Ökumenische Trauerfeier

„Sie waren unsere Schwestern und Brüder“

Immer mehr Menschen leben allein und sterben einsam. Knapp 400 angeordnete Bestattungen gab es im vergangenen Jahr in Stuttgart. Es sind Menschen ohne Angehörige, die sich um deren Verabschiedung und Beerdigung kümmern könnten. Am 28. Juli hat nun die erste ökumenische Trauerfeier für unbedacht Verstorbene stattgefunden, die getauft waren und bis zu ihrem Lebensende einer Kirche angehörten. Bei der einen Feier soll es nicht bleiben: Künftig sollen einsam verstorbene Menschen gemeinsam und in Würde verabschiedet werden.

© Max Kovalenko

Mit dem Erklingen der Orgel betreten die evangelische Pfarrerin Eva Deimling und der katholische Pfarrer Anton Seeberger Seite an Seite die Trauerhalle auf dem Waldfriedhof, stellen sich vor die elf schwarzen Urnen, auf denen pinke Gerbera liegen, und verbeugen sich. Es ist die erste ökumenische Trauerfeier für unbedacht Verstorbene in Stuttgart. Hier werden Menschen verabschiedet, die keine Angehörigen hatten, die sich darum kümmern könnten. 387 sogenannte angeordnete Bestattungen gab es im vergangenen Jahr in der Landeshauptstadt. Diese Zahl lässt organisatorisch und finanziell keine Einzelbestattungen mehr zu, wie sie früher stattfanden. Dass es nun ökumenische Sammeltrauerfeiern gibt, war „ein langer Prozess“, so Deimling, bei dem am Runden Tisch mit der Stadt gegen einige Vorbehalte und Widerstände auch aus den eigenen Reihen gekämpft werden musste. Bisher sind der Evangelische Kirchenkreis und das Katholische Stadtdekanat Stuttgart bei dem Projekt dabei, „aber es soll noch auf eine breitere Basis gestellt werden. Es gibt bereits ein Signal von der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Baden-Württemberg“, sagt Seeberger.

Kirchen holen einsam Verstorbene aus der Anonymität

Alle Namen der Verstorbenen, die zwischen 60 und 100 Jahre alt wurden, werden an diesem Dienstag noch einmal verlesen und die Personen damit aus der Anonymität geholt. „Unter den Menschen geraten die Namen in Vergessenheit, doch bei Gott sind sie unvergessen“, so die beiden Pfarrer. Für jeden Verschiedenen wird eine Kerze angezündet, jedes Licht steht dabei für einen einzigartigen Menschen mit seiner Würde und seiner ganz eigenen Geschichte.

Das Chörle singt und bildet die Trauergemeinde

Es wird gemeinsam gebetet und gesungen. Man merkt kaum, dass  die bei der Trauerfeier Anwesenden Menschen verabschieden, denen sie nie begegnet sind. „Auch wenn wir sie nicht gekannt haben, sie waren unsere Schwestern und Brüder“, sagt Deimling zu der Trauergemeinde, die aus Sängerinnen und Sängern des Chörles besteht. Dieser besondere Chor wurde 2010 von Sabine Ostmann speziell für solche Anlässe gegründet. Die Organistin im Ruhestand war es leid, alleine mit dem Pfarrer die Trauerfeiern einsam Verstorbener zu bestreiten. „Es ist kein schönes Gefühl, aber es fällt einem leichter, wenn die anderen dabei sind“, so die Chorleiterin. Ohne die 18 Chormitglieder würden die Pfarrer auch heute vor leeren Stühlen stehen. „Den heutigen Termin konnten wir nur kurzfristig ankündigen“, so Seeberger. „Wir hoffen, dass zukünftig auch Leute aus den Gemeinden kommen, um den unbedacht Verstorbenen ihre letzte Ehre zu erweisen.“

Künftig soll es regelmäßig ökumenische Trauerfeiern für unbedacht Verstorbene geben

Nach einer guten halben Stunde ist die kirchliche Feier vorbei, nach und nach leert sich die Halle. Die elf Verstorbenen werden in anonymen Rasengräbern auf dem nahegelegenen Dornhaldenfriedhof bestattet werden und sicher nicht die letzten einsam Verschiedenen bleiben, die dort ihre letzte Ruhestätte finden. Zukünftig planen die evangelische und katholische Kirche in Stuttgart vier bis fünf ökumenische Trauerfeiern für unbedacht Verstorbene im Jahr, die nächste findet am 6. Oktober, um 10 Uhr, in der Trauerhalle auf dem Waldfriedhof statt.

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