Stadtdekan Christian Hermes

„Wir sehen ein kaputtes System unserer Kirche, das fassungslos macht“

Das Münchner Missbrauchsgutachten erschüttert die katholische Kirche ein weiteres Mal. Im Interview spricht der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes über die systemische Korrumpiertheit seiner Kirche, über die Gleichgültigkeit von Amtsträgern gegenüber den Opfern, über eine Priesterausbildung, die Menschen sakralisiert und über monarchische Herrschaftsstrukturen. Er erklärt aber auch, wie viel vor Ort getan wird, um Missbrauch zu verhindern und warum er glaubt, dass die katholische Kirche sich verändern muss und kann, auch wenn der Synodale Weg scheitern könnte.

Herr Hermes, das Missbrauchsgutachten aus München zeigt wieder einmal, dass sexueller Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche jahrelang vertuscht wurde. Die Täter wurden geschützt, die Opfer nicht. Wie erklären Sie sich das?

Das Schockierende ist: Jedes Gutachten zeigt immer dasselbe Bild eines gegenüber den Opfern weitgehend gleichgültigen und sich jedenfalls mit allen Mitteln schützenden klerikalen Apparates. Aufklärung kommt, wenn sie kommt, nur von außen. Der Fehler steckt also im System und hat System. Jeder einzelne Fall ist erschreckend. Darüber hinaus sehen wir aber im Gesamtbild eine systemische Korrumpiertheit unserer Kirche, die fassungslos macht. Mal ganz einfach und mit gesundem Menschenverstand: Für jeden einigermaßen empathiefähigen und sozial empfindenden Menschen wäre es selbstverständlich, zuerst den Opfern zu Hilfe zu kommen und sich für sie zu interessieren. Hier hatten wir aber offenbar Amtsträger, die diese normale menschliche und christliche Regung erfolgreich abtrainiert hatten. Sie hatten das oberste Gebot des Schutzes des Ansehens und der Glorie der Kirche so verinnerlicht, dass sie Gleichgültigkeit und Vertuschung sogar als geboten empfinden konnten. Menschen mit einer repressiven Moral schikanieren und im eigenen Apparat alle Augen zudrücken und die Opfer überhaupt nicht wahrzunehmen: Das ist wahres Pharisäertum.

Bleiben die Opfer noch immer auf der Strecke?

Sie sind viel zu lange auf der Strecke geblieben: in den Kirchen, in Kultur- und Bildungseinrichtungen, im Sport, in Familien, in der ganzen Gesellschaft, hier bei uns und wohl auf der ganzen Welt. Da schauen wir gewissermaßen in einen globalen menschlichen Abgrund. Opfer von Gewalt, egal welchen Alters und Geschlechts, wahrzunehmen und ihnen Recht und Stimme zu geben, ist menschlich und christlich geboten. Und es ist zutiefst im Sinne Jesu: Was ihr den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan. Ich hoffe sehr, dass Entsetzen und Erschütterung nun zu einer echten geistlichen, menschlichen, theologischen und rechtlichen Umkehr führt. Nicht mit Worten, sondern mit Taten, und nicht mit Aktionismus, sondern mit nachhaltigen und belastbare Verbesserungen im System.

Welche Konsequenzen fordern Sie für die Täter?

Das kirchliche Strafrecht wurde verschärft, berücksichtigt aber immer noch zu wenig die moralischen und rechtlichen Ansprüche von Betroffenen: Klagerechte, Auskunftsrechte, schlicht auch die Perspektive, dass das Verbrechen nicht vorrangig in der Verletzung eines Gebots, sondern in der Verletzung eines Menschen besteht. Das Gewaltmonopol hat aus guten Gründen der Staat, aber auch da würde ich mir übrigens, was etwa Verjährungen angeht, Verbesserungen wünschen. Das kirchliche Strafrecht, wie zum Beispiel auch das Parteienrecht oder das Recht sonstiger selbstverwalteter Verbände, wirkt dagegen recht schwach. Die Kirche hat im modernen Rechtsstaat zurecht natürlich keine Möglichkeit, zum Beispiel einen Täter freiheitsentziehenden Maßnahmen zu unterwerfen. Die schlimmste Strafe ist der Rauswurf. Das wirkt hilflos, und das erst recht, wenn man bedenkt, dass damit nicht verhindert wird, dass ein Krimineller dann eben außerhalb sein Unwesen treibt. Wenn aber Täter in der Kirche bleiben, muss es resozialisierende und therapeutische Begleitung, aber auch engmaschige Überwachung geben. Der Einsatz in der Seelsorge, und zwar nicht nur mit Kindern, muss restriktiv geprüft und gehandhabt werden. Denn wer Grenzen von Menschen nicht respektiert, der ist nicht geeignet, in einem so sensiblen Bereich zu arbeiten.

