Hugo-Häring-Auszeichnung

„Dieser Raum ist viel mehr als Architektur”

Das Spirituelle Zentrum station s lädt seit einem Jahr Menschen dazu ein, mitten im Großstadtlärm zur Ruhe zu kommen. Den Umbau der Kirche St. Fidelis zum Spirituellen Zentrum haben die Stuttgarter Architekten Domenik Schleicher und Michael Ragaller begleitet und dafür in diesem Herbst die Architekturauszeichnung „Kleiner Hugo“ bekommen. Ein Gespräch mit den beiden Stuttgarter Architekten über die besondere Herausforderung, einen sakralen Raum umzubauen, ihre Lieblingsorte in der Kirche und ihre bewegendsten Momente in St. Fidelis. Insgesamt 17 innovative Bauten aus Stuttgart und der Region haben die Hugo-Häring-Auszeichnung für den Raum Stuttgart und Mittlerer Neckar bekommen, darunter mit St. Peter ein weiteres Projekt der katholischen Kirche in Stuttgart.

Was macht die umgebaute Kirche St. Fidelis für Sie zu etwas Besonderem?

Domenik Schleicher: Die Kirche macht etwas mit einem, wenn man sie betritt. Man spürt auf Anhieb, in einem spirituellen Raum zu sein, in dem man zur Ruhe kommen kann. Wenn ich mit dem Rad vorbeifahre, halte ich oft an, setze mich in die Kirche, komme zur Ruhe und freue mich an dem offenen, hellen und stillen Raum. Nur wenige Räume schaffen es, den Menschen dieses Gefühl zu vermitteln. Hinzu kommt diese Mischung aus Baukunst, Kunst und Spirituellen Angeboten, die den Ort zu etwas Außergewöhnlichen machen.

Michael Ragaller: Kein Projekt hing bei uns im Architekturbüro so lange an den Wänden wie St. Fidelis. Wir haben uns in einer Tiefe mit Materialien, mit Farben, mit Licht, aber auch mit Liturgieformen auseinandergesetzt, wie wir dies selten erleben. Zu wissen, man gestaltet als Architekt einen sakralen Raum, das verändert das eigene Bewusstsein und die eigene Herangehensweise.

Haben Sie einen Lieblingsort in der umgebauten Kirche?

Domenik Schleicher:  Ich setze mich immer neben einen der Stützpfeiler in der Mitte des Raumes in die letzte Reihe. Dort erlebe ich die Symmetrie des Raumes am eindrucksvollsten, ich befinde mich zwischen Altar und Ambo und erlebe den Binnenchor mit der Holzvertäfelung als großartigen Raumabschluss.

Michael Ragaller: Und ich setze mich daneben und freue mich, dass ich in St. Fidelis eben nicht von allen Plätzen aus die Zentralperspektive in Richtung Altar einnehme und immer nur auf die Rücken der anderen Gottesdienstbesucher schaue. Ich blicke auf den Raum und eben auch in die Gesichter der Menschen, die in den Stuhlreihen gegenüber sitzen.

Was war die größte Herausforderung während zweijährigen Umbaus?

Michael Ragaller: Das waren die Wochen, als die Kirche komplett eingerüstet war und die Maler schon an der Decke arbeiteten. Wir konnten nur abschätzen, wie die Farbe der Decke ohne das Gerüst im Raum wirken würde, wir wussten aber bis zum Schluss nicht, ob wir mit unseren Vorstellungen wirklich richtig lagen. Da stellt sich dann ein Gefühl der Unsicherheit ein, obwohl man alles abgewogen, geprüft, bis in die Tiefe geplant und zigfach abgesprochen hat.

Domenik Schleicher: Man weiß, wenn das Gerüst weg ist, kann ich es nicht noch einmal aufstellen lassen. Das waren Wochen großer Anspannung. Aber das macht unseren Beruf so spannend und interessant. Ich bin immer aufs Neue herausgefordert und kann die Dinge nicht mit reiner Routine erledigen. Und wir haben mit der Farbgestaltung und der Lichtführung das erreicht, was sich alle Beteiligten gewünscht haben: mehr Helligkeit, Klarheit und eine gute Lichtführung in der Kirche. Wir haben eine schlichte, offene und einladende Kirche gestaltet, die von der Reduktion auf das Wesentliche lebt.

Was waren die Sternstunden in der Planung und beim Umbau?

Domenik Schleicher: Für mich waren die wenigen Treffen mit der fast hundertjährigen Innenarchitektin Maria Schwarz in ihrer Wohnung in Köln wirkliche Sternstunden. Maria Schwarz und ihr Mann Rudolf haben in den 1960er Jahren den Innenraum von St. Fidelis nach den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils neu gestaltet. Wir saßen am Wohnzimmertisch dieser Frau mit ihrer ganzen Lebensweisheit und haben diskutiert, was in St. Fidelis architektonisch möglich ist und wie man katholische Liturgie weiterentwickeln kann. Für die fast hundertjährige Maria Schwarz war klar, dass man mit den Antworten der 60erJahre Kirche heute nicht weiterentwickeln kann. Mit ihrer Zustimmung konnten wir den Communio-Gedanken in St. Fidelis umsetzen.

Michael Ragaller: Die traditionelle Aufteilung des Kirchenraums ist in St. Fidelis bewusst aufgehoben, Altar und Ambo sind in die Mitte der Kirche gerückt worden. Bei den Gottesdiensten versammelt sich die Gemeinde um Altar und Ambo. Auch für mich als Protestant ist das unglaublich eindrucksvoll. 

Was waren für Sie die ergreifendsten Momente in St. Fidelis?

Domenik Schleicher: Das war die Vesper am Abend der Altarweihe vor etwa einem Jahr. Die Psalmen, die der Kirchenmusiker Tobias Wittmann mit dem Chor vorgetragen hat, haben mich tief in der Seele berührt. Dieses Raum- Kunst-Musik-Erlebnis werde ich nie vergessen.

Michael Ragaller: Der bewegendste Moment für mich war der Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag im vergangenen Jahr, den ich zusammen mit meinem frisch verwitweten Vater besucht habe. Die Trauer war schmerzlich und dennoch haben wir in der Gemeinschaft Trost erfahren. An diesem Morgen habe ich ganz unmittelbar gespürt, dass dieser Raum viel mehr ist als Architektur.

Wann werden Sie die Auszeichnung feiern?

Domenik Schleicher: Wir werden auf jeden Fall zusammen mit allen Beteiligten feiern. Wir freuen uns, aus den 120 eingereichten Arbeiten für den Raum Stuttgart ausgewählt worden zu sein. Wann die Feier stattfinden kann, hängt natürlich von der Entwicklung der Corona-Infektionszahlen ab. Aber was wir jetzt schon sagen können: Eine solche Bauherrschaft zu haben, ist ein Glücksfall. Die Besprechungen mit den Verantwortlichen aus der Gemeinde und dem Stadtdekanat waren immer lösungsorientiert und von einem guten Miteinander geprägt.

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