Drei Wochen vor dem Katholikentag hat die katholische Kirche in Stuttgart zu ihrem Osterempfang eingeladen. Passend zu dem kirchlichen Großereignis Katholikentag war das Hauptthema des Abends die aktuelle Situation der katholischen Kirche, ihre Herausforderungen, aber auch die Chancen, die im Glauben und in christlichem Handeln liegen. Irme Stetter-Karp, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, wird gemeinsam mit Bischof Gebhard Fürst am 25. Mai den 102. Katholikentag eröffnen. Beim Osterempfang der Stuttgarter Kirche im Cannstatter Kursaal aber analysierte sie erst einmal die derzeitige Situation der Kirche, um dann aufzuzeigen, wo sich Kirche stärker einbringen könne und müsse.
Zum Osterempfang in den Kursaal gekommen waren 250 Menschen aus der Stuttgarter Stadtgesellschaft, aus Politik, Verwaltung, Kultur, Wirtschaft und Kirche. Mit dabei war auch der frühere Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der sich als Vorsitzender des Trägervereins für den Katholikentag einsetzt, sowie die beiden Bundestagsabgeordneten Markus Grübel und Maximilian Mörseburg sowie die Bürgermeisterin für Jugend und Soziales der Stadt Stuttgart Isabel Fezer und Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann. Gekommen waren auch viele Vertreterinnen und Vertreter des Rates der Religionen, darunter auch die derzeitige Koordinatorin Susanne Jakubowski von der jüdischen Gemeinde.
Kurz vor dem Katholikentag in Stuttgart analysierte die ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp in ihrer Rede zunächst einmal die derzeitige Situation der katholischen Kirche, die von Reformstau geprägt sei, inzwischen selbst in ihrem Kernmilieu an Mitgliedern verliere und noch immer mit der Aufarbeitung von Missbrauch in ihren Reihen beschäftigt ist. „Wir erodieren in einem rasanten Tempo“, stellte Irme Stetter-Karp fest. Der deutsche Sonderweg sei längst vom Tisch. „Wir sind Teil eines gesamtkatholischen Aufbruchs“, so die Katholikin.
Im Anschluss an die Analyse nahm sich die Präsidentin des ZdK drei große Handlungsfelder vor, „die uns heute in unmittelbarer Verflechtung regionaler und globaler Maßstäbe als Christ/innen besonders herausfordern, Themenfelder, in denen Kirche zu verantwortungsvollem Handeln und mehr sozialer Gerechtigkeit beitragen könne: Klimaschutz und Transformation, Flucht und Migration sowie Corona und gesellschaftlicher Zusammenhalt. „Hunger betrifft 98 Prozent der Menschen, die im Globalen Süden leben. Afrika, das als gesamter Kontinent nur 3 bis 4 Prozent der globalen Co2-Emissionen verantwortet, ist von den Effekten des Klimawandels besonders betroffen. Dem zu begegnen halte ich für eine grundlegende christliche Verantwortung“, so Irme Stetter-Karp.
Beim Umgang mit Flucht und Migration fand sie deutliche Worte: „Menschenfeindlichkeit, Rassismus oder Autoritarismus können unmöglich mit dem Evangelium in Verbindung gebracht werden oder gar dadurch gerechtfertigt werden.“ Und beim Thema Corona machte die ZdK-Präsidentin deutlich, dass Christinnen und Christen für das Gemeinwohl und gegen die Ignoranz der Egoismen ihre Stimme erheben müssten. „Es gibt genügend Möglichkeiten, dass die Kirche sich aus ihrem Auftrag heraus für die Menschen von heute stark machen kann, ja machen muss." Aber erst wenn die Kirche mit der Überwindung ihrer Krise ernst mache, könne sie ihre Potentiale freisetzen. Irme Stetter-Karp endete mit der Aufforderung: „Lassen Sie uns den Wandel so gestalten, dass Kirche ohne Argwohn in der Gesellschaft wirken kann.“
Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes ging in seiner Begrüßung auf den Krieg in der Ukraine ein und beschrieb ein Bild, das eine alte Frau in einem bis auf den Holzofen zerstörten Backhaus beim Backen des ukrainischen Osterbrots Paska zeigt. „Ganz sicher müssen wir gerade dort Ostern feiern, wo die Mächte des Todes und des Hasses übermächtig wüten. Nichts weniger als diese Hoffnung, die sich gegen die Spirale der Gewalt und der Hoffnungslosigkeit stellt, braucht unsere Welt jetzt.“ Hermes dankte der ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde für ihre Hilfsbereitschaft und ihr Engagement und versicherte: „Wir stehen an der Seite des ukrainischen Volkes und seines Kampfes für Freiheit und Selbstbestimmung.“
Zudem warb der Stadtdekan für den bald beginnenden Katholikentag und für dessen Leitwort „leben teilen“. „Wir glauben, dass Gott in Jesus Christus unser Leben geteilt hat und uns Anteil an seiner Lebenskraft und Lebensfülle gegeben hat. Aus sich selbst heraus umfasst dieser Glaube, an der Welt, am Leben besonders der Notleidenden und an den Herausforderungen der Zeit Anteil zu nehmen und Leben und Lebenschancen gerecht zu teilen. All diesen Dimensionen will der Katholikentag mit 1.500 Gottesdiensten, Diskussionen, Angeboten und Veranstaltungen gerecht werden. Teilen und Teilhabe werden ernsthaft in den Blick kommen, sowohl im Blick auf die globalen ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen wie im Blick auf die dringenden Reformaufgaben in unserer eigenen Kirche.“ Die Besucherinnen und Besucher erwarte vier Tage geballte katholische Vielfalt, an der auch viele Menschen aus der Stadtkirche mitwirken werden.
Die Rede der ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp in voller Länge finden Sie hier.