Begegnung

St. Maria ist ein Ort für Gottesdienste und mehr

Die Marienkirche in der Tübinger Straße prägt das Stadtbild. Mit einem Beteiligungsprozess und einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm hat sich die Gemeinde dem Stadtteil geöffnet. Die Reaktionen sind positiv: Viele Menschen, die schon jahrelang kein Gotteshaus mehr betreten, kommen in die Kirche und sind begeistert. Und viele Künstler freuen sich, ihre Werke an einem sakralen Ort zu zeigen.

„Ein heiliger Ort, an dem ausprobiert werden darf“

Die Kirche St. Maria ist längst nicht mehr nur Gottesdienstort. An einem Tag ist sie ein großer Frisiersalon für Menschen mit wenig Geld, am nächsten Ausstellungsraum, dann wieder großartige Kulisse für Theaterstücke oder Konzerte. Die Gemeinde St. Maria hat die Flügeltüren ihrer neugotischen Kirche weit aufgemacht. Von Pfingsten bis Ende Juni lädt die Gemeinde wieder zu einer Veranstaltungsreihe mit Musik, Kunst, Spiritualität und Tanz in die stadtbildprägende Kirche in der Tübinger Straße. „Wir haben den Schritt gewagt und bieten der Stadtgesellschaft unseren Raum an. Wir freuen uns über die vielen Anregungen, die von außen kommen. St. Maria bleibt ein heiliger Ort, aber einer, an dem ausprobiert werden darf“, sagt der Pastoralreferent Andréas Hofstetter-Straka.

Studierende werten Ideen aus

Haben Sie Ideen für die Zukunft von St. Maria? Diese Frage haben die Verantwortlichen im vergangenen Jahr interessierten Menschen aus dem Stadtbezirk und darüber hinaus gestellt. Zusätzlich haben 60 ausgewählte Stuttgarter eine Ideenbox mit Plänen von St. Maria erhalten, mit der Bitte, doch ihre Ideen für die Kirche zu schenken. „Wir sind noch immer gerührt und begeistert, mit welcher Kreativität die Menschen rangegangen sind. Es sind ganz wundervolle, überraschende, liebevolle und witzige Ideen bei uns eingegangen“, sagt der leitende Pfarrer Paul Kugler. Von den Ideenboxen kamen 31 zurück. In der Kirche und im Pfarrbüro gingen während der Bürgerbeteiligung im vergangenen Jahr mehr als 400 Ideen und Vorschläge ein.

Studierende des Lehrstuhls für Praktische Theologie in Tübingen sind im Moment dabei, die Ideen auszuwerten. Wenn die Auswertung vorliegt, ist es an der Gemeinde, der Diözese Rottenburg-Stuttgart und dem Katholischen Stadtdekanat zu entscheiden, wie die Kirche langfristig umgebaut werden soll. Denn das 1879 eingeweihte Gotteshaus ist innen stark renovierungsbedürftig und es ist allein für die Bedürfnisse der Gemeinde zu groß geworden. Wer sich die eingegangenen Ideen anschauen möchte, hat auf der Internetseite "St. Maria als" Gelegenheit dazu.

Kunst, Kultur und Tanz geballt

Unterdessen geht die offene Kirche mit ihrem Kultur- und Veranstaltungsprogramm, das im vergangenen Jahr Premiere hatte, in die zweite Runde. Start ist wieder am Pfingstwochenende. Anlässlich der Nacht der offenen Kirchen am Samstag, 20. Mai, wird von 19 Uhr an Tango getanzt, zu Beginn gibt es eine Einführung in die spirituelle Seite des Tanzes. Der Stuttgarter Sänger Noah Kwaku sowie die Sprecherinnen Jule Hölzgen und Doro Wolfsberger treten am Freitag, 8. Juni, um 20 Uhr auf; das Gigolo Reinhardt Jazztett wird am Montag, 11. Juni, um 20 Uhr in der Marienkirche zu hören sein. Das Repair Café ist am Samstag, 9. Juni, von 9 bis 16 Uhr zu Gast in der Kirche. Das Katholische Bildungswerk und der Verein Nachtsicht laden am Freitag, 15. Juni, zu einem Workshop mit dem Titel *INNEN in die Kirche, Thema sind Frauen am Mischpult, der mit einer Musiknacht endet. 

Mobilitätsstation rund um die Kirche

Die Schauspielerin Marie Buss spielt am Dienstag, 19. Juni, um 20 Uhr ihr Stück Babettes Fest, dazu serviert wird ein dreigängiges Menü. Auch zwei Ausstellungen sind geplant: Marcus Alexander Gwiasda zeigt vom 16. Juni bis 8. Juli "HolysWater", vom 10. Juli an stellt dann der Künstler Tiberius Aubermann vom Projekt Amos seine Werke aus. Am Mittwochabend, 20. Juni, sind alle, die sich in St. Maria eingebracht haben, zum Erfahrungsaustausch eingeladen. Am Samstag, 23. Juni, wird eine künstlerische Auseinandersetzung mit Stephen Hawkings kosmologischen Modellen zu hören und zu sehen sein. Die meisten Veranstaltungen sind kostenlos, aufgestellt wird aber immer ein Spendenkästchen. Natürlich wird jeden Sonntag um 11 Uhr zum deutschen und an den Samstagabenden um 18.30 Uhr zum englischsprachigen Gottesdienst geladen. Die Kirche ist Montag bis Mittwoch von 10 bis 17 Uhr sowie Donnertag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr geöffnet, an den Tagen mit Veranstaltungen auch länger. Die aktuellsten Gottesdienste und Veranstaltungen finden sich ebenfalls auf der Internetseite St. Maria als und auf der entsprechenden  Facebook-Seite.  Rund um die Kirche ist zudem eine Mobilitätstation aufgebaut. Wer möchte, kann Scooter und Rikschas ausprobieren. Von Donnerstags bis Sonntag können zudem zwischen 12 und 20 Uhr Pedelecs ausgeliehen werden.

