Abschied nach 31 Jahren

Im Waldheim gelernt, was gute Leitung ausmacht

Andreas Schardt blickt auf mehr als drei Jahrzehnte im Dienst der katholischen Kirche in Stuttgart zurück. Als Geschäftsführer der Katholischen Sozialstation und der Kita-Abteilung hat er Strukturen aufgebaut, Reformen begleitet und zwei große soziale Arbeitsfelder geprägt: die ambulante Pflege und frühkindliche Bildung. Fragt man den 63-Jährigen, wo er seine Leitungserfahrung gesammelt hat, lautet die überraschende Antwort: als ehrenamtlicher Leiter in einem kirchlichen Waldheim. Im April verabschiedet sich Andreas Schardt in den Ruhestand.

An seinen ersten Arbeitstag als Leiter der Abteilung Soziales erinnert sich Andreas Schardt noch gut. Freundliche Begrüßung, kurzer Rundgang – und dann steht er in seinem Büro vor einem Problem, das sich rings um seinen Schreibtisch auftürmt: Aktenberge, aufgestapelt auf Tischen, die den Raum säumen. „Ich habe gefragt, ob das Ablage sei“, erinnert er sich. Die Antwort: nein. Das sei alles zu bearbeiten. „Papierberge haben mich schon immer nervös gemacht“, sagt Schardt. Damals schluckt er kurz und beginnt zu arbeiten.

Drei Jahrzehnte später blickt der 63-Jährige auf diese lange Zeit im Dienst der katholischen Kirche in Stuttgart zurück. Als Geschäftsführer der Katholischen Sozialstation und der Kita-Abteilung hat er Strukturen aufgebaut, Reformen begleitet, Prozesse digitalisiert und zwei große soziale Arbeitsfelder geprägt: Pflege und frühkindliche Bildung.

In der katholischen Kirche groß geworden

Zur Kirche kam Andreas Schardt schon früh – zunächst in jungen Jahren ehrenamtlich als Ministrant und Jugendgruppenleiter in seiner Chemnitzer Gemeinde in der damaligen DDR. Später dann als Ehrenamtlicher in der Gemeinde Herz Jesu im Stuttgarter Osten und als ehrenamtlicher Leiter des evangelischen Waldheims in Vaihingen. Als der damalige katholische Kirchenpfleger ihn nach seinem Studium der Verwaltungswissenschaft im Jahr 1995 ermutigte, sich auf die Leitung des Sozialbereichs zu bewerben, ging alles schnell. „Die Abteilungsleitung war damals sehr hoch gegriffen“, sagt Schardt heute mit einem Lächeln. Die „Abteilung“ bestand aus ihm und einer Schreibkraft mit 25-Prozent-Stelle. Heute sind es 30 Mitarbeitende allein im Verwaltungsbereich. 

Den grundlegenden Wandel im Pflegebereich begleitet

Es war 1995, ein einschneidendes Jahr für die Pflege in Deutschland. Am 1. April 1995 trat die gesetzliche Pflegeversicherung in Kraft. Für ambulante Pflegedienste bedeutete das einen radikalen Wandel. „Die Pflege war damals stark medizinisch geprägt“, erinnert sich Schardt. Blutdruck messen, Spritzen geben, Verbände wechseln. Mit der Pflegeversicherung änderte sich der Blick auf Pflege grundlegend: Alltagsunterstützung, Selbstständigkeit und soziale Aspekte rückten stärker in den Mittelpunkt. Aber auch die Notwendigkeit, als Sozialstation wirtschaftlich zu arbeiten und sich selbst zu finanzieren. 

Für die Sozialstationen bedeutete das: neue Strukturen, neue Abrechnungssysteme, neue Arbeitsweisen. Schardt organisierte Computer, führte Software ein und baute erstmals eine zentrale Leistungsabrechnung auf. Vieles, was heute selbstverständlich ist, musste damals erst entwickelt werden. „Die Pflegekräfte mussten lernen, in Modulen zu denken“, sagt er. Große Körperpflege, kleine Körperpflege, Betreuung – für viele war das anfangs fremd.“

In der Pflege: „Menschen sind heute besser versorgt“

Wenn Andreas Schardt heute auf die Pflege blickt, fällt sein Urteil eindeutig aus: „Die Menschen sind heute uneingeschränkt besser versorgt.“ Reformen haben die Leistungen erweitert, besonders in den letzten Jahren. Neben körperbezogener Pflege spielen heute soziale Aspekte eine größere Rolle: Gespräche, Spaziergänge, Betreuung im Alltag. Dinge, die früher oft nur „nebenher“ möglich waren. 

