Interview mit Johanna Beck

„Der Glaube hilft mir, den Missbrauch zu verarbeiten“

Als Kind und Jugendliche ist Johanna Beck von einem katholischen Ordensmann missbraucht worden. Heute studiert die 37 Jahre alte Stuttgarterin Theologie, engagiert sich in der Domgemeinde St. Eberhard und im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz. „Der Glaube und die Theologie helfen mir, den Missbrauch zu verarbeiten.“ Der Ordensmann ist inzwischen im Bistum Salzburg tätig, in einem Haus, in dem auch Firmgruppen und spirituelle Skifreizeiten für Familien angeboten werden. „Noch immer ist das Problem vieler Verantwortlicher in der katholischen Kirche, dass den Tätern und der Institution mehr Empathie entgegengebracht wird als den von Missbrauch Betroffenen“, sagt Johanna Beck. Im Interview erklärt sie, warum die katholische Kirche, vor allem aber die Gemeinde vor Ort, für sie wieder zu einem Ort der Heimat geworden ist. Ein Gespräch über Missbrauch, unbewegliche Strukturen, die Rückkehr zur Kirche, heilende Erfahrungen und die Hoffnung, Diakonin werden zu können.

Johanna Beck ist als Kind und Jugendliche von einem Ordensmann missbraucht worden. Heute engagiert sie sich in der Stuttgarter Kirchengemeinde St. Eberhard, im Betroffenenbeirat der Katholischen Bischofskonferenz und bei Maria 2.0. Ein Interview über Missbrauch und die katholische Kirche.© Heinz Heiss

Was hat Sie dazu bewogen, mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

Es war kein Schritt, sondern eine Entwicklung. Lange Zeit war es nur mein Mann, der von dem Missbrauch wusste, später dann auch meine Schwestern. Jeder kirchliche Missbrauchsskandal in den Medien schwemmte bei mir die Erinnerungen wieder nach oben. Die MHD-Studie der Deutschen Bischofskonferenz war es dann, die mir den Anstoß gegeben hat, den erlebten Missbrauch aufzuarbeiten. Nach und nach habe ich mich immer mehr Menschen anvertraut, zum Beispiel auch Pfarrer Hermes, der mich bei meiner Aufarbeitung sehr unterstützt hat. Zuerst habe ich meine Geschichte anonym veröffentlicht, dann unter Pseudonym, schließlich unter meinem Namen. Vor einem Jahr habe ich dann auch eine Zeugenaussage bei der Kommission sexueller Missbrauch der Diözese Rottenburg-Stuttgart gemacht. Seither warte ich auf eine offizielle Mitteilung, auf den nächsten Schritt.

Was haben Sie als Kind und Jugendliche erlebt?

Ich bin über meine Mutter in die Katholische Pfadfinderschaft Europas (KPE) hineingeboren worden. Im Bauch meiner Mutter war ich beim ersten Zeltlager im Bistum Würzburg dabei, danach jedes Jahr bis zu meiner späten Jugend. Bei einer Beichte im Zeltlager im Wald kam mir der Priester und Ordensmann erstmals mit seinen Fragen und Worten zu nahe, bohrte während einer endlosen langen Beichte nach meinen Vergehen gegen die Keuschheit, verwendete dabei Wörter, die ich als braves katholisches Mädchen noch nie gehört hatte. Sein lautes Atmen vergesse ich nie. Damals war ich elf Jahre alt, ich verstand nicht wirklich, was er von mir wollte, aber ich habe gespürt, da läuft etwas grundlegend falsch. Eine andere Szene: ich sitze wieder bei einer Beichte mit geschlossenen Vorhängen im Gruppenraum, knie vor dem Priester, der mich mit seinen Oberschenkeln umfängt, mich am Arm berührt und wieder nur laut schnaufend über meine Keuschheitsvergehen sprechen will. Am Ende der Beichte schärft er mir ein, meine Sinne und meinen Körper abzutöten. Nach jeder Beichte bin ich angeekelt nach Hause gegangen – auf die Idee, mich wehren zu können kam ich nicht.

