Interview

In der Jugendkirche ist viel Raum für Experimente

St. Nikolaus soll zur Jugend- und Gemeindekirche werden. Das Gotteshaus im Stuttgarter Osten wird nach den Bedürfnissen der Jugendlichen und der Gemeinde umgebaut. Bevor sich Architekten an die Planung machen, dürfen die Jugendlichen, aber auch die Gemeindemitglieder noch einmal sieben Wochen lang vom 14. September bis 1. November mit dem Raum experimentieren. Der Jugendpfarrer und Pater Jörg Widmann und Franz Lauth, der gewählte Vorsitzende des Kirchengemeinderats, erklären, was in dieser Erprobungsphase passiert, wie Jugendliche ihren Glauben leben und warum eine Jugendkirche wichtig ist.

Was passiert in St. Nikolaus?

Pater Jörg: In St. Nikolaus haben wir die einmalige Chance, in einer Kirche Neues ausprobieren zu dürfen. Bevor umgebaut wird, können wir experimentieren. Konkret heißt das: an die Stelle der festen Kirchenbänke treten leichte Holzbänke, die wir je nach Gottesdienst und Veranstaltung verschieben können. Neben dem festen Altar wird es einen mobilen Altar geben, so dass wir zum Beispiel unser Taizé-Gebet jedes Mal an einem anderen Ort in der Kirche feiern können – eben dort, wo es den Jugendlichen gefällt. Außerdem werden in der Mitte des Kirchenschiffs zwischen den großen Säulen Vorhänge angebracht, so dass unterschiedliche Räume im Raum abgetrennt werden können. Die Erfahrungen, die wir sammeln, fließen dann auch in die Umbauplanungen ein. In St. Nikolaus macht Kirche Jugendbeteiligung möglich.

Franz Lauth: Die Gemeinde kann ebenfalls ausprobieren, auch wenn das Bedürfnis nach Veränderung zugegebenermaßen nicht so groß ist wie bei den Jugendlichen. Dennoch hat sich der Liturgieausschuss unseres Kirchengemeinderats Gedanken gemacht, wie wir unsere Gottesdienste anders gestalten können. Vielleicht ist dann die Bestuhlung beim Werktagsgottesdienst einfach mal rund um den Altar und nicht frontal. Insgesamt sind wir als Gemeinde froh, dass die Renovierung, über die wir schon seit zehn Jahren reden, endlich in Sichtweite ist. Der Innenraum der Kirche braucht dringend eine Erneuerung.

Sind in der Erprobungsphase die Spielräume grenzenlos? Ist dann alles erlaubt?

Pater Jörg: Die Kirche ist und bleibt ein sakraler Raum, das heißt, die Begegnung mit Gott steht immer im Mittelpunkt. Wir werden sicher kein Heavy-Metall-Konzert nach St. Nikolaus holen und wir werden keinen Klettergarten aus der Kirche machen. Aber die Jugendlichen unterscheiden da sehr genau. Sie erwarten auch gar nicht, dass alles möglich ist, sondern sie respektieren den heiligen Raum.

In der Erprobungsphase wird es viele Veranstaltungen geben, zum Beispiel das Abendlob mit Abendbrot. Was verbirgt sich dahinter?

Pater Jörg: Das wird ein Abendgebet sein, das durch die Kirche führt und am Ende setzen wir uns dann zu einem gemeinsamen Abendessen zusammen, zu einem Abendmahl im wörtlichen Sinne. Wir bieten in den sieben Wochen auch einen Filmgottesdienst, und die Atelierkirche wird zu Gast sein, die kreatives Arbeiten mit spiritueller Erfahrung verbindet. In einem Workshop werden Religionslehrer Ideen sammeln, wie man einen Kirchenraum anders gestalten kann. In der Erprobungsphase ab dem 14. September laden wir zu Gottesdiensten und Veranstaltungen, die den Kirchenraum jedes Mal anders zeigen.   

Warum braucht es überhaupt eine Jugendkirche?

Pater Jörg: Junge Menschen haben andere Vorstellungen von Kirchen und heiligen Räumen, sie sind flexibler, beweglicher, sie möchten sich beteiligen und ausprobieren können. Das geht nicht, wenn alles vorgegeben ist. Jugendliche brauchen ihre eigenen Räume, eine feste Anlaufstelle, wo sie Gleichgesinnte treffen – wie hier in St. Nikolaus. Schon jetzt ist das Jugendpastorale Zentrum YouCh mit dem Bund der Katholischen Jugend und vielen Angeboten vor Ort, die Jugendkirche ist im Entstehen und wir drei Salesianerbrüder werden in absehbarer Zeit ebenfalls noch nach St. Nikolaus umziehen. Dann können die Jugendlichen einfach bei uns im Konvent klingeln, wenn sie jemanden zum Reden brauchen.