Positiv verändert hat sich auch die Bezahlung der Pflegekräfte: „Vor allem in den vergangenen fünf Jahren gab es enorme Gehaltssteigerungen und damit auch mehr Wertschätzung für diese wichtige und sinnstiftende Arbeit. Heute können Pflegekräfte mit ihrem Gehalt ihren Lebensunterhalt gut finanzieren, das war nicht immer so“, sagt der Verwaltungsfachmann. Wer in der ambulanten Pflege arbeite, schätze Eigenständigkeit. „Die Pflegekräfte versorgen viele Menschen zuhause und treffen jeden Tag viele Entscheidungen.“

Im Kitabereich: Bildungsauftrag stärker im Fokus 

Neben der Sozialstation verantwortet Schardt auch den Kita-Bereich der katholischen Kirche Stuttgart mit ihren fast 60 Kitas, 700 Mitarbeitenden und 3000 betreuten Kindern. Auch hier hat sich vieles verändert. „Der Bildungsauftrag ist heute viel stärker im Fokus“, sagt er. Früher stand die Betreuung stärker im Mittelpunkt, heute prägen pädagogische Konzepte den Alltag. Ein Thema beschäftigt Schardt besonders: eine zunehmende Individualisierung. „Die eigenen Bedürfnisse stehen stärker im Vordergrund.“ Für Kitas bedeute dies neue Herausforderungen – etwa im Umgang mit Medien oder sozialen Regeln. 

In den 31 Jahren in einem kirchlichen Leitungsamt waren Andreas Schardt immer drei Dinge wichtig: Fachkenntnis, die Fähigkeit zuzuhören – und Gerechtigkeit. „Gerechtigkeit ist wahrscheinlich das Schwierigste“, sagt er. Entscheidungen betreffen schließlich nicht nur einen einzelnen Menschen, sondern meist das ganze Team. Der Verwaltungsfachmann hat sich in seinem Arbeitsalltag immer an christlichen Werten orientiert. Diese Orientierung mache die katholische Kirche zu einem etwas anderen Arbeitgeber. „Ich erlebe hier oft, dass man versucht, Rücksicht auf persönliche Situationen zu nehmen“, sagt Schardt.

„Du musst die Menschen mitnehmen“

Fragt man den Stuttgarter Katholiken, wo er gelernt hat, was gute Leitung ausmacht, ist die Antwort klar: im Waldheim in Stuttgart-Vaihingen, das der Katholik im Ehrenamt 10 Jahre lang geleitet hat und dabei wichtige Erfahrungen sammeln konnte, die ihm bis heute in der Leitung helfen. „Wir haben jeden Sommer 400 Kinder betreut. Das funktioniert nur, wenn das Betreuerteam aus 150 jungen Leuten gut zusammenarbeitet.“ Andreas Schardt erinnert sich noch gut an die ersten abendlichen Teambesprechungen, die er als junger Mann geleitet hat: „In der ersten Woche bin ich rein und habe erst einmal aufgezählt, was am nächsten Tag besser laufen muss. Die Folge: schlechte Stimmung, weniger Motivation. Da lernt man schnell: Du musst die Leute mitnehmen, sagen, was alles gut läuft und dann gemeinsam schauen, was man im Sinne aller am nächsten Tag besser machen kann.“ 

Kirche muss auf gesellschaftlichen Wandel reagieren

Für die Kirche insgesamt wünscht sich Schardt vor allem eines: „Dass sie Wege findet, in einer sich wandelnden Gesellschaft verstanden zu werden – ohne ihre eigene Identität zu verlieren.“ Kirche kann den Menschen viel geben, ist Schardt überzeugt. Er hat es selbst erlebt, in seiner Chemnitzer Gemeinde. „Das war ein gutes Miteinander. Als christliche Gemeinde in der damaligen DDR waren wir in einer Diaspora-Situation, das hat uns zusammengeschweißt“, sagt Andreas Schardt. 

Christliche Werte auch im Ruhestand leben

Auch im Ruhestand will der Stuttgarter christliche Werte leben. Ideen hat er viele: kleine handwerkliche Hilfe für Seniorinnen und Senioren, Engagement bei der Schwäbischen Tafel, Vorlesepate in einer Kita. Oder Coaching für junge Führungskräfte. „Ich begleite gerne Menschen auf ihrem Weg“, sagt er.

Auf seine Lebensleistung angesprochen, bleibt Schardt bescheiden. „Stolz“ sei nicht das richtige Wort. Aber zufrieden sei er. Die Sozialstation und auch den Kita-Bereich habe er in eine stabile und zukunftsfähige Struktur geführt. Und würde er denselben Weg noch einmal gehen? „Ja. Das war der Weg, der am besten zu mir gepasst hat.“

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