Haben Sie sich als Kind niemandem anvertraut?

Ich habe einen Anlauf genommen, bin aber nicht gehört worden. Meiner Schwester erging es ebenso. Einen Priester und Ordensmann zu beschuldigen, das durfte nicht sein, das gab es nicht. Als Mädchen und Frauen sollten wir demütig, gefügig, rein und keusch sein wie Maria. Die Machtasymmetrie war eindeutig: Die Priester standen oben, die Mädchen unten. Abends mussten wir uns im Zeltlager im Dunkeln waschen, durften keine Badeanzüge tragen. Dass der Ordensmann immer vorbeischlich, wenn wir Mädchen uns wuschen, wollte niemand sehen. Erst vor einem Jahr war ich dann soweit, das Erlebte vor die Rottenburger Kommission zu bringen, auch wenn sich die Taten überwiegend im Bistum Würzburg zugetragen haben. Lange war mir gar nicht klar, dass ich Missbrauch erlebt habe.

Wie ist Ihr Verhältnis zur katholischen Kirche heute?

Der Abigottesdienst war für zehn Jahre der letzte Gottesdienst, den ich besucht habe. Während des Studiums habe ich keine Kirche mehr betreten. Ich wollte mit der katholischen Kirche überhaupt nichts mehr zu tun haben. Als dann mein erstes Kind zur Welt kam, stellte sich mir wieder die Frage: Lassen wir ihn taufen? Beim dritten Kind habe ich dann schon den Gottesdienst mitgestaltet. Vor vier Jahren habe ich mich beim Stadtbummel in die Domkirche St. Eberhard treiben lassen und bin zufällig in einem Gottesdienst gelandet, der mich sehr angesprochen hat. Da habe ich zum ersten Mal gedacht, vielleicht gibt es in dieser Kirche doch noch einen Platz für mich. Inzwischen bin ich Mitglied im Kirchengemeinderat von St. Eberhard, engagiere mich bei Maria 2.0 und studiere Theologie im Fernkurs an der Domschule Würzburg. In der Gemeinde habe ich wieder eine spirituelle Heimat gefunden. Und die Theologie studiere und betrachte ich ganz im Lichte der Missbrauchskrise mit dem Ziel, irgendwann als Diakonin der katholischen Kirche arbeiten zu können. Vielleicht kann ich es so zusammenfassen: Die Kirche hat mich verletzt und sie heilt, heute überwiegt für mich das Heilende.

Können Sie sich mit einer Kirche identifizieren, die Sie so tiefgreifend verletzt hat?

Ich kann so lange in der katholischen Kirche bleiben, solange ich mithelfen kann, etwas zu verändern, solange ich das Gefühl habe, gehört zu werden und etwas zu bewegen. Und vor Ort in meiner Gemeinde bewegt sich sehr viel. Zudem ist der Glaube für mich eine Quelle der Resilienz, der Glaube und eine Therapie haben mir geholfen, den Missbrauch zu verarbeiten.

Sie haben sich auf die Suche nach dem Ordensmann begeben. Was haben Sie herausgefunden?

Der Ordensmann ist inzwischen im Bistum Salzburg tätig, lebt und wirkt in einem Haus, in dem Firmgruppen übernachten und Skifreizeiten für Familien angeboten werden. Er bietet noch immer Exerzitien für Frauen an, reist dafür auch in andere Bistümer. Immerhin darf er in der Diözese Rottenburg-Stuttgart aufgrund meiner Zeugenaussage keine Exerzitien mehr anbieten. Das war für mich ein wichtiges Zeichen, weil ich sehe, dass ich mit meiner Aussage etwas erreicht habe. Trotzdem zeigt sich in meiner Geschichte das ganze Problem der katholischen Kirche: Bis heute bringen viele Verantwortliche den Tätern und der Institution mehr Empathie entgegen als den von Missbrauch Betroffenen. Es darf einfach nicht sein, dass ein Ordensmann, der sich des Missbrauchs schuldig gemacht hat, einfach an eine andere Stelle in ein anderes Bistum verschoben wird. Die Kirche muss dafür Sorge tragen, dass es keine weiteren Opfer geben kann.

