20 000 Euro gespendet

Gertrud Bader hilft dem Hospiz mit ihren selbst gemachten Pralinen

Stolz blickt Gertrud Bader auf das Jahr 2020 zurück. Mit ihren selbstgemachten Pralinen hat sie ihr persönliches Spendenziel von 20.000 Euro für das Hospiz St. Martin in Degerloch erreicht. Trotzdem – oder gerade deswegen – will die 57-Jährige weiterhin in ihrer kleinen Küche in Birkach Pralinen herstellen und für das Hospiz verkaufen, „Die Leute können sich mit dem Hospiz auseinandersetzen und gleichzeitig zergeht ihnen eine Praline auf der Zunge“, berichtet die ehrenamtliche Sterbebegleiterin von ihren Verkaufserfolgen.

© Von Elisabeth Perkovic

„Die Schokolade ist eine absolute Mimose“, sagt Gertrud Bader und verrührt eine zähflüssige Masse aus geschmolzener belgischer Schokolade, Sahne und Kakaobutter. „Nur ein paar Grad zu warm und schon bekommt sie später weiße Schlieren.“ In den Genuss ihrer kleinen Köstlichkeiten, wie Orangen-Thymian-Trüffel oder Pflaume-Zimt-Trüffel, kommt man nur zwei Mal im Jahr. Kurz vor Ostern und im November investiert Gertrud Bader rund 30 Stunden ihrer Freizeit, um 1200 Pralinen in ihrer Küche zu fertigen. „Ich verwende keinen zusätzlichen Zucker und auch keine Aromastoffe. Damit bekommen meine Pralinen einen ganz anderen Geschmack als gekaufte.“

Pralinen fürs Hospiz – seit elf Jahren ein Erfolg

In den vergangenen elf Jahren konnte sie dem Hospiz insgesamt mehr als 20.000 Euro überreichen. Die Idee war aus der Not geboren: Während der Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin erfuhr sie, dass Geld für eine Kinderspielecke benötigt wird. „Ich habe dann ganz pragmatisch gesagt: Ich mach mal tausend Pralinen, verkaufe diese und dann bekommt ihr das Geld dafür“, erinnert sich Gertrud Bader. Von den zweifelnden Blicken ließ sich die Hauswirtschaftsleiterin nicht abschrecken. „Ich arbeitete zu diesem Zeitpunkt in einem Promintentenhaushalt. Die Frau dort war ehrenamtlich sehr engagiert. Deshalb wusste ich, was ich machen musste, um ein Projekt zum Laufen zu bringen. Und ich wusste, ich brauche die Zeitung mit im Boot.“ Im „Blick vom Fernsehturm“ erschienen 2009 ihre Pralinen als „Tipp des Tages“ und wurden gleich zum Verkaufsschlager. Inzwischen sind die Hospizpralinen auf dem Degerlocher Wochenmarkt so bekannt, dass sie auch ohne Werbung schon nach wenigen Stunden ausverkauft sind.

Erste Sterbebegleitung beim eigenen Vater

Mit den Pralinen über das Hospiz ins Gespräch zu kommen, ist ein Anliegen von Gertrud Bader. Sie selbst musste sich früh mit dem Tod beschäftigen. „Mit Anfang 20 hatte ich eine schwere Krebserkrankung und musste mich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen.“ Nach der zweiten Operation bildeten sich keine Metastasen mehr, aber das Thema Tod blieb in ihrem Leben. Im Sommer 2000 meldete sich ihr Vater nach langer Funkstille bei ihr. Er hatte ein Aneurysma im Bauch und wollte seine jüngste Tochter noch einmal sehen. „Ich hatte ein Buch über Aborigines gelesen, die ein Abschiedsfest feiern, wenn sie wissen, dass sie sterben werden. Dabei sagt jeder, was er von dem sterbenden Menschen in Erinnerung behalten wird. Ich habe dann meine Stärken aufgeschrieben, die ich trotz schwieriger Kindheit von meinem Vater mitbekommen habe.“ Nach langem Hadern lud Gertrud Bader ihren Vater, ihre Mutter und ihre Schwester ein. Und es lief anders als geplant. Während der Vorspeise musste ihr Vater ins Krankenhaus, auf der Fahrt nach Stuttgart hatte sich wohl ein Haarriss im Aneurysma gebildet. „Wir haben quasi aus dem Nichts eine grandiose Begleitung für unseren Vater hinbekommen. Heute bin ich davon überzeugt, dass er vom Allgäu nach Stuttgart kommen musste, um so gebettet sterben zu können.“

Gertrud Bader sieht die Sterbebegleitung als Berufung an

Eine Stunde nach dem Tod des Vaters stand Gertrud Bader vor dem Krankenhaus. „Da war eine Stimme in mir, die sagte ‚Ich habe dir deine Gabe gezeigt, nutze sie‘“, erinnert sie sich. Bereits als Kind konnte sie beim Gleichnis von den anvertrauten Talenten nicht verstehen, warum der letzte Diener sein Talent vergraben hatte. Genau das fiel ihr in dieser Situation ein: „Der, der seine Talente verbuddelt, wollte ich nicht sein, also mache ich es. Und so bin ich zur Sterbebegleitung gekommen.“

Im Erinnerungsbuch hält sie alle Begleitungen fest

In den letzten 20 Jahren hat Gertrud Bader mehr als 70 Menschen beim Sterben begleitet. Jeder Abschied und jeder Verstorbene hinterlässt Spuren und über jeden schreibt sie in ihr Begleittagebuch. Unabhängig davon, ob die Begleitung wenige Tage oder mehrere Monate lang war, jeder erhält eine Seite in dem dicken Buch aus handgeschöpften Papier.

Sich auf der Herzensebene mit den Menschen ohne Sprache verständigen

Mit der Erfahrung, durch Supervision und mit vielen Weiterbildungen hat sich auch die Art verändert, wie Gertrud Bader Sterbende begleitet. Besonders beeindruckt hat sie ein Seminar bei Gabriel Looser, einem Schweizer Sterbebegleiter. „Sei dir bewusst, jeder Gedanke, den du denkst, kommt drüben gefühlt gesprochen an. Du kannst ganz viel auf der Herzensebene reden und dafür brauchst du keine Sprache“, berichtet Gertrud Bader. „Die Sterbenden prüfen, bist du echt, bist du stimmig? Habe ich dann auch noch den Raum für mich?“ Und so braucht wahres Mitgefühl keine Worte. „Ich bete nur dann laut, wenn ich darum gebeten werde. Was in mir geschieht, das ist etwas anderes. Mit der Präsenz und meiner wohlwollenden Haltung kann ich beim Sterbenden sein und ihn begleiten.“

Mit Menschen über Hospizarbeit ins Gespräch kommen

Bei ihrem Ehrenamt erlebt Gertrud Bader immer wieder Angehörige, die sich mit dem Tod nicht beschäftigt oder das Thema verdrängt haben. So nutzt sie den Pralinenverkauf, um Menschen für das Thema zu sensibilisieren. „Dadurch, dass ich Menschen schon durch so viele Höhen und Tiefen begleitet habe, kann ich die Themen Hospiz und Sterbebegleitung ganz anders verkörpern“, ist Gertrud Bader überzeugt.

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