Gastrede zur Demokratie

230 Stuttgarterinnen und Stuttgarter kommen beim Osterempfang zusammen

230 Stuttgarterinnen und Stuttgarter aus der Politik, der Verwaltung, der Wirtschaft, dem Rat der Religionen und der Kultur sind zum Osterempfang ins Haus der Katholischen Kirche zusammengekommen. Gastgeber und Stadtdekan Christian Hermes fand deutliche Worte zum Missbrauchsgutachten der Erzdiözese Freiburg, das am Vormittag der Öffentlichkeit vorgestellt worden war. "Wir haben es hier nicht nur mit einer alle Werte des Evangeliums verratenden Amoralität, einem schweren Amtsversagen und einer klerikal-narzisstischen Empathielosigkeit gegenüber Opfern zu tun. Wir haben es hier mit vorsätzlichem Rechtsbruch und Strukturen organisierter Kriminalität zu tun." Als Gastredner eingeladen war der Philosoph und Politikwissenschaftler Felix Heidenreich von der Universtität Stuttgart, der sich angesichts von vielen Demokratien in essenziellen Krisen sich für ein Demokratieverständnis, das Anstrengungen nicht vertuscht und Zumutungen aushält. Demokratie wagen ist für ihn: mehr Zumutungen formulieren.

Stadtdekan Christian Hermes freute sich über die Gäste aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Kultur und dem Rat der Religionen: "Ich wage die Behauptung, dass dieser Saal voll ist von Menschen, die nicht auf der Couch sitzen und warten, was ,die da oben' ihnen für ,Angebote' machen und liefern, und das dann liken oder reklamieren, sondern dass dieser Saal voll ist von Menschen, die selbst ,liefern' und sich einbringen und beteiligen. Dafür möchte ich Ihnen allen von Herzen danken!"

Stadtdekan findet klare Worte zum Missbrauchsgutachten

Noch in seiner Begrüßungsrede fand der Stuttgarter Stadtdekan deutliche Worte zum aktuellen Missbrauchsgutachten: "Wir haben es mit vorsätzlichem Rechtsbruch und Strukturen organisierter Kriminalität zu tun. Um so wichtiger ist es, dass solche Verbrechen aufgeklärt werden und dass, Kinder gestärkt und geschützt werden durch starke Maßnahmen der Prävention und schonungslosen Verfolgung und Aufarbeitung. Um so wichtiger ist es, dass die Strukturen unserer Kirche und ihr Amtsverständnis reformiert werden. Das monarchisch-absolutistische System und die ideologische Sakralisierung höchst irdischer Machtverhältnissen sind erledigt. Es ist aber nicht genug, immer wieder erschüttert zu sein über das, was geschehen ist an Missbrauch und seiner Vertuschung, oder Reformen zu fordern. Wir sind an einem Punkt, wo missbrauchsbegünstigenden und sich verabsolutierenden, selbstherrlichen Strukturen die Loyalität entzogen und diese aktiv und offensiv anzugehen sind, und zwar nicht durch Austritt, sondern durch Einsatz! Wir brauchen keine Monarchen besseren Charakters oder „bester Absichten“. Die Kirche Jesu braucht gar keine Monarchen und das Evangelium verlangt nach anderen, gerechteren, transparenten und partizipativeren Strukturen und Ämtern."

Demokratie ist immer auch Zumutung

Der Gastredner des Osterempfangs Felix Heidenreich warb für ein Demokratieverständnis, das Zumutungen aushält. Der Koordinator am Internationalen Zentrum für Kultur und Technikforschung (IZKT) der Universität Stuttgart sieht viele Demokratien längst in einer existenziellen Krise: die USA, Brasilien und Ungarn sind für ihn nur die offensichtlichsten Beispiele. Auch in Deutschland sieht er Anzeichen für eine Krise der Demokratie. Der Stuttgarter Wissenschaftler plädiert für ein Demokratieverständnis, das Anstrengungen, die den Bürgerinnen und Bürgern abverlangt werden, nicht vertuscht, sondern klar benannt. Heidenreich blickt bewusst nicht nur auf die Politikerinnen und Politiker, sondern eben auch auf die Bürgerinnen und Bürger, deren Haltung für die Entwicklung der Demokratie ebenso wichtig ist. "Demokraten müssen lernen, sich (auch) regieren zu lassen." Der Politikwissenschaftler spricht von Passivitätskompetenz. Problematisch sei, dass Bürgerinnen und Bürger heute in der Regel "als Konsumenten, als Nutzenmaximierer, als Menschen, die bestellen sollen, angesprochen würden. "Diese Fehlhaltung trägt aus Sicht von Felix Heidenreich wesentlich zu einer eskalierenden Resonanzkrise zwischen Politik und Staat auf der einen Seite und Bürgerinnen und Bürger auf der anderen bei."

Mehr Demokratie wagen, mehr Zumutungen formulieren

Die Lösung, die Felix Heidenreich vorschlägt, ist nicht mehr Partizipation, sondern mehr Zumutungen zu formulieren: "Zumutungen sind keine Belästigungen. Eine marode Bahn, ein überkomplexes Steuersystem, ein verrückter Immobilienmarkt – das sind bloße Belästigungen. Wenn jedoch die Zumutungen der Demokratie gerecht verteilt, plausibel erläutert, transparent und fair sind, würden sie die Bürgerinnen und Bürger nicht schwächer, gestresster, ermatteter machen, sondern besser, stärker, erfahrener. Die alte Formel „Mehr Demokratie wagen!“ würde dann nicht einfach implizieren, immer mehr „Angebote“ zu machen, sondern eben auch: Mehr Zumutungen zu formulieren."

Zur Person Felix Heidenreich

Der Politikwissenschaftler und Philosoph arbeitet als wissenschaftlicher Koordinator am Internationalen Zentrum für Kultur und Technikforschung (IZKT) der Universität Stuttgart. Er studierte in Heidelberg, Paris und Berlin. Im akademischen Jahr 2017/2018 war er Alfred-Grosser Gastprofessor in Paris und Nancy (Sciences Po). Seit 2019 ist er chercheur associé am CEVIPOF, dem Forschungszentrum von Sciences Po Paris. Er publizierte zur politischen Theorie, zur Kulturtheorie und Kulturpolitik. Er habilitierte sich für das Fach Politikwissenschaft mit einer Arbeit über das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Demokratie.

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