Rat der Religionen

Religionsgemeinschaft entscheidet über Veranstaltungen in ihren Kulträumen

Der Rat der Religionen hat jetzt Stellung bezogen in der Diskussion um die Aufführung des Werkes „The Armed Man“ von Karl Jenkins. Die Vertreter von 20 Stuttgarter Religionsgemeinschaften stellen einmütig fest: „Jede Religionsgemeinschaft entscheidet selbst, welche Art von Veranstaltungen sie in ihren Räumen, insbesondere in ihren Kulträumen, zulässt und welche nicht.“

Hintergrund für die Stellungnahme ist die öffentliche Diskussion, die die Aufführung des Werkes „The Armed Man“ ausgelöst hat. Der katholische Stadtdekan Christian Hermes hat eine Aufführung des Stückes in den Stuttgarter katholischen Kirchen abgelehnt und ist dafür von den Verantwortlichen des Solitude-Chors öffentlich kritisiert worden. Der Rat der Religionen stärkt dem katholischen Stadtdekan jetzt den Rücken.  Dem Rat der Religionen gehören 20 verschiedene Stuttgarter Religionsgemeinschaften an, darunter Vertreter des Judentums, des Islam und des Christentums. Hier die Pressemitteilung des Rates der Religionen vom 7. Februar im Wortlaut.

Stellungnahme Rat der Religionen

„Jede Religionsgemeinschaft entscheidet selbst – und muss sich dafür keineswegs öffentlich rechtfertigen, welche Art von Veranstaltungen sie in ihren Räumen, insbesondere in ihren Kulträumen, zulässt und welche nicht. Diese Entscheidung ist zu respektieren. Der Rat verweist auf die Leitlinien für multireligiöse Feiern, wonach die Kulträume einzelner Religionsgemeinschaften keine geeigneten Orte für multireligiöse Veranstaltungen sind.“

Vom Rat der Religionen gibt es auch eine Handreichung für die Gesaltung multireligiöser Feiern, die sich hier auf der Homepage des Rates findet.

Zum Hintergrund der Debatte

Die Debatte wurde angestoßen vom Solitude-Chor. Der Chor und das Sinfonieorchester der Uni Hohenheim haben das Stück am ersten Februarwochenende in Stuttgart zweimal aufgeführt. Nach der Aufführung kritisierte die Erste Vorsitzende des Solitude-Chors Heike Graser den katholischen Stadtdekan Christian Hermes wegen seiner Entscheidung im Vorfeld, die katholischen Kirchen in Stuttgart nicht für die Aufführung des Jenkins-Werk zur Verfügung zu stellen. Stadtdekan Hermes begründet seine ablehnende Entscheidung damit, dass der Ruf des Muezzins und damit der grundlegende muslimische Bekenntnisruf „Allahu akbar-Gott ist groß“ nicht in einer katholischen Kirche ausgerufen werden könne. Der Muezzin-Ruf ist Bestandteil der Friedensmesse. Das Werk verwendet Texte aus verschiedensten religiösen Traditionen.

Stellungnahme katholischer Stadtdekan

Seitens der katholischen Kirche hat Stadtdekan Christian Hermes zuvor folgende Stellungnahme abgeben, die hier ebenfalls im Wortlaut nachzulesen ist:

„Über "The Armed Man" gibt es schon eine längere Geschichte der Auseinandersetzungen in Deutschland und darüber hinaus. Der Titel "Messe" darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Stück keineswegs eine christliche Messkomposition darstellt. Das Werk kombiniert einige Bruchstücke der katholischen Messe u. a. mit einem Muezzin-Gebetsruf und bringt damit Gebetstexte, "heilige Texte" und Überlieferungen verschiedener Religionen und nichtreligiöse Texte in Spannung.  

Ich habe mich der Auffassung angeschlossen, dass dieses sehr interessante Werk eine konzertante Aufführung in einem Konzertsaal erfordert. Weder würde eine muslimische Gemeinschaft zustimmen, dass in ihren Gebetsräumen das Bekenntnis und der Lobpreis zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes verkündet wird, noch können wir zustimmen, dass in einer katholischen Kirche, die kein Konzertsaal, sondern der Kultraum einer Religionsgemeinschaft ist, der muslimische Adhan-Gebetsruf, ein grundlegender muslimischer Bekenntnis- und Verkündigungsruf, ausgerufen wird, so im Libretto:

Allahu akbar                                  Gott ist groß.
Aschhadu an la ilaha                     Ich bezeuge, dass es keine
illallah                                           Gottheit gibt außer Gott.
Aschhadu anna Muhammadan       Ich bezeuge, dass Muhammad
rasulallah                                       der Gesandte Gottes ist.

Das Bekenntnis zu Jesus Christus und das Bekenntnis zum Propheten Mohammed können künstlerisch kombiniert werden und sozusagen die Vielstimmigkeit von Religionen repräsentieren. Theologisch und im katholischen Kirchenraum als Ort des christlichen Gottesdienstes und Bekenntnisses sind sie jedenfalls nicht kombinierbar und nicht vereinbar - jedenfalls nach katholischer Überzeugung. Andere christliche Kirchen oder Gemeinschaften mögen dies anders sehen.

Um genau solche Schwierigkeiten und auch Spannungen zu vermeiden, haben sich die Stuttgarter Religionsgemeinschaften im Rat der Religionen darauf verständigt, dass z. B. geeignete Orte für "multireligiöse Feiern" gerade nicht die Kulträume (Kirche, Moschee, Synagoge, Tempel) der Religionen sind, sondern "neutrale" Orte. Wir versuchen im Rat der Religionen, respektvoll miteinander und mit unseren "heiligen Räumen", Texten und Traditionen umzugehen.

Es ist sehr interessant, wie das Thema jetzt hochgezogen wird. Ob ähnlich vorgegangen würde, wenn die jüdische Gemeinde es ablehnen würde - was sie ohne jeden Zweifel tun würde, die "Mass for peace" in der Synagoge aufzuführen? Niemals würde mir der Gedanke kommen, von Muslimen, Juden, Hindus, Bahai oder anderen Religionsvertretern zu erwarten oder überhaupt darum zu bitten, mein christliches Bekenntnis in ihren Räumen zelebrieren zu dürfen. Auch als Leiter eines Chores würde ich nicht im Traum auf die Idee kommen, einer Religionsgemeinschaft Vorwürfe zu machen, weil sie ein religiös sehr heikles Stück nicht in ihrem Kultraum zulässt. Wie gesagt, sehr interessant, das Ganze.

Gut fände ich zum Beispiel, wenn der für Integration zuständige Bürgermeister dem Solitude-Chor kostenlos einen städtischen Konzertsaal zur Verfügung stellen würde. Das wäre ein schönes Zeichen.“

 

 

Kennen Sie unseren Newsletter?

Wir informieren Sie gerne über unsere aktuellen Themen. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.

ANMELDEN