Mehr Kirchenaustritte

„Wir lassen uns von den Zahlen nicht entmutigen“

Die Ergebnisse der von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie haben auch in Stuttgart zu einem Anstieg der Kirchenaustritte geführt. 2116 Frauen und Männer haben im Jahr 2018 die katholische Kirche in Stuttgart verlassen und damit rund 24 Prozent mehr als im Jahr zuvor. „Das Ausmaß der Verbrechen hat viele Menschen schockiert, die anschließende Aufarbeitung viele enttäuscht. Das darf uns als Kirche nicht wundern“, sagt Stuttgarts Stadtdekan Christian Hermes. Die sinkenden Mitgliederzahlen haben auch andere Ursachen: die voranschreitende Säkularisierung der Gesellschaft. „Wir können den Prozess der Entkirchlichung nicht aufhalten. Aber wir können dennoch vor Ort eine gute Arbeit machen und für die Menschen da sein. Und wir können in Stuttgart alles uns Mögliche dafür tun, dass keine weiteren Missbrauchsfälle passieren.“

139 842 Menschen haben Ende des vergangenen Jahres der katholischen Kirche angehört, das ist immer noch fast ein Viertel der Stuttgarter Bevölkerung. „Wir haben in den vergangenen Monaten an Glaubwürdigkeit und an Vertrauen verloren. Dennoch gilt: Panik ist ein schlechter Ratgeber. Wir schauen den Zahlen ins Auge, lassen uns davon aber nicht entmutigen. Wir gehen weiter unseren Weg und versuchen, eine Kirche zu sein, die die Menschen in der Großstadt anspricht, die sich einmischt, die die Stadtgesellschaft mitgestaltet und zeigt, dass die christliche Botschaft auch im Jahr 2019 noch höchst aktuell ist“, sagt Stadtdekan Christian Hermes.

Beim Thema Prävention gegen Missbrauch nicht nachlassen

Um als solche wieder wahrgenommen zu werden, dürfe die Stuttgarter Kirche bei der Prävention gegen sexuellen Missbrauch auf keinen Fall nachlassen. „Wir müssen unsere Mitarbeiter und die Ehrenamtlichen weiter schulen, wir müssen Experten von außen auf unsere Präventionsarbeit schauen lassen und regelmäßigen Austausch möglich machen. Und wir dürfen keinerlei Toleranz gegenüber den Tätern zeigen und auf keinen Fall die Institution vor die Opfer stellen“, so der Stadtdekan. Nur wenn die Menschen sicher sein könnten, dass vor Ort in Stuttgart alles nur Mögliche getan werde, könne die Kirche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Ausgetreten sind im vergangenen Jahr 2116 Katholiken (das entspricht 1,5 Prozent der Kirchenmitglieder). Im Jahr 2017 waren es noch 1701 (1,2 Prozent) gewesen. Die höchste Austrittszahl in Stuttgart in den vergangenen zehn Jahren wurde allerdings nicht 2018, sondern bereits im Jahr 2014 erreicht, ausgelöst durch eine steuerliche Neuregelung: Seit 2015 behalten die Banken die Kirchensteuer von Kapitalerträgen automatisch ein.

Für junge Erwachsene entstehen attraktive Angebote 

Besonders hoch sind die Austrittszahlen bei jungen Erwachsenen zwischen 25 und 35 Jahren, die gerade in den Beruf einsteigen und die in ihrem Alltag keine Berührung mit Kirche haben, die keinen Kita-Platz brauchen, kein Kind taufen lassen wollen, noch nicht an eine Heirat denken und noch keine Angehörigen haben, die die Unterstützung der Sozialstation brauchen. Bei jungen erwachsenen Männern ist die Austrittswahrscheinlichkeit drei- bis viermal höher als in anderen Altersgruppen. „Die jungen Leute schauen auf ihren Lohnzettel und fragen sich, warum sie jeden Monat so viel Kirchensteuer zahlen sollen. Hören sie dann noch von der Missbrauchsstudie, sind sie weg.“ Tatsächlich fehle es in der katholischen Kirche in Stuttgart bisher an Angeboten für junge Erwachsene. „Das haben wir erkannt und entwickeln neue Ideen etwa für junge Erwachsene, die neu nach Stuttgart kommen und Anschluss suchen“, so Hermes. In der Gesamtkirchengemeinde Mitte zum Beispiel hat sich eine Gruppe junger Erwachsener zusammengefunden, die sich trifft, um mit dem S-21-Seelsorger die Baustelle am Hauptbahnhof zu besichtigen, den Bunker unter der Kirche St. Konrad zu erkunden oder gemeinsam Maultaschen zu machen.

