Besuch im Haus 49

Mobile Jugendarbeit muss so mobil sein wie die jungen Leute

Die Krawallnacht in der Stuttgarter Innenstadt hat Stadtdekan Christian Hermes zum Anlass für einen Besuch im Haus 49 im Nordbahnhofsviertel genommen. In dem internationalen Stadtteilzentrum der Caritas Stuttgart treffen sich tagsüber Schulkinder und abends Jugendliche aus dem Viertel. Es waren vor allem drei Fragen, die sich durch das Gespräch mit den in der Mobilen Jugendarbeit erfahrenen Sozialarbeiterinnen zogen: Wie konnte es zu den Ausschreitungen kommen? Wie sieht die Lebenswelt junger Menschen aus? Wie ist das Verhältnis der Jugendlichen zur Polizei? Als Caritasratsvorsitzender und Stadtdekan war es für Hermes wichtig zu hören, welche sozialpolitischen Maßnahmen die Caritas jetzt für angemessen hält. „Wichtig ist für mich, dass die Mobile Jugendarbeit so mobil ist wie die jungen Leute.“

Die Reaktion der Jugendlichen aus dem Nordbahnhofviertel auf die Ausschreitungen in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni fasst die Sozialarbeiterin Andrea Krombacher kurz und pointiert folgendermaßen zusammen: „Kacke für die Ladenbesitzer, aber die Polizei hat es verdient“. Wie es zu einer solch starken Ablehnung der Polizei kommen kann, erklärt ihre Kollegin Veronika Laengrich: „Die Jugendlichen haben schon seit ihrer Kindheit Begegnungen mit der Polizei, und diese verlaufen leider in vielen Fällen negativ.“ Viele harsche Kontrollen, wenig freundliche Worte.

Viele Polizeibeamte von außerhalb in Einsatz

Dennoch bezeichnen die Sozialarbeiterinnen die Kooperation mit dem Polizeirevier Wolframstraße als sehr gut: „Nur: Bei den regelmäßigen Kontrollen werden häufig Beamte von außerhalb eingesetzt, die dadurch keinen Bezug zum Viertel haben.“ Dennoch sei es für die Jugendlichen beispielsweise ein wichtiges Erlebnis, einmal im Jahr bei einem Kooperationsprojekt im Team mit Polizeibeamten Tischkicker zu spielen. Wenn dann noch einer der beteiligten Polizisten bei einem Einsatz zu einem der jungen Männer nach Hause komme und die Schuhe ausziehe, bevor er die Wohnung betrete, führe dies zu einer überraschten Reaktion: „Der war voll korrekt“, und das nehmen die Jugendlichen dann auch positiv wahr, sagt Veronika Laengrich.

Gewalt  zwischen Geflüchteten und anderen Migranten 

An der strukturellen Benachteiligung vieler Jugendlicher aus dem Viertel ändere eine solche Begegnung zwar nichts, es füge aber ihrem Bild von Polizei und Staatsgewalt eine andere Nuance hinzu. Von den Jugendlichen aus dem Nordbahnhof sei fast keiner in der Krawallnacht in der Innenstadt dabei gewesen. „Die bleiben lieber im Viertel, da sind die Rangordnungen geklärt und man trifft sich in den bekannten Shisha-Bars“, erzählt Andrea Krombacher. Die beiden Sozialarbeiterinnen erleben immer wieder, dass es im Nordbahnhofviertel zu Gewalt zwischen den jungen Menschen kommen kann, aber nicht gegen Außenstehende wie in der Innenstadt. „Zu Auseinandersetzungen kommt es zum Beispiel zwischen Geflüchteten und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, deren Familien schon lange in Deutschland leben. Die Geflüchteten führen den anderen ihre eigene Benachteiligung wieder deutlich vor Augen“, so Veronika Laengrich.

„Ungeheure Gruppendynamik, die nur schwer zu stoppen ist“

Was viele junge Männer jedes Wochenende in die Innenstadt treibt, ist aus Sicht von Armin Biermann, dem Leiter der Bereichsleiter Jugend- und Familienhilfe beim Caritasverband Stuttgart, vor allem die Anonymität und die Gewissheit, dass allein durch die schiere Masse an Menschen dort immer etwas passiere. „Wenn die Gewalt dann so eskaliert wie an dem Wochenende, ist das wie ein Drogentrip, verstärkt durch eine ungeheure Gruppendynamik, die nur noch schwer zu stoppen ist.“ Angeheizt werde alles zusätzlich durch die sozialen Medien, in denen man mit allen Mitteln um Aufmerksamkeit buhle. „Von den beteiligten Jugendlichen hat in der Nacht keiner an die Konsequenzen gedacht“, so Biermann.

Sozialarbeit mit Jugendlichen ist Beziehungsarbeit

Jetzt warnt der Caritas-Bereichsleiter die Politik im Nachgang zu den Krawallen vor blindem Aktionismus: „Wir wissen noch viel zu wenig. Wir müssen mit den Streetworkern rausgehen und schauen, wer trifft sich da an den Wochenenden rund um Eckensee und Schlossplatz. Sind das jedes Wochenende dieselben Gruppen oder haben wir es jedes Wochenende mit anderen jungen Menschen zu tun? Wir brauchen eine gründliche Analyse der Situation, dann können wir wie zuletzt beim Milaneo eine angepasste Strategie für die Sozialarbeit entwickeln.“ Grundsätzlich aber gelte: Sozialarbeit mit Jugendlichen sei in erster Linie Beziehungsarbeit und damit ein längerer Prozess. „Es reicht nicht, an einem Abend mit jemandem eine Viertelstunde zu sprechen.“

In der Innenstadt soll eine Mobile Jugendarbeit aufgebaut werden

Armin Biermann genauso wie Stadtdekan Hermes halten es für wichtig, dass in nächster Zeit auch in der Stuttgarter Innenstadt eine Mobile Jugendarbeit aufgebaut wird, genauso wie in den anderen Stuttgarter Stadtbezirken, die Basis sein soll für alles Weitere. Wichtig aus Sicht von Stadtdekan Hermes ist dabei, dass die Mobile Jugendarbeit stadtweit noch mobiler – so mobil wird wie es die Jugendlichen schon sind. „Und wir brauchen regelmäßige und gewaltfreie Begegnungen zwischen Jugendlichen und Polizisten. Nur so lässt sich gegenseitiges Verständnis aufbauen. Da braucht es auf beiden Seiten eine Verstetigung.“ Stadtdekan Hermes möchte außerdem auch die angrenzenden Kultureinrichtungen mit den Sozialarbeitern der Caritas in Kontakt bringen.

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