Stadt als Bühne

Judas kommt in die Kirchen

Sechs katholische Kirchen in Stuttgart werden in den nächsten Wochen zu Bühnen für das Theaterstück Judas der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans. Der Schauspieler Jörg Pauly ist der Judas in dem Ein-Mann-Stück. Anton Seeberger ist einer der katholischen Pfarrer, die sich an der Kooperation mit den Stuttgarter Schauspielbühnen beteiligt – und die Kirche St. Konrad für einen Abend öffnet. Beide haben sich intensiv mit dem Bild des Judas auseinandergesetzt, beide haben ihren ganz eigenen Blick auf die Figur im Stück, den Menschen in der Bibel und seinen Verrat. Der eine beschäftigt sich seit einigen Monaten mit Judas, der andere - ebenfalls berufsbedingt - seit Jahrzehnten.

© Volker Beinhorn

Der Schauspieler Jörg Pauly ist aus der Kirche ausgetreten, dennoch hat er sich in den vergangenen Monaten sehr viel mit Glaubensfragen beschäftigt, aber auch mit Geschichte. „Ich habe in Vorbereitung auf ein Stück noch nie so viele Hintergrundinformationen zu einer Person erhalten wie bei Judas. Es gibt eine so große Menge an Filmen, Büchern, Interpretationen und Meinungen, dass man zwei Jahre ausschließlich damit verbringen könnte.“ So viel Zeit freilich hatte der 40 Jahre alte Schauspieler nicht: seit drei Monaten bereitet er sich zusammen mit dem Regisseur und Intendanten Axel Preuß auf das Ein-Mann-Stück vor, das in den nächsten Monaten in zahlreichen katholischen und evangelischen Kirchen in der Stadt zu sehen sein wird. Die Kirchen werden zur Bühne – so wie es das Projekt Stadt als Bühne vorsieht, das die Schauspielbühnen in Stuttgart aufgelegt haben.

„Judas ist eine Gestalt unseres Glaubens“

Die Kirchentüren für den Monolog geöffnet hat auch der katholische Pfarrer Anton Seeberger. „Judas ist eine Gestalt unseres Glaubens, er ist Teil unserer theologischen Tradition. Ich freue mich auf die Aufführung in St. Konrad.“ Seeberger hat das Theaterstück gelesen hat und ist davon angetan ist: „Es ist klug gemacht. Die Zuschauer werden an vielen Stellen einbezogen und auch selbst in einer Geldfrage auf die Probe gestellt.“ Gut findet er auch, dass sich die Autorin Lot Vekemans zu keinem einfachen Urteil hinreißen lässt, sondern viele Fragen aufwirft: Wie war Judas‘ Verhältnis zu Jesus? Wie ist seine Familiengeschichte? Ist er wirklich der Gegenspieler zu Jesus? War Judas allein der Verräter oder gab es auch andere?

„Judas ist nicht einfach der geldgierige Verräter“

„Für mich ist Judas keineswegs die Projektionsfigur für alle Schlechtigkeit als die ihn die Bibel darstellt“, sagt Anton Seeberger. Er sei eben nicht einfach nur der Geldgierige und der Verräter, sondern ein Mensch mit vielen Facetten. „Petrus hat Jesus genauso verraten, alle Jünger sind geflohen. Aber die Bibel schreibt die Geschichte des Verrats ganz auf Judas zu“, so der Theologe. Für Seeberger ist Judas auch ein Mensch des Zweifels, jemand, der Jesus herausfordert und das Heilsversprechen einfordert, jemand, der Gott gerne zu einem Wunder zwingen würde – getreu dem Satz: „Wenn du wirklich der Gottessohn bist, dann zeig es uns jetzt endlich.“ Mit dem Judasbild beschäftigt sich der Pfarrer seit vielen Jahren, zuletzt gemeinsam mit dem ökumenischen Literaturkreis, der sich in St. Konrad trifft und der den Judas-Roman von Amos Oz vor zwei Jahren zum Thema gemacht hat. Jetzt nimmt Seeberger das Theaterstück zum Anlass, über Judas zu predigen.

Heilsplan mit Buhmann

Auch für den Schauspieler Jörg Pauly hat Judas viele Gesichter. „In dem Stück werden sehr komplexe Fragen von Schuld und Verantwortung gestellt, das macht es sehr spannend“, sagt der 40-Jährige, der alleine im Rampenlicht steht und sich mehrfach direkt an die Zuschauer wendet. Für ihn ist das Theaterstück eine Mischung aus Augenzeugenbericht und der Erörterung grundlegender moralischer Fragen. „Da wird zum Beispiel auch die Frage aufgeworfen, ob sich ein Heilsplan vielleicht nur verwirklichen lässt, wenn es einen Buhmann gibt.“ Judas ist auch für ihn nicht nur der Verräter, sondern ein Mensch, der zweifelt, ein enttäuschter Liebender, ein Verzweifelter, der sich am Ende selbst das Leben nimmt.

Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben

Ganz persönlich ist für Jörg Pauly das Stück auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben: „Ich war als Jugendlicher viele Jahre in der evangelischen Jugendarbeit engagiert, war Jugendleiter, habe im Chor gesungen und mich später dann doch dazu entschlossen, aus der Kirche auszutreten.“ Mit dem Glauben setzt er sich dennoch leidenschaftlich gern auseinander. Jetzt ist der Schauspieler gespannt auf die Reaktionen der Zuschauer, auf die Gespräche nach den Aufführungen und auf die besondere Atmosphäre in den verschiedenen Kirchen. „Es tut auch dem Theater gut, in die Stadt hinauszugehen.“ Umgekehrt findet Pfarrer Anton Seeberger, dass es auch der Kirche guttut, sich zu öffnen. „Daraus ergeben sich mit Sicherheit viele interessante Begegnungen.“ Die Premiere des Stücks findet am Mittwoch, 6. März, um 18 Uhr in der evangelischen Hospitalkirche statt. In den nächsten Wochen folgen Aufführungen in katholischen und evangelischen Kirchen. Die Karten kosten 10 (ermäßigt 8) Euro und können telefonisch unter 0711/22 77 00 bestellt werden.

Aufführungen in den katholischen Kirchen

26. März 2019 um 19 Uhr in St. Eberhard
30. März 2019 um 19 Uhr in St. Konrad
5. April 2019 um 19.30 Uhr in St. Josef, Feuerbach
13. April 2019 um 20 Uhr in Mariä Himmelfahrt, Degerloch
6. und 20. Mai 2019 um 19.30 Uhr in St. Maria

Kennen Sie unseren Newsletter?

Wir informieren Sie gerne über unsere aktuellen Themen. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.

ANMELDEN