Kirche öffnet sich mit station s und St. Maria als

Auch an vielen anderen Stellen sind Veränderungen auf den Weg gebracht. In der Kirche St. Fidelis im Stuttgarter Westen entsteht derzeit ein Spirituelles Zentrum, das als Baustelle auch schon besichtigt werden kann. Das Spirituelle Zentrum station s soll Menschen ansprechen, die auf der Suche nach Sinn und Tiefe in ihrem Leben sind und sie mit Meditationen, Workshops, kulturellen und spirituellen Angeboten dabei unterstützen. „Wir sehen, dass viele Menschen auf der Suche nach etwas Höherem jenseits ihres Alltags sind, dieses aber in einem sonntäglichen Gottesdienst nicht mehr finden. Auf dieses Bedürfnis der Menschen reagieren wir mit dem Spirituellen Zentrum“, sagt Stadtdekan Christian Hermes.

Veränderungen gibt es auch in der Kirche St. Maria in der Tübinger Straße. Dort hat bereits vor zwei Jahren eine Bürgerbeteiligung stattgefunden mit der Frage, was St. Maria sein kann – über den gottesdienstlichen Ort hinaus. Ideen gab es viele und mit den Ideen hat sich St. Maria in den Stadtteil hinein geöffnet, ist dabei aber stets Kirche geblieben -  und bleibt dies auch in Zukunft. „Wir möchten St. Maria zu einer Kirche des Dialogs und der Vernetzung machen, ein Ort, in dem Kirche und gesellschaftliche Gruppen sich begegnen, in dem Profanes und Sakrales zusammenkommen. St. Maria soll wieder dauerhaft zu einer belebten Kirche werden.“ Ohne Veränderungen ist dies nicht zu schaffen, wie die Statistik zeigt: Betrachtet man rein den sonntäglichen Gottesdienstbesuch, so zählt St. Maria zu den Gemeinden mit dem geringsten Gottesdienstbesuch. Schaut man sich die kulturellen und spirituellen Veranstaltungen der vergangenen zwei Jahre an, ergibt sich ein anderes Bild.

In Degerloch entsteht das Zentrum für Trauerpastoral

Noch nicht im Bau, aber in Planung ist das Zentrum für Trauerpastoral, das in unmittelbarer Nähe und in enger Verbindung mit dem Hospiz St. Martin in den nächsten Jahren in Degerloch entstehen soll. „Wenn es um Sterben und den Tod geht, brauchen Menschen Unterstützung und sind offen für Kirche. Trauer, Tod und Abschiednehmen gehören zu unserem Glauben dazu. Wir haben die Kompetenz seit Jahrhunderten und können helfen, wenn es um Trauer und Abschiednehmen geht“, erklärt Stadtdekan Christian Hermes. In dem Zentrum für Trauerpastoral, das in der Gemeinde Mariä Himmelfahrt angesiedelt sein wird, sollen neue liturgische Formen entwickelt werden, weitere Trauergruppen gestaltet und Beratungen für Menschen angeboten werden, die selber trauern oder beruflich viel mit trauernden Menschen in Berührung kommen.

„Kirche lebt, wenn sie zu Veränderungen bereit ist“

„Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass wir mit den neuen Schwerpunktorten, mit späteren Gottesdienstzeiten und neuen Angeboten den Prozess der Entkirchlichung aufhalten, aber wir können dieser Entwicklung jahrhundertealte Schätze entgegen halten. Kirche lebt, wenn sie zu Veränderungen bereit ist“, sagt Stadtdekan Christian Hermes. Und auch wenn die Katholikenzahlen insgesamt zurückgehen, gibt es auch gegenläufige Entwicklungen: Sind im Jahr 2017 in Stuttgart noch 964 Kinder getauft worden, so waren es im vergangenen Jahr 1015. Außerdem sind mehr Menschen in die katholische Kirche eingetreten: 2018 wurden 55 Wiederaufnahmen und 26 Neueintritte gezählt, im Vergleich zu 45 und 18 im Jahr 2017.

Zahlen zur katholischen Kirche in Stuttgart

Ein Grund für die gestiegene Zahl an Taufen ist die Zuwanderung: Mehr als 40 Prozent der Katholiken in Stuttgart sind Migranten. Der Zuwanderung ist auch der Grund dafür, weshalb die Katholikenzahl in Stuttgart in den vergangenen zehn Jahren keineswegs stetig zurückgegangen ist. In den Jahren 2011, 2012 und 2013 stieg sie von 143 183 auf 146 097 Katholiken sogar an, bevor sie im Jahr 2015 auf 142 774 zurückging. Was aber nicht auf rasant angestiegene Austrittszahlen zurückzuführen ist, sondern auf eine Grenzbereinigung. Im Jahr 2015 sind die Gemeinden Kemnat und Ruit an das Dekanat Esslingen-Nürtingen übergegangen. Seither stimmen die Grenzen der Landeshauptstadt mit denen des Stadtdekanats überein. Im Jahr 2017 gehörten am Jahresende 141.342 Menschen der katholischen Kirche in Stuttgart an, Ende 2018 waren es 139. 842. Kirchlich trauen lassen haben sich im vergangenen Jahr 164 Paare . Der durchschnittliche Gottesdienstbesuch lag bei 8,1 Prozent der Katholiken. Gefeiert wurden jeden Sonntag 89 Gottesdienste.

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