Stadt als Bühne

Judas kommt zum Abschluss nach St. Maria

Sechs katholische Kirchen in Stuttgart sind zu Bühnen für das Theaterstück Judas der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans geworden. Die letzte Vorstellung in dieser Spielsaison findet am Montag, 20. Mai, in der Kirche St. Maria, in der Tübinger Straße statt. Im Herbst soll das Stück auch in weiteren katholischen Kirchen gespielt werden. Der Schauspieler Jörg Pauly ist der Judas in dem Ein-Mann-Stück. Anton Seeberger ist einer der katholischen Pfarrer, die sich an der Kooperation mit den Stuttgarter Schauspielbühnen beteiligt haben. Beide haben sich intensiv mit dem Bild des Judas auseinandergesetzt, beide haben ihren ganz eigenen Blick auf die Figur im Stück, den Menschen in der Bibel und seinen Verrat. Der eine beschäftigt sich seit einigen Monaten mit Judas, der andere - ebenfalls berufsbedingt - seit Jahrzehnten.

© Volker Beinhorn

Der Schauspieler Jörg Pauly ist der Judas in dem Ein-Mann-Stück. Anton Seeberger ist einer der katholischen Pfarrer, die sich an der Kooperation mit den Stuttgarter Schauspielbühnen beteiligt haben. Beide haben sich intensiv mit dem Bild des Judas auseinandergesetzt, beide haben ihren ganz eigenen Blick auf die Figur im Stück, den Menschen in der Bibel und seinen Verrat. Der eine beschäftigt sich seit einigen Monaten mit Judas, der andere - ebenfalls berufsbedingt  -  seit Jahrzehnten.

Glaubensfragen sind dem Schauspieler wichtig

Der Schauspieler Jörg Pauly ist aus der Kirche ausgetreten, dennoch hat er sich in den vergangenen Monaten sehr viel mit Glaubensfragen beschäftigt, aber auch mit Geschichte. „Ich habe in Vorbereitung auf ein Stück noch nie so viele Hintergrundinformationen zu einer Person erhalten wie bei Judas. Es gibt eine so große Menge an Filmen, Büchern, Interpretationen und Meinungen, dass man zwei Jahre ausschließlich damit verbringen könnte.“ So viel Zeit freilich hatte der 40 Jahre alte Schauspieler nicht: drei Monate lang hat er sich zusammen mit dem Regisseur und Intendanten Axel Preuß auf das Ein-Mann-Stück vorbereitet, das in den vergangenen Wochen in zahlreichen katholischen und evangelischen Kirchen in der Stadt zu sehen war. Die Kirchen wurden zur Bühne – so wie es das Projekt Stadt als Bühne vorsieht, das die Schauspielbühnen in Stuttgart aufgelegt haben. Im Herbst soll das Stück in weiteren katholischen und evangelischen Kirchen gezeigt werden.

„Judas ist eine Gestalt unseres Glaubens“

Die Kirchentüren für den Monolog geöffnet hat auch der katholische Pfarrer Anton Seeberger. „Judas ist eine Gestalt unseres Glaubens, er ist Teil unserer theologischen Tradition. Von dem Stück ist der Theologe angetan: „Es ist klug gemacht. Die Zuschauer werden an vielen Stellen einbezogen und auch selbst in einer Geldfrage auf die Probe gestellt.“ Gut findet er auch, dass sich die Autorin Lot Vekemans zu keinem einfachen Urteil hinreißen lässt, sondern viele Fragen aufwirft: Wie war Judas‘ Verhältnis zu Jesus? Wie ist seine Familiengeschichte? Ist er wirklich der Gegenspieler zu Jesus? War Judas allein der Verräter oder gab es auch andere?

„Judas ist nicht einfach der geldgierige Verräter“

„Für mich ist Judas keineswegs die Projektionsfigur für alle Schlechtigkeit als die ihn die Bibel darstellt“, sagt Anton Seeberger. Er sei eben nicht einfach nur der Geldgierige und der Verräter, sondern ein Mensch mit vielen Facetten. „Petrus hat Jesus genauso verraten, alle Jünger sind geflohen. Aber die Bibel schreibt die Geschichte des Verrats ganz auf Judas zu“, so der Theologe. Für Seeberger ist Judas auch ein Mensch des Zweifels, jemand, der Jesus herausfordert und das Heilsversprechen einfordert, jemand, der Gott gerne zu einem Wunder zwingen würde – getreu dem Satz: „Wenn du wirklich der Gottessohn bist, dann zeig es uns jetzt endlich.“ Mit dem Judasbild beschäftigt sich der Pfarrer seit vielen Jahren, zuletzt gemeinsam mit dem ökumenischen Literaturkreis, der sich in St. Konrad trifft und der den Judas-Roman von Amos Oz vor zwei Jahren zum Thema gemacht hat. Jetzt nimmt Seeberger das Theaterstück zum Anlass, über Judas zu predigen.

Heilsplan mit Buhmann

Auch für den Schauspieler Jörg Pauly hat Judas viele Gesichter. „In dem Stück werden sehr komplexe Fragen von Schuld und Verantwortung gestellt, das macht es sehr spannend“, sagt der 40-Jährige, der alleine im Rampenlicht steht und sich mehrfach direkt an die Zuschauer wendet. Für ihn ist das Theaterstück eine Mischung aus Augenzeugenbericht und der Erörterung grundlegender moralischer Fragen. „Da wird zum Beispiel auch die Frage aufgeworfen, ob sich ein Heilsplan vielleicht nur verwirklichen lässt, wenn es einen Buhmann gibt.“ Judas ist auch für ihn nicht nur der Verräter, sondern ein Mensch, der zweifelt, ein enttäuschter Liebender, ein Verzweifelter, der sich am Ende selbst das Leben nimmt.

Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben

Ganz persönlich ist für Jörg Pauly das Stück auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben: „Ich war als Jugendlicher viele Jahre in der evangelischen Jugendarbeit engagiert, war Jugendleiter, habe im Chor gesungen und mich später dann doch dazu entschlossen, aus der Kirche auszutreten.“ Mit dem Glauben setzt er sich dennoch leidenschaftlich gern auseinander, deshalb waren die Reaktionen der Zuschauer und die Gespräche nach den Aufführungen für ihn eine spannende Erfahrung. „Es tut auch dem Theater gut, in die Stadt hinauszugehen.“ Umgekehrt findet Pfarrer Anton Seeberger, dass es auch der Kirche guttut, sich zu öffnen. „Daraus ergeben sich interessante Begegnungen.“ Zum Abschluss der Spielzeit ist Judas am 20. Mai, um 19.30 Uhr in der katholischen Kirche St. Maria in der Tübinger Straße zu sehen. Die Karten kosten 10 (ermäßigt 8) Euro und können telefonisch unter 0711/22 77 00 bestellt werden.

Aufführungen in den katholischen Kirchen

20. Mai 2019 um 19.30 Uhr in St. Maria

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