Was bedeutet die Studie aus dem Erzbistum München für das Stadtdekanat Stuttgart? Welche Auswirkungen spüren Sie?

Nicht nur in Stuttgart, auch im Austausch mit anderen Stadtkirchenleitungen zeigt sich: Der Vertrauensabsturz hat an Dynamik noch zugenommen. Auch unter den Haupt- und Ehrenamtlichen, Frauen und Männern, die in der Kirche arbeiten oder sich engagieren, stelle ich fest, dass die Grenze des Erträglichen ausgereizt ist. Und das kann ich gut verstehen. Alle, die in Gemeinden und Einrichtungen gute und verantwortungsvolle Arbeit machen, erleben, wie all das völlig überschattet und entwertet zu werden scheint, wofür sie stehen und sich einsetzen. Das ist für mich und für viele absolut entmutigend. Lange Jahre hat man gesagt, wenn es anderswo Skandale gab oder irgendwelche strittigen Vorgaben und Weisungen des Lehramtes kamen: Wir machen hier unsere Arbeit und versuchen sie gut, aufrichtig und menschendienlich zu machen. Und lange haben die Kirchenmitglieder auch gut unterschieden zwischen ihrem Erleben der Kirche vor Ort und kirchlichen Fehlleistungen anderswo. Ich stelle zunehmend fest, dass dies vielen Kirchenmitgliedern und Mitarbeitenden nicht mehr gelingt. Es ist einfach zu viel, und für viele ist es genug. Ich fürchte, hier findet eine „Kernschmelze“ statt, die kaum noch einzuholen ist.

In der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurde eine Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Beschäftigte gegründet. Müssen wir uns hier auf ähnliche Ergebnisse wie in München gefasst machen?

Das wird man sehen. Allein aus der Nachbardiözese Freiburg wissen wir schon jetzt, dass ein früherer Erzbischof und langjähriger Personalchef im Umgang mit Missbrauchsfällen schwere Schuld auf sich geladen hat. Als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz hat er dann aber den Aufklärer gespielt. Für unsere Diözese kann ich sagen, dass der Diözesanrat, dem ich angehöre, mit Argusaugen überwacht, ob bei der Aufarbeitung von Missbrauch ordentlich gearbeitet wird. Ich will jedenfalls unserem Bischof, der sich schon viel früher als andere und mit großer Überzeugung bei diesem Thema engagiert hat, glauben, dass er es ernst meint. Ich selbst kann für meine Amtszeit als Stadtdekan, also für die vergangenen zehn Jahre, sagen, dass mir kein akuter Fall von Kindesmissbrauch bekannt gemacht wurde. Gott sei Dank.

Was tut die Stuttgarter Kirche, um Missbrauch zu verhindern?

Natürlich kommt es hin und wieder vor, wie in jeder Schule, jedem Verein und jeder sozialen Einrichtung oder Organisation, dass Menschen sich unangemessen oder grenzüberschreitend verhalten. Dem wird auch disziplinarisch nachgegangen. Mit meinem Team arbeite ich daran, dass die Regeln zur Prävention konsequent umgesetzt werden. In Stuttgart haben alle Gemeinden und Einrichtungen, die mit Kindern, Jugendlichen oder Schutzbedürftigen zu tun haben, ein Schutzkonzept in Kraft gesetzt. Wir haben klare Handlungsanweisungen und Pläne, was bei einem Verdacht zu tun ist. Ich lege allergrößten Wert darauf, dass diese Regeln dauerhaft implementiert und in einer Kultur des Respekts und der Aufmerksamkeit gelebt werden. Ich stehe dafür ein, dass die Katholische Kirche in Stuttgart ein sicherer Ort für alle ist, und ganz besondere für die, die besonderen Schutz brauchen. Wer das nicht aktiv mitträgt, der hat in der Stuttgarter Stadtkirche nichts verloren.

Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt, dass das Vertrauen in die katholische Kirche kontinuierlich zurückgeht. Wie wollen Sie das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen?

