Sonstiges

Wohnungsbau: „Kirche hat moralische Verantwortung“

Wie kann die katholische Kirche ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in der Wohnungsbaupolitik gerecht werden? Was kann sie tun, um bezahlbaren Wohnraum in Stuttgart zu schaffen? Die Mitglieder des Stadtdekanatsrats und auch der Stadtdekan Christian Hermes sehen die Kirche in der Pflicht, auch einen Beitrag zu leisten.

1,4 Millionen Euro für das Spirituelle Zentrum

Die katholische Kirche in Stuttgart investiert 1,4 Millionen Euro, um das Spirituelle Zentrum in der Kirche St. Fidelis einzurichten. Hinzu kommen weitere 1,4 Millionen für die notwendige Sanierung von Kirche und Pfarrhaus. Geplant ist, das Spirituelle Zentrum spätestens im Sommer 2019 zu eröffnen. Der Stadtdekanatsrat hat der Finanzierung in seiner jüngsten Sitzung im Haus der Katholischen Kirche zugestimmt. Um Bauen im weitesten Sinne ging es auch im zweiten Teil der Sitzung, der der Frage gewidmet war, wie die katholische Kirche in Stuttgart ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in der Wohnbaupolitik gerecht werden kann. „Wir müssen uns fragen, was können wir tun? Und was sind wir bereit zu tun?“, so der Stadtdekan Christian Hermes. Konsens war, dass die Kirche weiterhin dazu beitragen müsse, bezahlbaren Wohnraum in einem Ballungsraum mit einem hochpreisigen Wohnungsmarkt zu schaffen, auch für sozial Schwache.

Frei werdende Wohnungen sind in Millisekunden vergeben

In seiner einführenden Rede führte Stadtdekan Hermes noch einmal die Situation auf dem Stuttgarter Wohnungsmarkt vor Augen: frei werdende Wohnungen, die in Millisekunden im Freundeskreis wieder vergeben seien; Wohnungspreise, die nach der Prognos-Studie zum Wohnungsbautag 2017 nur noch für Familien mit Doppelverdienern mit hohem Einkommen überhaupt erschwinglich seien; die Stuttgarter Topografie mit sehr begrenzten Erweiterungsflächen nach außen; die schwierige Balance zwischen Außen- und Innenentwicklung sowie die Spannungen zwischen dem steigenden Bedarf nach Wohnraum und den ökologischen Interessen. Was aber könne die Kirche beitragen? „Die katholische Kirche in Stuttgart unterhält mehr als 400 Wohneinheiten und darüber hinaus viele Grundstücke. Wir haben die moralische Verpflichtung, uns damit auseinanderzusetzen, wie unser Beitrag zum Wohnungsbau in der Stadt aussehen soll, auch wenn wir um unsere begrenzten Möglichkeiten wissen“, so Hermes.

Mittelfristig könnten 500 Wohnungen geschaffen werden

Im Stadtdekanatsrat dargelegt wurde noch einmal der aktuelle Wohnungsbestand, der größtenteils aus den 1970er und 1980er Jahren stammt. 39 Prozent entfallen auf gefördertes Wohnen. Dreiviertel der kirchlichen Wohnungen werden zu einem Mietpreis unter der Durchschnittsmiete vermietet. Bei den rund 20 Standortentwicklungen, die derzeit parallel laufen und unterschiedlich weit in der Umsetzung sind, werden viele Neubauten mit einer sozialen Nutzung verknüpft. Ein Beispiel ist St. Peter auf dem Memberg in Bad Cannstatt, wo im März ein Wohnheim für behinderte Menschen eingeweiht wird, im Advent wird die Einweihung von Kirche, Kita und Gemeindezentrum folgen. Bei mehr als zehn der Standorte werden verschiedenste Wohnformen realisiert, ein Schwerpunkt liegt auf der Schaffung von Wohnraum für Menschen mit Behinderungen, Senioren, Migranten und Geringverdienern. Geschaffen werden könnten mittelfristig etwa 500 Wohnungen.

Kirche müsse sozialer Verantwortung gerecht werden

Der Tenor in der anschließenden Diskussion lautete, dass die Kirche ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden müsse. Die Kirche dürfe ihre Rücklagen nicht nur zur Bank tragen, sondern müsse  ein Wohnungsangebot für sozial Benachteiligte, aber auch für kirchliche Mitarbeiter schafffen. Wichtig sei es, kreative Lösungen und neue Wohnformen zu finden, beispielsweise Wohngemeinschaften, um damit insgesamt den Wohnfächenbedarf zu reduzieren. Die kirchliche Verwaltung wird in den nächsten Monaten Vorschläge für Finanzierungsmodelle für die Gesamtkirchengemeinden sowie für mögliche Wohnformen erarbeiten. Das Thema bleibt damit auf der Agenda des Stadtdekanatsrats.

Finanzierung für das Spirituelle Zentrum beschlossen

Beschlossen wurde außerdem die Finanzierung des Spirituellen Zentrums in St. Fidelis mit 1,4 Millionen Euro sowie der Umbau von Kirche und Pfarrhaus mit weiteren 1,4 Millionen Euro. Bis spätestens Sommer nächsten Jahres soll in Fidelis ein Ort christlicher Spiritualität entstehen, mit den Umbauarbeiten begonnen wird in diesem Sommer. „Menschen sollen dort den Liebesatem Gottes spüren, sie sollen geistliche Kraftquellen für den Alltag finden“, erklärte die Theologin Kirstin Kruger-Weiß, die für den Aufbau des Spirituellen Zentrums verantwortlich ist. Angesprochen werden sollen nicht nur Kirchenmitglieder, sondern Menschen in der Großstadt, die sich auf der Suche nach Sinn und Kraftquellen befinden. Geplant sind Kooperationen mit Museen und anderen Kultureinrichtungen in der Landeshauptstadt. Klar sei aber auch, dass es weiterhin spirituelle Angebote in den Gemeinden geben soll: „Wir wollen keine Zentralisierung der spirituellen Angebote, sondern eine Vernetzung“, so Kruger-Weiß. Stadtdekan Hermes sieht das Zentrum als wichtiges Experiment für die Stadtkirche, aber auch für die Diözese.

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