Predigt zum Nachlesen

Friedensgottesdienst in der Stiftskirche

Am Samstag, 24. Februar 2024, zwei Jahre nach dem Angriff auf die Ukraine, feierten katholische und evangelische Gläubige in der Stiftskirche gemeinsam einen ökumenischen Friedensgottesdienst. Roman Wruszczak, Pfarrer der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, predigte über das Gedicht „Kreuzweg 1939“ von Berthold Brecht. Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler, Stadtdekan Christian Hermes und Pfarrer Roman Wruszczak sprachen ihre Fürbitten auf Deutsch und Ukrainisch. Der Chor der ukrainischen griechisch-katholische Kirche Stuttgart sowie Hanna Schäfer (Gesang) und Andreas Gräsle (Orgel) gestalteten den Gottesdienst musikalisch.

Predigt von Pfarrer Roman Wruszczak

In seinem eindrucksvollen Gedicht „Kreuzweg 1939“ beschreibt Bertolt Brecht die Verwirrung der deutschen, polnischen und jüdischen Kinder, die 1939 ihre Eltern verloren und zwischen zwei Fronten gerieten. Die Gruppe der Kinder, die von Stadt zu Stadt wandert, wird immer größer, und schließlich sind es 55 Jungen und Mädchen. Ein elfjähriges Mädchen, führt ein vierjähriges Kind wie eine Mutter. Ein jüdischer Junge, der auf der Straße stirbt, wird von zwei polnischen und zwei deutschen Jungen begraben. Die junge Liebe scheitert an der großen Kälte. Die Schilder am schneebedeckten Straßenrand weisen in die falsche Richtung. Die Kinder hatten einen kleinen Hund bei sich. Sie hatten nicht den Mut, ihn zu töten und sich selbst etwas zu essen zu besorgen. Nach einer langen Zeit fanden Leute aus der Nachbarschaft den Hund verhungert, mit einem Pappschild um den Hals und der Handschrift eines Kindes darauf: Bitte helfen Sie! Wir können den Weg nicht finden.

Liebe Schwestern und Brüder, dies Worte des Schriftstellers sind auch die Worte der ukrainischen Menschen von heute: „Bitte helfen Sie! Wir können den Weg nicht finden.“ Ist es eigentlich nicht eine einfache Frage, ob zwei Jahre eine lange oder eine kurze Zeit sind? Es kommt wahrscheinlich darauf an, ob es glückliche oder kummervolle Jahre sind. Womit kann man die Jahre des Krieges vergleichen? Lange haben wir alle gedacht, dass solche Vergleiche für immer und ewig der Vergangenheit angehören. Niemand hätte es vermutet, dass die Erlebnisse unserer Eltern oder Großeltern – über welche in vielen Familien nie gesprochen wurde – Ukrainern zur Realität werden. Was haben wir als Christen daraus gelernt?

Das Böse ruht sich wirklich nie aus. Schlimmer noch, das Böse hat viel dazu gelernt und tut gnadenlos dort weh, wo es am meisten weh tun kann.

Nach allen Bildern, die wir in diesen zwei Jahren gesehen haben, ist jedem von uns klar, dass dieser Krieg gegen zivile Menschen: Frauen, Kindern, Kranke und gegen die, die am meisten verwundbar sind, gerichtet ist.

Dieser Krieg wird nicht auf dem Schlachtfeld ausgetragen, sondern in dem privaten Haussektor, bei der lebenskritischen Infrastruktur (insbesondere im Winter), bei den Krankenhäusern, Kultureinrichtungen und Kitas.

Es ist ein gezielter Schlag, gegen alle, die wir am meisten lieben. In der großen Fastenzeit, vor allem vor dem Licht des kommenden Osterfestes, spüren wir, wie unvorstellbar dunkel es um uns in dieser Zeit wird.

In der großen Fastenzeit gehen wir mit dem Herrn den ganzen Kreuzweg mit. Nur im Jahre 2022 hat für die Ukrainer dieser Kreuzweg nicht aufgehört und unser Land trägt sein Kreuz seit zwei langen Jahren, voller Leid und Tränen.

Die Deutschen nennen ihr Land „Vaterland“, wir nennen unsere Ukraine liebevoll „Ненька“. Man kann es als „Mütterchen“ übersetzen. Wie kann man nicht weinen, wenn auf dem Kreuzweg, der unvorstellbar schmerzvoll ist, jetzt die eigene Mutter läuft.

Es ist schrecklich wie schroff und vorhersehbar das Böse ist. So wie damals, bei unserem Herrn, hört man wieder die Menge, im Nachbarland, die schreit: Kreuzige, kreuzige ihn!

So wie damals, führen Soldaten gleichgültig ihre Befehle aus, nur jetzt sind es keine Heiden mehr, sondern Christen, die ihren Götzendienst der Gewalt zelebrieren. So wie damals werden einige gleichgültig.

Man spürt, wie genervt manche auf diesen Krieg reagieren, als ob jemand von uns einen Einfluss auf den Verlauf hätte. Die eifrigen Unterstützer von gestern überlegen, zweifeln und zögern, obwohl es bald um eigene Grenzen gehen kann. Ja die Geschichte wiederholt sich.

Durch das Evangelium durchschauen wir dieses Spiel des Bösen und können bewusst wählen, zu wem wir gehören möchten. Wir möchten zu denen gehören, die bis zum letzten Moment unter dem Kreuz standen. Zu denen, die sich immer wieder geweigert haben einzugestehen, dass es mit allem, woran sie geglaubt haben, vorbei ist. Man wusste noch nicht, dass die Nacht kurz vor der Dämmerung am dunkelsten ist.

Im Buch Jesaja steht: „Wächter, ist die Nacht bald hin? Wächter, ist die Nacht bald hin? Der Wächter aber sprach: Der Morgen kommt, doch noch ist es Nacht.

Also folgen wir weiterhin den Ruf des Apostels: „Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid tapfer und stark! Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“.

Unser Glaube war und bleibt unerschütterlich!

Slava Ukraini

Die Predigt zum Nachhören finden Sie unter www.stiftskirche.de/predigten

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