Unsere Diözese und wir in Stuttgart nehmen das Thema Prävention sehr ernst. Es hat sich eingespielt und wird auch von den Menschen, die bei uns hauptamtlich oder ehrenamtlich engagiert sind, aber auch von Familien und Partnerorganisationen inzwischen als Qualitätsmerkmal geschätzt. Ich habe initiiert, dass wir über die sehr am Delikt orientierte Perspektive, die mit Strafrecht und Zeugnisvorlagepflichten verbunden ist, hinausgehen. So haben wir das Programm „Kinderstärke(n)“ aufgesetzt mit der Zielsetzung, in allen Bereichen, wo wir mit Kindern und Jugendlichen und Familien zu tun haben, auf positive Bestärkung und Unterstützung zu setzen: damit Kinder stark und wehrhaft werden, ihre Rechte kennen, sich abgrenzen können und wissen, wo und wie sie im Notfall Hilfe bekommen. Das muss in nächster Zeit noch in die Kitas, die Kinder- und Jugendgruppen, Chöre, Erstkommunion- und Firmvorbereitung, in den Religionsunterricht weiter ausgerollt werden. Wie schon gesagt: Wir können nur versuchen, es so gut wie möglich zu machen. Vielleicht schaffen wir es, irgendwann sogar als Organisation wahrgenommen zu werden, die den Schutz der Würde von Menschen vorbildlich wahrt.

Das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit sinken. Welche guten Gründe gibt es, eben doch in der katholischen Kirche zu bleiben?

Es tut mir persönlich so weh zu sehen, wie die fast schon chronisch gewordenen Skandale und das Führungsversagen in dieser Kirche alles überlagern. Das ist jetzt die Lage, damit müssen wir klarkommen, aber es tut dennoch weh und macht wütend. Denn für mich stand und steht Kirche genau für das Gegenteil: für Menschenwürde, Freiheit, eine Ethik der Wahrhaftigkeit, des Friedens, der Gerechtigkeit. Da hat das Evangelium, da haben die großen Glaubenszeugen, da hat all das, was Christinnen und Christen getan haben und heute im Sinn des Evangeliums tun, für mich nichts von seiner Kraft eingebüßt. Und das gibt mir auch die Kraft, dabei zu bleiben und in dieser Kirche zu beten und zu arbeiten, damit diese Sache Jesu richtig und glaubwürdig gelebt werden kann. Und das fängt bekanntlich nicht mit dem Zeigen auf andere, sondern bei einem selbst an. Das Gute ist ja: Die Menschen nehmen wahr, was wir sind und tun, ob wir persönlich glaubwürdig und überzeugend sind und ob das, was wir tun und wofür wir stehen, für sie relevant ist. Und dann entscheiden sie. Wenn wir nicht glaubwürdig sind, muss es uns auch nicht mehr geben als Kirche.

Wird der Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland aus der Krise helfen?

Demnächst tagt die dritte Synodalversammlung, und in den vier Themenbereichen wurden eine ganze Reihe sehr guter und weiterführender Texte erarbeitet. Es gibt kein Thema, von Macht und Gewaltenteilung über Gleichberechtigung, Priesteramt bis Sexualmoral, zu dem nicht die brisanten Punkte, die sich im Missbrauch und seiner Vertuschung gezeigt haben, angegangen würden. Aber: die entscheidenden Abstimmungen stehen noch bevor. So müssen die Beschlüsse nicht nur die Zustimmung von Zweidrittel aller Mitglieder der Synodalversammlung, sondern auch von Zweidrittel der 69 Bischöfe finden. Und selbst dann führt dies bei allen „großen“ Themen nur dazu, dass ein „Votum“ und eine „Bitte“ nach Rom geschickt wird. Ich sehe zwar, dass der Synodale Weg auch mit großer Sympathie in anderen Ländern wahrgenommen wird, aber ebenso, dass Teile der Weltkirche und auch der Vatikan mit größter Irritation beobachten, was hier vor sich geht. Es gibt aus den vergangenen Jahren kein einziges Zeichen aus Rom, dass man bereit ist, sich in den wesentlichen Punkten zu bewegen. Insofern halte ich leider an meiner Prognose fest, dass der Synodale Weg selbst wenn er zu Beschlüssen kommt, brutal scheitern wird, dass aber nur so der nächste historische Schritt möglich sein wird. Es ist hart, aber manchmal muss einfach erst sehr viel passieren, bis etwas passiert.

