Weihnachten international

Am ersten Weihnachtstag ist die Tafel reich gedeckt

Bei Familie André mischen sich französische, Schweizer und deutsche Bräuche. Fast die Hälfte der Stuttgarter Katholiken hat Migrationshintergrund. Mitgebracht haben sie immer auch besondere Bräuche rund um den Advent und Weihnachten. Für die Familie André, deren Wurzeln nach Frankreich und in die französische Schweiz führen, ist der Advent eine intensive Zeit, in der sie ihren Glauben neu bestimmen. Der Christbaum wird schon am ersten Advent geschmückt, auch die Holzkrippe im Wohnzimmer bekommt dann ihren Platz. Auf die Geschenke aber müssen die drei Kinder noch bis zum ersten Weihnachtsfeiertag warten, dem Tag, an dem normalerweise das Festmahl mit der Großfamilie nicht fehlen darf. Dieses Jahr aber werden die Andrés nicht zu ihren Familien in die Schweiz und nach Frankreich fahren.

Wo kann ich Jesus in unserem Alltag finden? Das ist die Frage, mit der Johanne André durch den Advent geht. Und wenn dann ihre jüngste Tochter Louca vom Kindergarten nach Hause kommt und erzählt, dass sie den Jungen nicht zurück geschubst, sondern ihm nur ein lautes Stopp entgegen gerufen hat, weil sie sich überlegt habe, wie Jesus das wohl machen würde, dann freut sich die 38-Jährige. „Wir erzählen im Alltag viele biblische Geschichten, aber auch andere, damit die Kinder ihren eigenen Zugang finden können.“ Es sind Geschichten von Jesus, Johannes dem Täufer, von Sankt Martin, von Nikolaus von Myra und natürlich im Advent die von der Geburt des Jesuskindes.

Die Hebamme hat erlebt, wie nahe Leben und Tod sein können

Johanne André ist Hebamme, sechs Jahre hat sie dafür in der Schweiz und in Frankreich studiert, dann 13 Jahre lang in der größten Schweizer Geburtsklinik in Genf gearbeitet. In dieser Zeit hat sie einige hundert gesunde Kinder auf die Welt gebracht, hat aber auch erlebt, wie Kinder krank auf die Welt kommen, wie Babys allzu früh sterben, wie nah Leben und Tod sein können. „Es sind die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach einem Leben nach dem Tod, nach dem was wirklich wichtig ist, die mich bis heute beschäftigen“, sagt die 38-Jährige. Sie wollte Leben schenken, deshalb ist die gebürtige Schweizerin Hebamme geworden. Die Geburt des Kindes an Weihnachten ist für Johanne André nicht nur mit der biblischen Geschichte verbunden, sondern mit vielen persönlichen Erlebnissen, Erinnerungen und Ereignissen. „Die Geburt von Jesus zu feiern, ist ein Freudenfest. Der Advent die Vorbereitung darauf. Ein Stopp im Jahreslauf, der die Familie zusammenführt und das neue Kirchenjahr einläutet“, sagt Johanne André, die gewählte Vorsitzende der französischen Gemeinde Sainte Thérèse de l'enfant Jésus.

Mit dem Herzen in den Advent kommen

Die Familie schmückt den Christbaum schon am ersten Adventssonntag mit den goldenen Kugeln, auch die Krippe bekommt dann ihren Platz: „Das hilft uns, mit dem Herzen in den Advent zu kommen. Und wir können diese besondere Zeit lange und in vollen Zügen genießen“, sagt François André, Manager bei Porsche, Rennsportfan und Katholik. Er freut sich, wenn seine Kinder mit zum Gottesdienst gehen, hält sie aber dazu an, sich eigene Gedanken zu machen. Deshalb wird denn auch schon auf der Rückfahrt von der Kirche nach Hause über die Predigt und die gelesene Bibelstelle diskutiert. „Ich frage meine Kinder, was hast du mitgenommen? Manchmal ist es auch nur ein Wort“, sagt François André. Zuhause versammelt sich die Familie an den Wochenenden dann auch um den Christbaum, es wird gesungen, gelesen, zusammen gebetet.

Die Familie schätzt es, die kirchlichen Feste offen zu feiern

Seit sie in Stuttgart leben, begehen sie viel mehr kirchliche Feste als in den Jahren davor in Clermont-Ferrand. „Das Erntedankfest und die Martinsumzüge kannten wir weder aus der Schweiz noch aus Frankreich“, sagt Johanne André. In ihrem Elternhaus in der Schweiz wurden die Stiefel am 6. Dezember rausgestellt, in den Jahren in Frankreich nicht immer. „Das sind schöne Kirchenfeste und Traditionen, die wir sehr mögen. An St. Martin das Licht in der Dunkelheit, an Nikolaus die Güte des Bischofs von Myra“, so Johanne André. Ihr Mann François schätzt es, dass die kirchlichen Fest in Deutschland so offen gefeiert werden, „anders als in Frankreich, wo wegen der ausgeprägten religiösen Neutralität des Staates alles sehr gedämpft sein muss“, so der 47 Jahre alte Ingenieur.

Geschenke gibt es am ersten Weihnachtsfeiertag

Beibehalten aber haben sie die französische Art Weihnachten zu feiern, kuschelig im Kreis der Großfamilie: An Heiligabend mit einer frühen Christmette, mit französischen Weihnachtsliedern und der Weihnachtsgeschichte. Am ersten Weihnachtsfeiertag dann mit den Geschenken am frühen Morgen. „Wir kommen frühmorgens bei einer Tasse Kaffee wieder zusammen und dann beginnt das Geben und Nehmen, für das wir uns viel Zeit nehmen.“ Um die Mittagszeit setzen sich alle dann zu einer großen Tafel zusammen, es gibt Gänseleber, Truthahn mit Maronen, leckeren Nachtisch, Käse und guten Wein. Getafelt wird bis zum Abend. „Und natürlich ziehen wir uns alle festlich an, schließlich feiern wir die Geburt eines Kindes“, sagt Johanne André. Dieses Jahr freilich wird die Familie voraussichtlich in Stuttgart bleiben, Weihnachten im kleinen Kreis feiern und die Großeltern digital einladen.

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