Weihejubiläum

„Weltkirche hält eine aus den Fugen gehende Welt geistlich zusammen“

Aus Rom kam er direkt ins schwül-heiße Stuttgart: Dem 86-jährigen Walter Kasper schienen die Temperaturen in der Landeshauptstadt kein Problem zu bereiten, freudig und gut gelaunt verbrachte er rund zweieinhalb Stunden am Freitagabend (28. Juni) in der Stuttgarter Domkirche St. Eberhard. Seit 20 Jahren lebt der im Schwäbischen groß gewordene Kardinal in der Ewigen Stadt und ist an sommerliche Hitze längst gewöhnt. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hatte ihren ehemaligen Bischof eingeladen um zu feiern und zu danken: vor 30 Jahren, am 17. Juni 1989, wurde dieser in Rottenburg zum Bischof geweiht.

Kardinal Walter Kasper ist vor 30 Jahren in Rottenburg-Stuttgart zum Bischof geweiht. In der Domkirche St. Eberhard haben ihm viele Gläubige gratuliert.

Am Freitagabend (28. Juni) begrüßten zahlreiche Gläubige und ehemalige Weggefährten Kardinal Walter Kasper zunächst im Foyer der Domkirche und feierten anschließend mit ihm einen Gottesdienst. An der Seite des emeritierten Kurienkardinals konzelebrierte der Bischof der Diözese, Gebhard Fürst. Zur Eucharistiefeier gekommen war auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Er hatte den international bekannt gewordenen Theologen und Ökumene-Fachmann anschließend zur Begegnung in kleinem Rahmen in die Villa Reitzenstein eingeladen. Dort zollt er Kasper seinen Dank und seine große Anerkennung.

Auch Winfried Kretschmann ist unter den Gratulanten

Wer vor dem Gottesdienst in St. Eberhard zum „Meet & Greet“ des Stuttgarter Stadtdekanats gekommen war, der erlebte einen hellwachen und humorvollen Kardinal im Gespräch mit Stadtdekan Christian Hermes. Bei den Stichworten „Dezentralisierung und Synodalität“ in der katholischen Kirche verwies Kasper schmunzelnd darauf, dass Papst Franziskus diese Haltung von ihm angenommen hätte. Allerdings müsse die Kirche erst noch lernen, tatsächlich vor Ort zu entscheiden, ergänzte er. Angesprochen auf die bevorstehende „Amazonas-Synode“, bei der es auch um die Weihe von verheirateten Familienvätern gehen soll, antwortete Kasper in aller Deutlichkeit: „Wir sollten in Deutschland aufhören zu überlegen, Dinge aus der Amazonas-Synode übernehmen zu wollen – da liegen Welten dazwischen!“

Kirche müsse lernen mehr vor Ort zu entscheiden

Was Kaspers Tätigkeit als Buchautor angeht so ließ er die Zuhörer wissen, dass er sich vorgenommen habe künftig nur noch fromme Bücher zu schreiben. Im Alter werde man fromm, lachte er und ergänzte, dass er dicke und große Bücher nicht mehr schaffe. Kasper verwies auf sein aktuelles und frommes Werk zum „Vater unser“ und gab gleichzeitig den Ausblick, dass er bereits an einem Buchprojekt zur Kontroverse von Christentum und Judentum arbeite.

Katholische Kirche als weltweit größte Friedensbewegung

In seiner Predigt in der anschließenden Eucharistiefeier blickte Kardinal Kasper zunächst zurück auf seine Zeit als Diözesanbischof und erinnerte sich an den Ruf nach Rom: Am Pfingstfest 1999 hatte er an dieser Stelle, in der Stuttgarter St.-Eberhards-Kirche, nach zehn Jahren als Bischof von Rottenburg-Stuttgart Abschied gefeiert: „Eigentlich wollte ich gar nicht nach Rom gehen. Bei den vielen Begegnungen mit den Menschen in der Diözese, bei meinen Besuchen in den Gemeinden, bei den Orden und in den Einrichtungen – da ist jeweils ein Stück Herz hängen geblieben“, sagte Kasper. Doch der Weg nach Rom habe nochmals eine Weitung des Horizonts bedeutet, für die er sehr dankbar sei. Kasper bezeichnete die katholische Kirche als weltweit größte Friedensbewegung: 1,2 Milliarden gläubige Christen unterschiedlicher Hautfarbe, Sprachen und Kulturen bezeugten trotz aller Verschiedenheit denselben Glauben und feierten dieselbe Liturgie. „Diese Weltkirche hält eine aus den Fugen gehende Welt geistlich zusammen", sagte der Kardinal.

Kasper kritisiert geschlossene, selbst verliebte Identität

Kasper wandte sich gegen einen "geistigen und politischen Klimawandel". Weltweit würden wieder "Mauern statt Brücken" gebaut, neuer Nationalismus sei im Aufwind, kritisierte der in Wangen im Allgäu aufgewachsene Kasper. „An die Stelle einer offenen im ursprünglichen Sinn katholischen Identität, tritt eine identitäre, in sich geschlossene, in sich selbst verliebte Identität“. Nach 30 Jahren Brückenarbeit mache ihn dies zutiefst traurig und erfülle ihn mit großer Sorge, konstatierte Kasper. Mit Blick auf die katholische Kirche sagte er: „Wir dürfen uns als Kirche nicht über Jahre mit uns selbst beschäftigen, unsere Strukturprobleme sind Insider-Probleme und reißen niemanden vom Hocker. Währenddessen warten draußen Millionen, die leiblich und auch geistig darben“. Aufgabe der Christen sei es, in die Welt hinauszugehen und diese nach christlichen Prinzipien mitzugestalten, so Kasper. Mit einem schmunzelnden und gleichzeitig nachdrücklich auffordernden „Avanti. Amen.“ unterstrich Kasper seine Worte.

Vor 30 Jahren in der Diözese zum Bischof geweiht

Kasper, geboren am 5. März 1933 in Heidenheim, wuchs in Wangen/Allgäu auf. Nach seinem Theologiestudium in Tübingen und München wurde er 1957 zum Priester geweiht und 1961 zum Doktor der Theologie promoviert. 1964 übernahm Kasper als Professor den Dogmatik-Lehrstuhl in Münster, 1970 wechselte er nach Tübingen. Am 17. Juni 1989 wurde er als Nachfolger von Georg Moser zum Bischof von Rottenburg-Stuttgart geweiht. Zehn Jahre später ernannte Papst Johannes Paul II. ihn zum Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. 2001 ernannte der Papst ihn zum Kardinal und übertrug ihm das Amt des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Am 1. Juli 2010 wurde der Kardinal aus Altersgründen emeritiert.

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