Würde eine Öffnung des Zölibats die katholische Kirche voranbringen? Würde sie dadurch glaubwürdiger und zeitgemäßer werden?

Die Kirche hat mit einer neurotischen, auf Unterdrückung, Verdrängung oder Verleugnung ausgerichteten Fehlform von Sexualmoral - früher noch mehr als heute - viel Schaden angerichtet. Hinzu kommt ein Kirchenverständnis, das nicht auf erwachsene Freiheit und Autonomie, sondern auf kindlichen Gehorsam setzte, und eine Priesterausbildung, die Abschottung, Anpassung, Gehorsam und Korpsgeist favorisierte. Der Zölibat ist eine ehrenwerte Lebensform, die aber genauso einer Kultur bedarf wie eine Beziehung. Krank und verkorkst wird es, wenn er Leute anzieht, die mit ihrer Sexualität oder ihrem Bedürfnis nach Anerkennung und Beziehung nicht gesund klarkommen und im priesterlichen Zölibat hoffen konnten, die Vermeidung notwendiger Reifungsschritte auch noch spirituell zu verklären und mit einem hohen sozialen Status zu veredeln. Der Zölibat ist aber gerade keine Lebensform für Menschen, die mit sich nicht klarkommen, sondern setzt im Gegenteil ein hohes Maß an Reife, Beziehungsfähigkeit und Selbstsicherheit voraus. Das ist natürlich nicht immer ein einfacher Weg, keine Frage. Ich bin froh, dass sich da in den vergangenen Jahrzehnten bei uns, bis hin zur psychologischen Begutachtung und Begleitung, vieles getan hat. Klar ist für mich, dass eine Öffnung des kirchlichen Amtes für in Ehe und Familie bewährte Männer und ebenso auch für Frauen das Setting verändern würde. Und was die verheirateten Priester angeht, haben wir sie ja schon in den mit uns unierten Ostkirchen, beispielsweise auch hier in Stuttgart in Person des ukrainisch-katholischen Pfarrers.

Wie passt das klerikale System in das 21. Jahrhundert?

Gar nicht. Menschen zu sakralisieren und mit „göttlicher Vollmacht“ auszustatten führt dazu, dass Macht oder Geltungsbedürfnis spiritualisiert, verschleiert, immunisiert und der Kritik entzogen wird. Solche Leute fühlen sich dann wie kleine „Herrgöttle“. Zum Glück ist eine aufgeklärte Öffentlichkeit und sind viele Kirchenmitglieder nicht mehr bereit, monarchische und hierarchische Herrschaftsstrukturen, die Willkür und Machtmissbrauch ermöglichen oder einfach versagensanfällig sind, zu akzeptieren, weil dies angeblich so gottgegeben ist. Deshalb braucht es Machtkontrolle und echte Mitbestimmung, „checks and balances“, ein Ende von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. Was die Gleichberechtigung angeht, sollte die Kirche endlich kapieren, dass die Überzeugung, dass Menschen nicht aufgrund ihres Geschlechtes diskriminiert werden dürfen, nicht nur irgendeine komische europäische Mode ist, sondern sich im Kanon der Menschenrechte weltweit etabliert und hoffentlich weiter durchsetzt. Die Kirche muss verstehen: Fehlende Gleichberechtigung ist heute für viele, zumal Jüngere, ein ganz grundsätzliches Thema. Es ist für sie einfach inakzeptabel und undenkbar, in einer Organisation Mitglied zu sein, die sie als diskriminierend erleben, oder an einen Gott zu glauben, in dessen Namen diskriminiert wird. Das sind „No gos“!

Zum Schluss: An wen können sich Opfer wenden?

Es gibt die Internetseite www.hilfeportal-missbrauch.de und das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (0800/2255530), wo man sich auch anonym beraten lassen kann. Nach dem Befund der Studie ist Opfern zu raten, sich aber auch unmittelbar an die Polizei zu wenden. Für die Kommission in unserer Diözese ist freilich klar, dass Polizei und Staatsanwaltschaft nur mit Zustimmung eines Opfers eingeschaltet werden. Gerade wenn der Missbrauch schon länger zurückliegt, wollen Opfer die alten Wunden nicht wieder aufreißen. Das ist dann auch zu respektieren.

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