Für Rainer Noebels ist die schlichte Kirche im Norden von Botnang zu einer Heimat geworden. Zusammen mit seiner Frau ist er 1982 von Berlin nach Botnang gezogen und auf die Kirche Christus Erlöser gestoßen. „Wir sind zum Pfarrer gegangen und haben gefragt, wie wir uns in die Gemeinde einbringen können“, erzählt der promovierte Mathematiker. Seither engagiert sich das Ehepaar an vielen Stellen: sie u.a. als Leiterin des Kinderchores, Rainer Noebels im Kirchengemeinderat. Ihre längst erwachsenen Kinder haben im Jugendraum unter der Kirche Gemeinschaft erlebt und Partys gefeiert. „Das waren sehr schöne und sehr intensive Jahre. Wir haben mit den ImPuls-Messen moderne Gottesdienstformen entwickelt, haben lebendige Familiengottesdienste gefeiert und tolle Kindermusicals gestaltet. Die Gemeinde ist für uns eine große Familie.“
Aber auch für Rainer Noebels ist inzwischen klar, dass sich die Kirche verkleinern und von Immobilien verabschieden muss. „Wir hatten viel Zeit, uns an den Gedanken zu gewöhnen.“ Tatsächlich war es ein Abschied über einen langen Zeitraum: Im Jahr 2011 hat der Stuttgarter Stadtdekanatsrat den Beschluss gefasst, dass kirchliche Zweitstandorte aufgegeben werden müssen. Darunter fiel eben auch Christus Erlöser, das nie eigene Pfarrei, sondern immer Filialkirche von St. Clemens war. Im Jahr 2017 folgte dann der Beschluss des Kirchengemeinderats, die Sonntagsgottesdienste von Christus Erlöser nach St. Clemens zu verlegen, ein erster Schritt hin zu einer stärkeren Konzentration. Und mit Beginn von Corona wurden aus Gründen der Bausicherheit bereits die Gemeinderäume unter der Kirche geschlossen. „Diese über viele Jahre erfolgende schrittweise Verlagerung hat uns an den Abschiedsgedanken gewöhnen lassen“, sagt Rainer Noebels. Weitere Beschlüsse zur Profanierung im Kirchengemeinderat folgten und jetzt kam schließlich auch die Zustimmung des Bischofs.
Kirche plant Mischung aus sozialer Nutzung und Wohnbau
Sowohl Rainer Noebels als auch Pfarrer Werner Laub hatten freilich gehofft, dass zum Zeitpunkt der Profanierung klar sein würde, was mit dem Grundstück passieren wird. Dieser Wunsch hat sich allerdings nicht erfüllt - trotz vieler Bemühungen seitens der Kirche. Das katholische Stadtdekanat Stuttgart hat in den vergangenen Jahren zusammen mit der Kirchengemeinde verschiedenste Planungen für das 3800 Quadratmeter große Grundstück entwickelt und auch Gespräche mit sozialen Trägern geführt. Ein größerer Beteiligungsprozess mit Menschen aus dem Stadtbezirk, einem Expertenworkshop und einer Gemeindeversammlung im Jahr 2021 war nur einer der vielen Schritte auf dem Weg zu einer sinnvollen Verwendung des Areals.
Stadt hat bisher kein grünes Licht gegeben
Seitens der katholischen Kirche ist die Idee, auf dem Grundstück soziale Nutzung mit Wohnbebauung auf gute Weise zu verbinden. So sehen die jüngsten Planungen die Einrichtung einer Kita, einer Einrichtung für ambulante Behindertenhilfe und eines Community Space vor. Aber entstehen soll eben auch dringend erforderlicher Wohnraum für Studierende, Mitarbeitende, sozial Schwache und eben auch Wohnungen zu marktüblichen Preisen. Die Stadt Stuttgarter hat allerdings bis heute für keinen der eingereichten Vorschläge grünes Licht gegeben, da der Bebauungsplan bisher nur Gemeinbedarfseinrichtungen und keine Wohnungen zu Marktmieten vorsieht und dafür eine Bebauungsplanänderung erforderlich wäre. „Wir schauen mit großer Dankbarkeit zurück auf ein halbes Jahrhundert mit einem vielfältigen Gemeindeleben. Der Abschied tut weh, aber wir als Kirche sind dafür bereit, unseren Beitrag zu leisten, damit mitten in Botnang etwas Neues entstehen kann. Wir haben mit viel Energie und Einsatz sehr gute Vorschläge erarbeitet, die kirchliche und soziale Anliegen mit Wohnungsbau kombinieren. Es liegt an der Stadt Stuttgart, den Weg freizumachen. Der vom Bund beschlossene Bau-Turbo würde eine baldige Umsetzung möglich machen. Es kann ja wohl nicht sein, dass mitten in Botnang eine Brache zurückbleibt“, sagt Stuttgarts Stadtdekan Christian Hermes.
Zur Geschichte der Kirche Christus Erlöser im Laihle
Die Schaffung neuer Wohngebiete in Stuttgart-Botnang in den 1960er Jahren verlangte auch nach neuen Kirchen in diesen Neubaugebieten: Im „Laihle“ wurde eine Kirche mit Gemeindesaal, Pfarrhaus und einer Kindertagesstätte geplant. Der Bau dieses kirchlichen Zentrums erfolgte in den Jahren 1970/71 nach Plänen von Architekt Fred Hummel. Am 14. Dezember 1971 wurde die Christus-Erlöser-Kirche durch Generalvikar Karl Knaupp geweiht.
Die Kirche ist ein einfacher Betonbau, dessen Innenraum sehr schlicht ausgestaltet ist, der aber eine enge Gemeinschaft zwischen Pfarrer und Gemeinde ermöglichte. Sie sollte möglichst effizient und kostengünstig der rasch wachsenden Bevölkerung im Norden Botnangs eine kirchliche Heimat bieten. Der Boom hielt allerdings nicht an, die Zahl der Katholikinnen und Katholiken sinkt auch in Botnang, aktuell gehören 2560 Botnanger der Kirche an (zum Vergleich: 2019 waren es noch 3110 Katholikinnen und Katholiken).