Inna Inna Wjaselewa holt ihr Handy aus der Handtasche. Das Gerät ist ihre Verbindung zur Heimat, all ihre Erinnerungen sind darin gespeichert. Sie zeigt ein kurzes Video, das sie im Keller des Supermarktes in Butscha aufgenommen hat, in dem sie zusammen mit ihrer Tochter Sofia 14 Tage und Nächte verbracht hat, bevor sie sich zur Flucht aufmachten. 34 Erwachsene und neun Kinder waren in dem Keller gefangen. Aufgenommen ist das Video gleich in der ersten Nacht, danach war der Akku leer und ohnehin kein Empfang mehr da. Der Film zeigt Menschen, die dicht gedrängt auf Matratzen oder auf Klopapierrollen liegen, zeigt ein schlafendes Baby und viele Kinder mit müden Gesichtern. Inna Inna Wjaselewa hat viele Jahre im Sicherheitsdienst des Supermarkts gearbeitet, bevor der Krieg kam. „Zusammen mit vielen Kollegen sind wir gleich am ersten Tag des Krieges in den Schutzkeller gegangen. Die russische Armee kam auf ihrem Marsch auf Kiew früh schon nach Butscha“, sagt die 45-Jährige.
Über eine verminte Brücke und dann im Zug nach Berlin
Zu Fuß, dann mit dem Zug sind Inna Inna Wjaselewa und ihre Tochter vor dem russischen Angriff geflohen. Sie sind über eine Brücke gerannt, die von russischen Soldaten vermint worden war, sie haben an Bahnhöfen gewartet, sind auf ihren Koffern gesessen mit all ihren Ängsten und Ungewissheiten. Und irgendwann kamen sie in Berlin an, wo sie sich mit Verwandten aus anderen Teilen der Ukraine getroffen haben. Inna Inna Wjaselewa und ihre Tochter sind weitergefahren. Warum gerade nach Stuttgart? „Der Name hat mir gefallen, ich wusste nicht, was uns erwartet“, sagt die 45-Jährige.
„Ich bin froh, mit Menschen meine Sorgen und Nöte teilen zu können“
Gefunden haben die beiden in Stuttgart zur ukrainisch griechisch-katholischen Gemeinde, die sich im Fasanenhof die Kirche und das Gemeindezentrum mit der Ortsgemeinde St. Ulrich teilen. In den Gemeinderäumen werden seit Beginn des Krieges Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel gesammelt und in regelmäßigen Abständen in die Ukraine gebracht. Die 45-Jährige hat zwei ukrainische Ordensfrauen, die seit einigen Wochen in der Gemeinde mithelfen, auf der Straße in Möhringen angesprochen. Auf diese Weise kam der Kontakt zustande. Jetzt besucht sie sonntags den Gottesdienst und trifft Menschen, die ebenfalls aus der Ukraine geflohen sind und andere, die schon seit vielen Jahren in Deutschland leben und die die Geflüchteten unterstützen. „Ich bin froh, hier mit Menschen meine Sorgen und Nöte teilen zu können. Ich bin auch froh, dass meine Tochter dort mit den Ordensfrauen sprechen kann und dass sie Gleichaltrige trifft“, sagt Inna Wjzelewa.
Die Mutter Ukrainerin, der Vater Russe
Ihren Mann hat Inna Inna Wjaselewa schon vor vielen Jahren verloren, sie war Witwe lange bevor der Krieg begann. Jetzt verfolgt die von Stuttgart aus den Krieg in ihrer Heimat. „Meine Mutter ist Ukrainerin, mein Vater Russe. Die russischen Soldaten töten alle, unabhängig von ihrer Herkunft“, sagt die 45-Jährige, die froh ist über die Waffenlieferungen, die aus vielen Ländern in die Ukraine gehen. „Wir sind angegriffen worden, wir müssen uns verteidigen können.“ Nach dem Abzug der russischen Armee aus Butscha sind Bilder des Grauens mit von Leichen überfüllten Straßen um die Welt gegangen. „Wir haben nicht weit von dieser zentralen Straße gewohnt, die auf den meisten Fotos zu sehen war. Auf unserer Flucht sind wir an den vielen toten Menschen vorbeigerannt, um die sich niemand kümmern konnte.“
Bei der Friedenskundgebung am Freitag im Oberen Schlossgarten möchte Inna Inna Wjaselewa sprechen. „Es ist mir wichtig, dass die Menschen wissen, was in Butscha und an anderen Orten passiert ist und noch passiert. Die Menschen dürfen die Augen vor dem Krieg nicht verschließen.“ Ihre Rede am Freitag wird Nataliya Bondar, die Kantorin der ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde übersetzen.
Informationen zur Friedenskundgebung
Die Friedenskundgebung am Freitag, 27. Mai, um 13 Uhr im Oberen Schlossgarten ist überschrieben mit den Worten: "Leben teilen heißt Trauer und Hoffnung teilen". Bei der Kundgebung sprechen werden auch Bischof Bohdan Dzyurakh, Apostolischer Exarch der katholischen Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien, Bischof Gebhard Fürst und Irme Stetter-Karp, die Präsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken
Das komplette Programm zum Katholikentag finden Sie hier.