Deshalb engagieren Sie sich im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz und arbeiten jetzt auch beim Synodalen Weg mit.

Eines unserer Ziele ist es, dass die Kirchenoberen die Verfahren so gestalten, dass sie den Betroffenen die Kontrolle zurückgeben. Das ist im Moment leider nicht der Fall. Das kann man schon daran ablesen, dass ich im Offizialat keine Anklage gegen den Ordensmann einreichen, sondern nur eine Zeugenaussage machen konnte. Kirchenrechtlich geht es in dem Verfahren auch nicht um einen Verstoß gegen die Würde und die sexuelle Selbstbestimmung eines Menschen, sondern um einen Verstoß gegen den Zölibat. Da ich als Zeugin geladen bin, habe ich auch keine automatische Akteneinsicht. Ich muss mir alles erkämpfen. So ein Verfahren birgt ein ungeheures Retraumatisierungspotential. Auch wenn ich mich bei meiner Aussage vor einem Jahr gut behandelt gefühlt habe, warte ich bis heute auf eine offizielle Rückmeldung des Offizialats, wie es nun weitergeht. Eine parallele staatliche Strafanzeige ist mir nicht mehr möglich, da die Fristen verjährt sind.

Wie erleben Sie derzeit die Vorgänge in Köln rund um Kardinal Woelki?

Die Mitglieder des Betroffenenbeirates in Köln sind erneut von Kirchenmännern instrumentalisiert worden, um die Entscheidungen der Bistumsleitung in der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Ich kann es vielleicht so sagen: ein aufrichtig bereuender Bischofsrücktritt wäre ein starkes Zeichen. Aber auch mit einem Rücktritt wären alle personellen Verstrickungen nicht aus der Welt geschafft. Die katholische Kirche hat ein Leitungsproblem.

Welche Veränderungen fordern Sie von der Kirche, für die Sie sich engagieren?

Alle Strukturen, die Missbrauch begünstigen, müssen konsequent abgeschafft werden. Ein System der Checks and Balances muss eingeführt werden, das Machtmissbrauch verhindert. Und als Frau fordere ich natürlich, dass Frauen dieselben Rechte zugestanden werden wie Männern. Im Denken muss der Schutz von Kindern in den Mittelpunkt gestellt werden, nicht der Schutz von Männerbünden. Auch theologische Denkmuster müssen konsequent daraufhin angeschaut werden, ob Sie geistlichen und sexuellen Missbrauch begünstigen.

Was raten Sie anderen von Missbrauch betroffenen Frauen und Männern?

Sich Hilfe und Unterstützung zu holen und dabei den Selbstschutz nicht zu vergessen. Es ist wichtig, sich Menschen an die Seite zu holen, um gut durch alle Verfahren, zu kommen und nicht noch einmal das Gefühl des Ausgeliefertseins zu erleben.

 

Zur Person Johanna Beck

Johanna Beck hat nach dem Abitur auf einem katholischen Mädchengymnasium zunächst Literaturwissenschaft und Geschichte an der Universität Würzburg studiert, ihre Promotion wegen der drei Kinder dann aber ruhen lassen. Vor drei Jahren hat die 37-Jährige ihr Fernstudium Theologie an der Domschule Würzburg begonnen. Sie ist als Referentin zu den Themen Missbrauch und die Rolle der Frauen in der Kirche tätig, veröffentlicht Texte zu theologischen und kirchenpolitischen Fragen und ist auch auf Twitter unter dem Pseudonym Madame Survivante aktiv. Seit November 2020 gehört Johanna Beck dem Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz an und ist bisher die einzige Frau unter den vier Sprechern. Als Sprecherin des Betroffenenbeirats arbeitet sie seit diesem Jahr auch beim Synodalen Weg mit, zuletzt brachte sie ihre Stimme bei der jüngsten Vollversammlung im Februar ein. Johanna Beck engagiert sich zudem seit zwei Jahren in der Bewegung Maria 2.0. Seit dem vergangenen Jahr gehört die Stuttgarterin dem Kirchengemeinderat von St. Eberhard an.

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