Gedenkfeier am 21. Juli

Als Mensch mit seiner Würde gesehen werden

Sehen und gesehen werden – im Begegnungscafé von „Die Brücke e.V. – Verein für Menschen am Rande“ geht es nicht um Oberflächliches, sondern um den Menschen und seine Würde. Die Gäste sind drogenabhängig. Sie kommen, um sich auszutauschen, um ruhige Stunden zu verbringen, um nicht allein zu sein. Hier, im ersten Stock eines großen Gebäudes in der Stuttgarter Innenstadt, sind sie mittendrin und doch geschützt vor den wertenden Blicken anderer. Diana, die hier ehrenamtlich arbeitet, schenkt Kaffee aus, bietet Butterbrezeln und süße Stückle an. Alles gratis, denn einen „normalen“ Café-Besuch könnten sich die von Drogen gezeichneten Menschen nicht leisten.

Diana schenkt Kaffee aus und lächelt dabei
Diana arbeitet ehrenamtlich bei "Die Brücke e.V."

„Als Suchtkranke habe ich mit vielen Vorurteilen zu kämpfen“, erzählt die 50-jährige Diana. Mitmenschen würden sie oft auf ihre Sucht reduzieren, ihr einen Stempel aufdrücken und ihre Erkrankung nicht anerkennen. Mit 14 Jahren hat sie angefangen zu kiffen, mit 16 begann sie, Heroin und Kokain zu konsumieren. Seit zehn Jahren kommt sie nun schon zur Brücke, zuerst als Gast, inzwischen als ehrenamtliche Helferin. Aufgrund epileptischer Anfälle ist sie erwerbsunfähig, aber die paar Stunden im Café schafft sie, sie geben ihr Halt. „Ich komme raus von daheim und habe etwas Sinnvolles zu tun, das gefällt mir und sorgt für Struktur in meiner Wochenplanung“, berichtet Diana.

Trauerwand für Verstorbene

Zwei Sofas mit bunten Kissen vermitteln eine Wohnzimmer-Atmosphäre, und doch ist es kein gewöhnliches Café. Am Fenster brennen Kerzen für die kürzlich Verstorbenen, die Wand gegenüber ist voll mit Fotos von Menschen, die in den vergangenen Jahren gestorben sind. Mittendrin ein Foto von Petrus Ceelen. Der Seelsorger hat „Die Brücke e.V.“ vor über 30 Jahren gegründet und verstarb 2024 im Altern von 81 Jahren. „Trauer und Sterben gehören zu uns“, erzählt Uwe Volkert. Der Seelsorger lädt gemeinsam mit den Engagierten des Vereins für Menschen am Rande – Die Brücke e.V. – hier im Café zu Trauerfeiern ein, gibt den Verstorbenen Raum und hält für die Hinterbliebenen einen Ort der Erinnerung bereit. „Es geht uns auch darum, ihre Lebensentscheidungen zu respektieren und sie eben nicht zu kriminalisieren und zu illegalisieren. Wir glauben als Christen, dass jedes Leben gewollt ist von Gott“, sagt der 48-Jährige.

Gemeinschaft schweißt zusammen

Die Gäste sind ausschließlich Menschen mit einer „Drogenkarriere“. „Wir sind wie eine Gemeinschaft, zu der man sich zugehörig fühlt. Unsere Lebenssituation schweißt uns zusammen“, berichtet Diana, die die 20 bis 30 Gäste bewirtet. Und Uwe Volkert ergänzt: „Bei uns ist Gottesdienst eine mit Liebe gemachte Tasse Kaffee, ein Ort, wo man merkt, dass man willkommen ist. Das ist unsere Art, Kirche zu sein. Wir versuchen, miteinander menschlich umzugehen und Mensch zu sein; nur dann kann meiner Meinung nach das Göttliche durchdringen und spürbar werden.“ Auch außerhalb des Cafés wird die Gemeinschaft gepflegt, wie etwa bei gemeinsamen Freizeiten oder beim jährlichen Biergartenbesuch. „Wir wollen Begegnungen und Beziehungen ermöglichen“, so der Seelsorger. Möglich ist das vor allem durch die Spenden und die Mitgliedbeiträge, die „Die Brücke e.V.“ erhält.

Schuld- und Schamgefühle durch Sucht

„Einerseits will man gesehen und anerkannt werden, andererseits befürchtet man Vorurteile und gesellschaftliche Konsequenzen“, beobachtet Uwe Volkert. Hier im Café darf man sein, wie man ist. Viele schätzen die Ruhe und den geschützten Raum. „Drogenabhängige sind getrieben von ihrer Sucht, es gibt einen enormen Suchtdruck. Hier haben sie eine Auszeit“, sagt Diana. „Es ist die eigene Geschichte, mit der man ringt“, weiß Pastoralreferent Uwe Volkert aus den vielen Gesprächen der letzten Jahre. „Wie geht man mit Schmerz, Leid und Trauer um? Da hat jeder seine eigene Strategie. Und die Menschen hier flüchten sich in Drogen mit allen Konsequenzen.“

Wunsch nach mehr Akzeptanz

„Ich wünsche mir mehr Akzeptanz“, sagt Diana. „Dass Sucht eine Erkrankung ist, wird in der Gesellschaft oft vergessen. Niemand konsumiert Drogen aus böser Absicht. Aber es gibt manchmal Lebensumstände, die einen dazu bringen“, berichtet sie aus eigener Erfahrung. „Die Menschen, die hierherkommen, erfahren bei uns Verständnis und Begegnung auf Augenhöhe. Wir schauen nicht von oben herab, wir moralisieren nicht“, sagt Uwe Volkert. Der Seelsorger ist während der Öffnungszeiten des Begegnungscafés – dienstags und freitags von 12 bis 15 Uhr – vor Ort und gesprächsbereit.

Gedenkfeier am 21. Juli 2025: Jedes einzelne Leben würdigen

Am Montag, 21. Juli 2025, findet um 12 Uhr auf dem Leonhardsplatz eine öffentliche Veranstaltung mit Gedenkfeier für die Menschen statt, die in den letzten zwölf Monaten aufgrund ihres Drogenkonsums gestorben sind. Für jeden wird eine Kerze angezündet. „Es geht uns darum, jedes einzelne dieser Leben zu würdigen“, so Uwe Volkert. Das Motto in diesem Jahr in Stuttgart ist: Leben mit Drogen – FINDET STATT! Lebensqualität erhöhen: Konsumsicherheit! Gesundheit! Akzeptanz!

Zum Aktionsbündnis „Internationaler Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende Stuttgart“ gehören folgende Akteure: AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., Die Brücke e.V., Seelsorge für aids- und drogenkranke Menschen, JES Stuttgart e.V., LAGAYA e.V., release Stuttgart e.V., LEDRO und der Caritasverband für Stuttgart e.V. Das Stuttgarter Aktionsbündnis fordert mit dieser Veranstaltung erneut, Substitutionsplätze und andere Einrichtungen in der Suchthilfe auszubauen, um eine gezielte, niedrigschwellige Unterstützung von drogengebrauchenden Menschen und eine sogenannte „Harm Reduction“ (Schadensminderung) zu erreichen.

Infos zu „Die Brücke e.V.“ finden Sie unter www.die-brücke.org

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