Wer die umgebaute Kirche betritt, erlebt einen deutlich helleren und offeneren Raum. Die grundgereinigten Fenster lassen viel Licht herein, Wände und Boden sind zurückhaltend gestaltet, warme Holztöne und gezielte Farbakzente setzen Kontraste. Zugleich ist die Kirche konsequent auf Veränderung angelegt: Bänke und weiteres Mobiliar können versetzt, Bereiche durch Vorhänge verkleinert und Workshopflächen mit wenigen Handgriffen eingerichtet werden. Das neue Holzkreuz ist ebenfalls mobil und kann an mehreren Punkten im Kirchenraum aufgestellt werden.
„Wir haben über Jahre ausprobiert, was ein solcher großer Kirchenraum ermöglichen kann. Dabei war uns wichtig: Wenn jemand hereinkommt, soll er etwas entdecken können und einen Ort finden, an dem er für diesen Moment gerne sein möchte – zum Beten, Nachdenken, Mitmachen oder um anderen zu begegnen“, sagt Jugendseelsorger Maximilian Magiera. Für ihn ist gerade die Wandelbarkeit ein Schlüssel des neuen Konzepts: „Man kann in demselben Raum unterschiedliche Atmosphären schaffen – für einen klassischen Gottesdienst genauso wie für eine Andacht, einen Workshop, Musik oder ein Gespräch. Wir freuen uns, wenn schon bald viele Menschen mit ihren Ideen die Kirche mit Leben füllen.“
Ein aktives und ein kontemplatives Seitenschiff
Die beiden Seitenschiffe haben unterschiedliche Schwerpunkte. Das aktive Seitenschiff ist für Gemeinschaft, Diskussionen, Workshops und kreative Formate gedacht. Ein Trinkwasserbecken ist symbolisch Quelle des Glaubens, aber auch praktischer Wasserspender an heißen Tagen. Im kontemplativen Seitenschiff stehen Gebet und Stille im Mittelpunkt. Dort finden sich unter anderem ein stiller Rückzugsort in einer kleinen Kapelle, eine Gedankennische mit einem Buch für eigene Gedanken, ein Steckspiel mit Buchstaben, eine Klangschale sowie der neu gestaltete Ort der Marienverehrung.
Eine historische Marienfigur, die aufwendig restauriert wurde, trifft dort auf ein modernes Glaskunstwerk in verschiedenen Blautönen, das das Architekturbüro Prinzmetal entworfen hat. Gerade diese Verbindung von Geschichte und Gegenwart prägt die gesamte Kirche: Der historische Tabernakel ist erhalten, ebenso der Altar aus der Renovierungsphase der 1970er Jahre; neue Elemente wie Ambo, Kreuz, Möbel und das Glaskunstwerk treten hinzu.
Ein Kreuzweg, der Fragen an das eigene Leben stellt
Eine Besonderheit ist der neue Wörterkreuzweg. Acht Stationen ziehen sich durch die Kirche. Statt klassischer Bilddarstellungen begegnen den Besucherinnen und Besuchern kurze Sätze im Boden, die als Frage oder Aussage gelesen werden können, darunter „Was willst du/Was du willst“, „Was trägst du/Was du trägst“, „Wer hilft dir/Wer dir hilft“, „Würde ist unantastbar“ und am Ende „Du bist Leben“.
„Die Fragen sollen die Geschichte Jesu mit dem eigenen Leben verbinden“, erklärt Magiera. „Wer hier entlanggeht, kann überlegen: Was trage ich gerade mit mir? Wo stehe ich? Und am Ende steht ganz bewusst die Zusage: Du bist Leben.“
Über Jahre gemeinsam entwickelt
Der Umbau ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Bereits 2018 begann mit einem „Denklabor“ die Suche nach neuen Formen für die Kirche. In den folgenden Jahren wurden Nutzungsideen erprobt und weiterentwickelt. In einem Bauausschuss arbeiteten Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinde, junge Menschen, das Katholische Jugendreferat Stuttgart, das Stadtdekanat und die Architekten zusammen. Realisiert wurde der Umbau nach den Plänen von Aaron Werbick und Gerald Klahr vom Architekturbüros Prinzmetal, die auch einen Teil der liturgischen Orte wie etwa das Taufbecken neu konzipiert und gestaltet haben. Der leitende Pfarrer Josef Laupheimer ist begeistert von der renovierten Kirche: „Ich freue mich auf die Feier der Gottesdienste in der lichtdurchfluteten, einladenden Kirche mit ihren neu gestalteten liturgischen Orten.“ Und die Gewählte Vorsitzende Angela Schardt schätzt die Kirche als Ort der Begegnung: „Ich freue mich auf all die Begegnungen mit Menschen verschiedenen Alters und aus aller Welt."
Junge Kirche statt Trennung nach Generationen
Mit der Eröffnung hat der Ort auch einen gemeinsamen Namen erhalten: Junge Kirche Sankt Nikolaus. Dahinter steht bewusst keine ausschließliche Jugendkirche. Gemeinde und Jugendreferat wollen Angebote schaffen, die Kinder, Jugendliche, Familien, junge Erwachsene und Junggebliebene ansprechen. „Wir möchten uns nicht aufteilen in: Hier macht die Jugend etwas und dort die Gemeinde. Wer sich angesprochen fühlt, ist dabei und kann mitfeiern und mitgestalten.“ Die Kirchengemeinde Sankt Nikolaus und das Katholische Jugendreferat Stuttgart tragen die Junge Kirche gemeinsam.
Geschichte der Kirche St. Nikolaus
Sankt Nikolaus ist die älteste der vier katholischen Ostgemeinden. Die Kirche wurde ab 1895 nach Plänen von Baurat Ulrich Pohlhammer errichtet und 1899 geweiht. Im Zweiten Weltkrieg brannte sie aus und wurde anschließend wiederaufgebaut. Zuletzt war sie in den 1970er Jahren umfassend renoviert worden. Die Kosten des aktuellen Umbaus liegen bei rund vier Millionen Euro. Große Anteile tragen das Katholische Stadtdekanat Stuttgart und die Diözese Rottenburg-Stuttgart; 140.000 Euro bringt die Gemeinde über Spenden auf.