Für Simone Püttmann war es ein kreativer Schaffensprozess: ein halbes Jahr hat die Kunsthandwerkerin an dem Konzept gearbeitet, ein halbes Jahr an der Umsetzung. Sie hat Stunden in der Domkirche verbracht und die Kunst auf sich wirken lassen. Inspiriert vom Austausch mit einem befreundeten Theologen hat sie ein Konzept entwickelt, das die mehr als 2000 Jahre alte frohe Botschaft mit hoher Buchkunst verbindet. „Ich bin ein gläubiger Mensch, das hat mir den Zugang erleichtert. Ich weiß, welcher Wert sich in den Worten der Evangelien verbirgt. Diesen Wert wollte ich mit meiner Handwerkskunst für jede und jeden sichtbar machen“, sagt die Buchbindemeisterin. Stuttgarts Stadtdekan und Dompfarrer Christian Hermes schätzt das Werk, aus dem künftig an Festtagen gelesen wird: „Wir freuen uns über das neue Evangeliar, das viele Stilelemente unserer Kirche aufnimmt. Wir sind dankbar für ein unverwechselbares Evangeliar, das für unsere Kirche geschaffen wurde.“
Simone Püttmann setzt Techniken aus dem Mittelalter ein
Gelungen ist das Werk mit Techniken, die schon im Mittelalter bekannt waren und die heute nur noch wenige Menschen beherrschen. Dazu zählt zum Beispiel der dreiseitige Goldschnitt, den Simone Püttmann von Hand gefertigt hat mit Einsatz einer Eiweiß-Wasser-Mischung, die in einer festgelegten Abfolge aufgetragen werden muss. Um den Goldschnitt besonders dekorativ zu gestalten, hat Simone Püttmann diesen mit Hilfe eines eigens dafür hergestellten Messingstempels punziert, so dass regelmäßige Kreise auf dem Goldschnitt entstanden sind. Verarbeitet hat sie für das Festtags-Evangeliar nur hochwertigste Materialen, feines Oasenziegenleder, Blattgold, reines Palladium und von Hand gefertigte Kapital- und Zeichenbänder.
Den Wert des Wortes mit der Kunst sichtbar machen
Die Symbolik des Buches zu erschließen ist genauso herausfordernd wie die angewandten Buchbinde- und Buchgestaltungstechniken. Die Vorderseite des Evangeliars ist geprägt durch vier Kreise, die sich teilweise überschneiden und zusammen das Kreuz hervortreten lassen, das die Mitte der Evangelien und eben auch die Mitte der Evangeliar-Vorderseite bildet. Die verschiedenfarbigen Kreise erinnern daran, dass das Zeugnis von Jesus Christus in vier Evangelien überliefert ist. Diese nehmen Bezug aufeinander und sind zugleich eigenständige Zeugnisse mit ganz eigener Prägung und Farbe. Das Kreuz auf der Rückseite des Evangeliars nimmt Bezug auf die große Fensterrosette über der Eingangsfassade von St. Eberhard, die Christus und die zwölf Apostel zeigt. Vom Kreuz auf der Vorderseite des biblischen Buches verläuft eine blutrote Linie, die auf Tod und Leben, Kreuz und Auferstehung hinweist. Stadtdekan Christian Hermes erklärt die Tradition, die jetzt in St. Eberhard sichtbar wird: „Das Buch der Evangelien wird seit Jahrhunderten mit noch größerer Sorgfalt hergestellt und geschmückt und noch höher verehrt als jedes andere Buch mit biblischen Lesungen. Der Wert des Wortes wird durch die wertvoll gestalteten Bücher anschaulich gemacht.“
Gemeinde hat Spenden gesammelt
Die Gemeinde hat in den vergangenen Monaten Spenden gesammelt, um das Evangeliar zu finanzieren. „Wir sind dankbar für die großartige Unterstützung der Gemeindemitglieder und der zahlreichen Freundinnen und Freunde von St. Eberhard, die ein solches Buchkunstprojekt überhaupt erst möglich gemacht haben“, sagt Stadtdekan Hermes.