Leben

„Wir experimentieren, um am Puls der Zeit zu sein“

Schon mit 11 Jahren hat die Domkantorin Lydia Schimmer die erste Messe an der Orgel begleitet, mit 14 Jahren die Dirigentenausbildung begonnen, als Jugendliche viele Preise gewonnen. Heute gehört sie zu den wenigen Frauen, die es in der Kirchenmusik zu einer hervorgehobenen Position gebracht haben. Ein Gespräch über ihre Kindheit, ihren Glauben und die Schwierigkeit, jüngere Menschen für Kirchenmusik zu begeistern.

Schon mit 11 Jahren hat Lydia Schimmer in ihrer Heimat die erste Messe an der Orgel begleitet, mit 14 Jahren hat sie ihre Dirigentenausbildung begonnen, als Jugendliche bei Wettbewerben viele Preise gewonnen. Ihr Musikstudium in Stuttgart hat Schimmer mit Bravour abgeschlossen und sich danach in historischer Spielpraxis und alter Musik weitergebildet. Lydia Schimmer ist Domkantorin in St. Eberhard und damit eine der wenigen Frauen in einer herausgehobenen kirchenmusikalischen Position in der katholischen Kirche. „Ich möchte nicht stehen bleiben“, sagt die 35-Jährige. Im Interview erzählt Lydia Schimmer, warum sie Kirchenmusik schon als Jugendliche anziehender fand als Popmusik, was sie an der Orgel fasziniert und wie sie ihren Glauben lebt.

Frau Schimmer, spätestens als Jugendliche findet man Kirchenmusik doch nicht mehr aufregend, oder?

Das habe ich anders erlebt. Das Orgelspiel und die Chorleitungen haben es mir ermöglicht, früh selbständig zu sein. Ich habe schon mit 14 Jahren in vielen katholischen und evangelischen Kirchen in Offenburg im Gottesdienst Orgel gespielt. Mit 17 Jahren habe ich einen Chor mit 50 Sängern geleitet und mir mit meinem kirchenmusikalischen Engagement meinen Führerschein finanziert. Ich habe erlebt, das ich mit der Kirchenmusik schnell vorankommen kann – und vor allem, dass es mir Freude macht. Auch wenn es in der Jugend zugegebenermaßen schwierige Momente gab, wenn ich freitagabends zur Chorprobe gegangen bin und sich die anderen zum Kino verabredet haben. Aber damit konnte ich umgehen.

Was hat Sie zur Kirchenmusik geführt?

Als Kind habe ich Klavier gelernt und bin mit meiner Mutter zum Kirchenchor gegangen. Ich stamme aus einer religiösen Familie mit vier Kindern. Beide Eltern sind Theologen, der Gottesdienstbesuch, die Jugendfreizeiten, der Kirchenchor gehörten einfach dazu. Da Organisten immer gesucht sind, wurde ich früh gefragt, ob ich mich nicht an der Orgel versuchen wolle. Das Instrument hat mich von Anfang an fasziniert. Es ist wie Tanzen, weil der ganze Körper beteiligt ist. Die Füße sind immer dabei, aber eben nicht nur. Bei einem virtuosen Stück bin ich ganz in die Musik vertieft und mit dem ganzen Körper in Bewegung. Nur wenn die Musik schwingt, berührt sie auch das Publikum. Schon als Kind hat mich die Verbindung von Musik und Kirchenraum fasziniert und das ist bis heute so geblieben. Wenn ich als Erwachsene die Chance habe, in der Chapelle Royale in Versailles an der nach dem Vorbild aus den Anfängen des 18. Jahrhundert nachgebauten Orgel zu spielen und mir vorstelle, dass Ludwig XIV. und sein Hofkomponist Lully in dem Raum saßen, dann ist dies ein ergreifendes Erlebnis. Wie Theater - über das Orgelspiel tauche ich in Geschichte ein.

Kirchenmusik spricht vor allem ältere Menschen an. Wie wollen Sie Jüngere in die Kirche holen?

Wir haben tatsächlich ein vorwiegend älteres Publikum bei unseren Konzerten. Die Menschen aber sind sehr interessiert und sehr treu, dafür sind wir dankbar. Natürlich wollen wir aber auch Jüngere ansprechen, deshalb probieren wir neben dem klassischen kirchenmusikalischen Programm auch verstärkt neue Formen aus. Wir haben zu einer Improvisationsnacht mit zwei Tänzerinnen in St. Eberhard geladen, die sich zur Orgelmusik bewegt haben, der Domkapellmeister Christian Weiherer und ich haben ein vierhändiges und vierfüßiges Orgelkonzert gegeben und auf Leinwand übertragen. Wir experimentieren und riskieren, um am Puls der Zeit zu bleiben.

Welche Rolle spielt Ihr Glaube in Ihrem musikalischen Alltag?
 
Ich habe den Glauben in meiner Familie immer als etwas Positives erlebt, nie als einengend und streng. Mein Mittel, meinem Glauben und meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, ist die Musik. Ich spreche mit den Menschen, wenn ich Orgel spiele, wenn ich singe oder dirigiere.

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