Adventserie Teil 4

In der Gemeinde eine Familie gefunden

Rasha Safar, Ronny Toma und Duraid Tatanji haben als Christen im Irak schwierige Zeiten erlebt und sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut. An Weihnachten ist die Sehnsucht nach ihren im Irak zurückgebliebenen Verwandten groß und die Erinnerung an die fröhlichen Familienfeiern mit den vielen Verwandten, Freunden und Nachbarn immer präsent. „Wir haben in der Gemeinde eine neue, kleinere Familie gefunden“, sagt die 36-jährige Rasha Safar.

Ronny Toma ist seit Wochen nur mit Weihnachten beschäftigt. Er ist Paketzusteller, bringt den Menschen die Dinge, die sie anderen zu Weihnachten schenken. Der 35 Jahre alte Iraker quält sich durch Staus im Feierabendverkehr, leert seinen Lieferwagen unter Zeitdruck, füllt ihn wieder, klingelt bei den Menschen, lässt Pakete zurück. Sein Arbeitsvertrag läuft noch bis ins Frühjahr hinein. Ob er dann verlängert wird, weiß er nicht. „Ich habe schon viele befristete Jobs gehabt, das gehört für mich zu Deutschland“, erzählt Ronny Toma. Vor seiner Spätschicht ist er in die Räume der chaldäischen Gemeinde in St. Paulus in Rohracker gekommen.

Das süße Gebäck bringt Erinnerungen an den Irak

Dort ist der Tisch reich und weihnachtlich gedeckt: Es gibt Kuchen, Kaffee, Tee und Koleche, süßes irakisches Weihnachtsgebäck mit Kokos, Walnüssen oder Datteln und viel Kardamon. Den Tisch gedeckt hat Rasha Safar, die seit einigen Jahren stundenweise als Pfarrsekretärin der chaldäischen Gemeinde arbeitet und in Teilzeit als Verkäuferin in einem Kleidermarkt. Ronny Toma ist als Flüchtling nach Stuttgart gekommen, Rasha Safar über den Familiennachzug, sie hat einen in Deutschland lebenden Syrer geheiratet. Für beide ist die chaldäische Gemeinde zu einer zweiten Heimat geworden. Rasha Safar reicht das süße Gebäck herum und erinnert sich an die Zeit in dem christlichen Dorf Alquosh in den Bergen im Nordirak, wo ihre Mutter im Advent zusammen mit den Nachbarsfreuen nächtelang Koleche gebacken hat, sechs Kilgramm pro Nacht. „Die Frauen haben in jeder Nacht in einem anderen Haus gebacken, alle zusammen, reihum.“ Sie haben zusammen gearbeitet, um dann auch zusammen zu feiern, vom 24. Dezember an bis zum 6. Januar, jeden Tag in einem anderen Haus im Dorf.

Nach Jahren erstmals wieder die Eltern besucht

Rasha Safar hat in diesem Jahr ihre Eltern und den Bruder im Nordirak besucht, zum ersten Mal seit vielen Jahren. „Ich konnte viele Jahre gar nicht hinfliegen, weil es wegen die Belagerung durch den Islamischen Staat viel zu gefährlich war.“ Jetzt habe sich die Lage gebessert, ihre Eltern könnten das Haus wieder ohne Lebensgefahr verlassen, einkaufen gehen, Freunde besuchen. „Meine Familie ist zuerst aus Bagdad vertrieben worden und in den Nordirak geflohen, wo sie sich ein neues Leben aufgebaut haben. Später kam auch dort die Bedrohung durch den Islamischen Staat“, erzählt Rasha Safar.

40 Ave Maria am Tag gehören zum Advent

Zum irakischen Advent in Friedenszeiten gehörte nicht nur das gemeinschaftliche Kochen und Backen, sondern auch das tägliche Gebet: 40 Ave Maria beten die irakischen Christen den gesamten Advent über bis Weihnachten. Für Rasha Safar und Ronny Toma ist das tägliche Gebet auch in Deutschland noch selbstverständlich, gehören die 40 Ave Maria noch immer zum Advent und zur Weihnachtszeit dazu. Ronny Toma ist Subdiakon in der chaldäischen Gemeinde, er kümmert sich um die Ministranten und unterstützt den Pfarrer bei den Gottesdiensten. Er wird auch bei dem Gottesdienst am 6. Januar dabei sein, an dem die chaldäischen Christen traditionell ihre im Herbst und im Winter geborenen Kinder taufen lassen. Auch an diesem 6. Januar werden es in Stuttgart wieder ein Dutzend Kinder sein, die die Taufe empfangen.

Im Irak feiert das Dorf zusammen

Ronny Toma hat in Deutschland eine irakische Frau gefunden, die aus dem selben Stadtteil von Bagdad stammt und hat mit ihr eine Familie gegründet. Die Tomas und das Ehepaar Safar werden zusammen mit Duraid Tatanji, dem Mesner der chaldäischen Gemeinde, Weihnachten feiern. „Wir sind nicht mehr so viele Familien wie im Dorf, aber immerhin ein paar", sagt Rasha Rafar. „Wir fühlen uns in der Gemeinde wie einer größeren Familie.“

Auf den Tisch kommen wird an den Weihnachtstagen Pacha, ein gekochtes Lamm, zu dem auch die Innereien und der Kopf gehören. Ausgetauscht werden dann die Erinnerungen an das Leben im Irak, an den Nikolaus, der durch das Dorf oder den Stadtteil gewandert ist und die Kinder beschenkt hat. Sie werden aber auch über ihre Hoffnungen sprechen: Ronny Toma, der gelernte Hotelfachmann, wünscht sich nach Jahren mit vielen befristeten Jobs endlich eine feste Stelle. Rasha Safar hofft noch immer, in Deutschland an ihren im Irak gelernten Beruf als Chemielaborantin anknüpfen zu können, vielleicht auch eine Lehre in diesem Bereich zu machen. Das ist es, was sie sich an Weihnachten wünschen: beruflich besser Fuß zu fassen.

Rezept

Koleche

Zutaten für den Teig: 

1 Kilo Weißmehl
500 Gramm Butter oder Margarine
2 EL Zucker
1 TL Salz
2 TL Kardamon
2 Beutel Trockenhefe

für die Füllung:

200 g Walnüsse, klein geschnitten
eine Tasse Zucker
1 TL Kardamon
1 TL Rosenwasser

1. aus den Zutaten einen Hefeteig kneten, der 2 bis 3 Stunden gehen sollte
2. den Teig ausrollen und in drei bis vier Zentimeter breite Streifen schneiden
3. die Zutaten der Füllung vermischen und auf den Teigstreifen verteilen
4. zusammenrollen und in vier Zentimeter lange Stücke schneiden
5. en Teig mit Ei bestreichen
6. bei 250 Grad 20 Minuten backen

Kennen Sie unseren Newsletter?

Wir informieren Sie gerne über unsere aktuellen Themen. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.

ANMELDEN