Osterempfang

„Kirchen müssen Brandlöscher sein"

250 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kirche sind der Einladung der katholischen Kirche in Stuttgart zum Osterempfang gefolgt. Als Gastredner geladen war Markus Grübel. Der Beauftragte der Bundesregierung für die weltweite Religionsfreiheit führte viele Beispiele von Ländern an, in denen die Religionsfreiheit massiv bedroht ist. An die Kirchen und Religionsgemeinschaften appellierte er, sich für Toleranz und den interreligiösen Dialog einzusetzen.

Markus Grübel, der Beauftragte der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit war Gastredner beim Osterempfang 2019.

Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes erinnerte in seiner Begrüßung noch einmal an den Terroranschlag auf die St. Anthony´s Church am Ostersonntag auf Sri Lanka. An dem Tag, an dem die Gemeinde die Auferstehung feierte, starben 250 Menschen durch die Explosion einer Bombe. „In vielen Ländern dieser Welt werden Christen als Sündenböcke benutzt. Sie werden zur Zielscheibe von Hass und Verfolgung." Er erinnerte an die Vertreibungen der Christen im Irak durch den Islamischen Staat. „Drei Viertel der Katholiken sind aus dem Irak geflohen", so der Stadtdekan. Einige von ihnen hat die Flucht nach Stuttgart geführt, zur chaldäisch-katholischen Gemeinde in Rohracker. Einige Chaldäer waren zum Osterempfang gekommen - mit ihren Fluchtgeschichten und mit süßem Gebäck, das sie für die 250 Gäste gebacken hatten. Wegen ihres Glaubens bedroht seien längst nicht nur Christen, sondern auch Muslime, Jesiden und Angehörige anderer Religionen.

Religiös motivierte Verfolgung nimmt seit Jahren zu

Der Gastredner Markus Grübel stellte ein mehr als 3500 Jahre altes Wort aus dem Buch Jesaja an den Beginn seiner Rede: „Der Gerechte kommt um, doch niemand nimmt sich dies zu Herzen. Die Frommen werden dahingerafft. Aber es kümmert sich niemand darum.“ Religiös motivierte Verfolgungen nehmen seit Jahren zu und sind zu einem globalen Problem gewachsen. „Drei Viertel aller Menschen leben in Ländern, in denen ihre Religionsfreiheit eingeschränkt ist. Nur zwei Prozent aller Menschen weltweit können sich ohne Angst, Bedrohung oder Einschränkung äußern“, so der Politiker. Die Einschränkungen der Religionsfreiheit seien vielfältig, sie reichten von der Todesstrafe beim Wechsel der Religion bis hin zu Blasphemie-Gesetzen, die dazu genutzt werden, um religiöse Minderheiten auf vermeintlich legalem Wege zu unterdrücken. 

Europäer müssen die Not der orientalischen Kirchen wahrnehmen

An Beispielen ließ es Markus Grübel nicht fehlen. In Afghanistan werden Nicht-Muslime von politischen Ämtern ausgeschlossen, in Saudi-Arabien werden Schiiten an Hochschulen diskriminiert, in China sind Uiguren einer Totalüberwachung ausgesetzt. Der Irak ist gezeichnet von Gewalt und Leid im Namen der Religion, der Gewalt ausgesetzt sind dort Christen, aber auch Muslime. „Ohne Religionsfreiheit werden die Konflikte im Irak nicht zu lösen sein.“ Als bedauerlich sieht er es an, dass die schwierige Situation der orientalischen Kirchen in Europa kaum wahrgenommen wird. „Es sind wir - unsere europäische christliche Gesellschaft, - und wir - unsere europäischen Kirchen - die das Sprachrohr für die geflüchteten Christen sein müssen.“ Den Kirchen komme eine wichtige Rolle zu, die Religionsfreiheit zu schützen. Sie müssten Verstöße gegen die Religions- und Weltanschauungsfreiheit  beobachten, bekannt machen und Bündnisse schließen. Grübels Fazit: „80 Prozent aller Menschen weltweit sind religiös gebunden. Kirchen sowie alle anderen Religionsgemeinschaften müssen diesen Einfluss positiv nutzen. Religionen müssen noch öfter Brandlöscher sein.“

Das Redemanuskript von Markus Grübel

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