Wie leben Jugendliche heute ihren Glauben, Pater Jörg?

Pater Jörg: Junge Menschen sind heute wie zu allen Zeiten auf der Suche nach Sinn und Tiefgang in ihrem Leben, auch wenn sie vielleicht mit der Institution Kirche nichts zu tun haben wollen und Klerikalismus doof finden. Dennoch sehnen sie sich nach spirituellen Erfahrungen und sie suchen die Gemeinschaft, die Peergroup, in der sie ohne Leistungsdruck aufgenommen werden, so wie sie sind. Junge Menschen brauchen stabile Beziehungen, die auf gegenseitigem Vertrauen fußen. Und sie suchen Vorbilder. Das können immer auch Menschen sein, die ihren Glauben überzeugend leben.

Wie kann Kirche junge Menschen erreichen?

Pater Jörg: Was in der Jugendarbeit nicht mehr funktioniert, sind feste Gruppenstunden, wie sie vor 20 Jahren noch ganz selbstverständlich waren. Die Anforderungen in der Schule sind viel höher geworden, auch außerschulisch haben die allermeisten einen vollen Terminkalender: Sport, Musik, viel Zeit in den sozialen Medien. Da bleibt schon keine Zeit mehr für das Treffen mit der Schulfreundin oder dem Schulfreund – und schon gar nicht für die kirchliche Gruppenstunde. Deshalb setzen wir immer stärker auf Events, auf den besonderen Gottesdienst, der nur alle paar Wochen stattfindet, einen coolen Ausflug, eine Wallfahrt, oder ein besonderes Projekt wie die bundesweite 72-Stunden-Aktion.

Was erhofft sich die Gemeinde von der engen Beziehung zur Jugendkirche?

Franz Lauth: Wir haben in den vergangenen Jahren in St. Nikolaus unsere Jugendlichen verloren, in unserer Gemeinde gibt es nicht einmal mehr eine Ministrantengruppe. Als wir das Gemeindehaus neu gebaut haben, mussten wir die alten Jugendräume aufgeben. Die jungen Menschen sind daraufhin weggeblieben. Wir hoffen, wenn Jugendliche aus der ganzen Stadt in der Jugendkirche zusammenkommen, dass dann auch die jungen Menschen aus dem Osten wieder einen Zugang zu unserer Gemeinde finden. Vielleicht führen das YouCh und die Jugendkirche dazu, dass auch in St. Nikolaus wieder eine Jugendarbeit entsteht.

Betrachten Sie die Jugendkirche als eine Art Verjüngungskur für die Gemeinde?

Franz Lauth: Nein. St. Nikolaus ist eine aktive Gemeinde, die nicht überaltert ist. Den Gottesdienst am Sonntag besuchen auch viele Familien mit Kindern. Wir haben einen Chor, Familienkreise, eine Tanzgruppe, rege Senioren und viele Italiener, die den italienischen Gottesdienst am Wochenende besuchen, aber auch so bei uns zusammenkommen. Jetzt kommt die Jugendkirche dazu mit einem Einzugsgebiet über die ganze Stadt. Das ist auch für uns eine Bereicherung. Aber natürlich gibt es Gemeindemitglieder, die Angst vor der Veränderung haben und fürchten, dass ihnen die Kirche weggenommen wird. Da ist es an uns Kirchengemeinderäten, die Menschen gut zu informieren und mitzunehmen.

Das Programm der Jugendkirche im Überblick:

Samstag, 14. September, 17 Uhr Eröffnung der Jugendkirche und 3. Geburtstag YouCh
Mittwoch, 18. September, 18.30 Uhr Taizé-Gebet
Mittwoch, 25. September, 19 Uhr Werktagsgottesdienst in der Jugendkirche
Donnerstag, 26. September, 17 Uhr Atelier-Kirche on tour
Dienstag, 1. Oktober, 19 Uhr Abendlob mit Abendbrot
Sonntag, 13. Oktober, 18 Uhr Dekanatsjugendgottesdienst
Montag, 14. Oktober Workshoptage im Kirchenraum
Dienstag, 22. Oktober, 14.30 Uhr Kirchenraum-Workshop für Lehrer-/innen
Donnerstag, 24. Oktober, 18 Uhr BDKJ-Stadtversammlung
Donnerstag, 24. Oktober, 19.30 Uhr Filmgottesdienst

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