„Bei mir melden sich viele Beschäftigte, die nicht mehr weiterwissen“, berichtet Michael Görg. In den Räumen der Betriebsseelsorge Stuttgart in Bad Cannstatt bietet er Einzelgespräche an. „Ich möchte die Menschen darin unterstützen, wieder Hoffnung für ihren weiteren Berufsweg zu finden“, sagt er. Ein offenes Ohr zu haben, erleben viele von ihnen an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr. „Der Druck steigt, die Ellbogenkultur nimmt zu. Innerhalb der Teams findet ein Positionierungswettkampf statt. Dem fallen Gespräche und gute Kontakte zwischen Kolleginnen und Kollegen zum Opfer“, stellt Michael Görg fest, der seit Januar 2020 Betriebsseelsorger ist. „Vorgesetzte haben ihre Mitarbeitenden weniger im Blick. Für Menschen ist es wichtig, dass jemand zuhört. In der Arbeitswelt ist oft kein Platz mehr dafür“, sagt der Diakon.
Ansprechpartner bei Brüchen im Leben
Besonders belastend seien Situationen, in denen mehrere Faktoren wie Krankheit, familiäre Konflikte oder existenzielle Ängste zusammenkommen. „Wenn Brüche im Leben auftreten, brauchen die Menschen jemanden, der für sie da ist, zuhört und mit ihnen die Situation aushält“, betont Michael Görg. Seine Aufgabe sieht er darin, Menschen zu begleiten, ihnen Hoffnung zu geben und Wege aufzuzeigen, wie es weitergehen und wie das Leben gelingen kann.
Würde der Menschen am Arbeitsplatz wahren
Viele, die zu ihm kommen, erleben Entlassungen oder betriebliche Veränderungen als schmerzhafte Ohnmachtserfahrungen. Es wird über sie hinweg entschieden, sie können die Entscheidungen nicht beeinflussen. Arbeit ist nicht nur Broterwerb, sondern auch Gemeinschaft, Sinnstiftung und soziale Einbindung. All das gerät ins Wanken. Der 56-Jährige unterstützt dabei, neue Perspektiven zu entwickeln: „Meist kommen wir im Gespräch auf gute Ideen und helfen, erste Schritte zu gehen.“ Ein weiteres zentrales Anliegen ist für ihn, die Würde der Menschen am Arbeitsplatz zu wahren. „Oft hört man die Wirtschaftsinteressen, aber die Stimme der Arbeitenden fehlt“, erklärt Michael Görg.
Verbindung von Glaubenswelt und Arbeitswelt
Als Diakon verbindet er Glaubenswelt und Arbeitswelt. Sein Engagement speist sich aus der Überzeugung, dass er nicht allein ist: „Mir gibt Kraft, dass Gott mitwirkt bei dem, was ich tue.“ In Fällen, in denen ihm keine Lösungen einfallen, hält er die Situation mit den Betroffenen aus – und betet mit ihnen, wenn sie es wünschen. „Manchmal fragen Menschen nach dem Gespräch: Können wir zusammen beten? Oder: Beten Sie für mich?“
Sein Ansatz ist aufsuchend, inspiriert von Jesus, der von Ort zu Ort ging: „Was kann ich für dich tun?“ Zusammen mit einem Team aus Ehrenamtlichen bietet die Betriebsseelsorge von der Unterstützung bei Bewerbungen bis hin zur Konflikthotline Baden-Württemberg direkte Hilfe an. Das Angebot der Betriebsseelsorge richtet sich an alle Menschen, unabhängig von ihrer Religion oder Weltanschauung.
Weitere Infos: https://betriebsseelsorge.de/