den Kopf legt, dann spendet dies Trost.“   

Aufbewahrt wird eine größere Menge der heiligen Öle das ganze Jahr über im Rottenburger Dom, so dass jeder Mesner die Möglichkeit hat, Nachschub zu holen. Dort werden die Öle traditionell von Bischof Fürst in der Chrisammesse am Montag der Karwoche geweiht – und von Rottenburg aus dann im gesamten Bistum verteilt.

„Ich erlebe die Karwoche und Ostern körperlich mit“

Für Hubertus Maier ist die Karwoche nicht nur der Verteilung der heiligen Öle wegen eine ganz besondere Woche. „Ich erlebe die Karwoche und die Ostertage durch meine Arbeit körperlich mit, auf meine ganz persönliche Weise“, erzählt der Dekanatssprecher der Stuttgarter Mesner. Denn arbeitsreich sind die Karwoche und die Ostertage jedes Jahr aufs Neue. Schon am fünften Fastensonntag verhängt der Mesner außerdem das wandhohe Fresko hinter dem Altar mit einem riesigen Tuch – auch das jedes Jahr eine Herausforderung. Die Palmwedel für den Palmsonntag und die Prozession müssen gebunden, die Kreuze in der Kirche für den Leidensweg Jesu verhüllt, die Vorbereitungen für die vielen Gottesdienste zwischen Gründonnerstag und Ostermontag getroffen werden. Die Glocken müssen aus- und wieder eingeschaltet werden. Vorbereitet werden muss schließlich auch das Osterfeuer für die Osternacht, das ganz bildlich für die Auferstehung und das Licht steht und in dem die Reste der heiligen Öle mit verbrannt werden. Und natürlich muss die Kirche geputzt werden, noch ein bisschen gründlicher als sonst. „Am Ostersonntag, dem Tag der Auferstehung soll schließlich alles in großem Glanz erstrahlen“, findet der 62-jährige studierte Landwirt Hubertus Maier.

Hubertus Maier lebt mit der Familie in der Gemeinde

Der Dekanatssprecher ist einer von wenigen Mesner mit einer Vollzeitstelle, zu der auch viele Hausmeistertätigkeiten in der Gemeinde gehören. Was er an seinem selten gewordenen Beruf zu schätzen weiß, ist die Nähe zu den Menschen in der Gemeinde. „Meine Kinder sind inmitten der Gemeinde aufgewachsen, das war eine großartige Erfahrung.“ Wichtig für Hubertus Maier ist auch die Gewissheit, seinen Teil zu einem gelungenen Gottesdienst beizutragen. „Ich freue mich bis heute an einer guten Predigt. Es ist schön, dass ich mich von Berufs wegen mit der Bibel auseinandersetzen darf.“  

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