Den Horizont weit öffnen

Die katholische Kirche in Stuttgart befindet sich an vielen Orten im Aufbruch. Mehr als 20 Standorte werden parallel weiterentwickelt, einer davon ist die Marienkirche. St. Maria ist eine der architektonisch wertvollsten katholischen Kirchen in Stuttgart, die um die Jahrhundertwende mit hohem Aufwand außen saniert worden ist. Schon jetzt ist absehbar, dass die Innensanierung des neugotischen Gotteshauses hohe Kosten mit sich bringen wird. „Eine einfache Standortsanierung bliebe unter dem Potential dieser architektonisch herausragenden Kirche, der noch dazu durch ihre prominente Lage in der Innenstadt eine besondere Bedeutung zukommt“, sagt der katholische Stadtdekan Christian Hermes. Die Kirche ist nicht nur für die Gemeindemitglieder, sondern für viele Menschen im Süden ein wichtiger Ort. „Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, den Horizont so weit wie möglich zu öffnen. Wir sehen uns als Kirche in der Stadt und wollen uns nicht auf eine Nische zurückziehen, sondern im Gegenteil die Stadtgesellschaft einbeziehen.“ Die Bürgerbeteiligung und die Aktionen rund um die Kirche unterstützt haben die Stadtlücken, ein Verein aus Stadtplanern und angehenden Architekten, der noch immer zu regelmäßigen Treffen zur Stadtentwicklung in die Kirche St. Maria einlädt.

Gemeindemitglieder wohnen nicht mehr bei der Kirche

Für Paul Kugler, den leitenden Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Süd, ist St. Maria eine typische Großstadtgemeinde – mit allen Vor- und Nachteilen. „Viele Menschen kommen tagsüber als Besucher in die Kirche, weil die Tübinger Straße für Fußgänger und Radfahrer die Verbindungsstraße zwischen der Innenstadt und dem Süden ist. Die Kirche ist gut frequentiert, aber unsere Gemeindemitglieder wohnen nicht mehr in der Nähe der Kirche, was für das Gemeindeleben schwierig ist“, so Kugler. Auch ist die Kirche für die Bedürfnisse der Gemeinde alleine zu groß, deshalb sieht der leitende Pfarrer die offene Kirche als große Chance für die Gesamtkirchengemeinde und für den Stadtbezirk. Rund um die Marienkirche ist in den vergangenen Jahren viel passiert, mit den Veränderungen an der Paulinenbrücke, dem Neubau des Gerber. „Jetzt passiert auch bei uns etwas Neues“, so Kugler.

Neues versuchen statt in Depression zu verfallen

Auch Domenik Schleicher, der zweite Vorsitzende von St. Maria, stellt fest, dass das klassische Gemeindeleben in St. Maria nicht mehr funktioniere, weil viele der treuen und aktiven Ehrenamtlichen wegen hoher Immobilienpreise an den Stadtrand gezogen seien. „Wir verfallen deswegen nicht in Depression, sondern suchen nach neuen Wegen“, so Schleicher. Er hofft, dass mit St. Maria neben den Zentren für Jugendpastoral und Kirchenmusik und dem geplanten Spirituellen Zentrum ein weiterer kirchlicher Leuchtturm in der Stadt entstehen wird.

Geschichte der Marienkirche sowie Zahlen und Fakten

St. Maria, erbaut in den Jahren 1871 bis1879 im neugotischen Stil, wurde nach der Eberhardskirche als erster Neubau einer katholischen Kirche in Stuttgart nach der Reformation errichtet, damals nahezu am Stadtrand. Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, wurde sie bis 1950 wiederaufgebaut und schließlich um die Jahrtausendwende außen umfassend renoviert. Die Innenrenovierung soll in den nächsten Jahren folgen. Da die Untersuchungen von Decken und Wänden der Kirche noch nicht abgeschlossen sind, ist noch nicht klar, wie hoch die Umbaukosten sein werden. St. Maria gehört heute mit den Gemeinden St. Josef in Heslach und St. Antonius von Padua in Kaltental zur Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Süd mit insgesamt 12 000 Katholiken, von denen rund 6000 auf dem Gemeindegebiet von St. Maria leben. Flächenmäßig zieht sich das Gemeindegebiet St. Maria vom Heusteig- und Leonhardsviertel bis zum Lehenviertel am Marienplatz. Die Marienkirche wird auch von der englischen Gemeinde als Gottesdienstort genutzt. Die Gemeinde hat sich im Jahr 2015 von ihren Gemeinderäumen in der Fangelsbachstraße getrennt und hofft, mit dem Umbau der Marienkirche wieder Räumlichkeiten zu erhalten.

Aktuelle Veranstaltungen
Samstag, 09. Juni 2018 10 bis 16 Uhr Repair Café
Montag, 11. Juni 2018 ab 20 Uhr Gigolo Reinhardt Jazztett
Freitag, 15. Juni 2018 10 bis 17 Uhr DJane Nachtschicht mit dem Katholischen Bildungswerk
Sonntag, 16 Juni 2018   Vernissage "Holys Water"
Dienstag, 19. Juni 2018 20 Uhr Babettes Fest
Sonntag, 01. Juli 2018 19 Uhr Getanztes Gebet "Evangelium und Bharatanatyam"

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